Sartre Philosophie als Lebensform.
Buch über Jean-Paul Sartre (2005, Beck, hrsg. von Hans-Martin Schönherr-Mann).
Besprechung von Thilo Castner in den Nürnberger Nachrichten vom 18.06.2005:

Von Freiheit und Verantwortung
Zum 100. Geburtstag des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre

Als Jean-Paul Sartre 75-jährig und erblindet am 15. April 1980 stirbt, begleiten seinen Sarg über 50 000 Menschen zum Friedhof von Montparnasse. Zwölf Jahre zuvor, mit den MaiUnruhen in Paris, war er zur weithin anerkannten moralischen Autorität der jungen Generation geworden. Durch sein Eintreten für die Unterdrückten, Unterprivilegierten und Entrechteten galt er lange als Symbolfigur des Freiheitskampfes in der Dritten Welt. Während des Vichy-Regimes, zur Zeit der deutschen Okkupation in Frankreich, hatte er der Résistance mit seinen Schriften den Rücken gestärkt. Jetzt, anlässlich seines 100. Geburtstages am 21. Juni, schickt man sich in Frankreich an, ihn als den letzten großen Aufklärer, Philosophen, Dramatiker und Literaten des 20. Jahrhunderts zu würdigen.

Ein Geistesheroe

Hans-Martin Schönherr-Mann, Professor für Politische Philosophie am Geschwister-Scholl-Institut der Münchner Universität, hat in einer brillanten Studie Leben und Werk des großen Franzosen eindrucksvoll dargestellt. Deutlich wird: Dieser kleine, äußerlich wenig attraktive und fürchterlich schielende Mann war ein Geistesheroe, der mit seiner Philosophie des Existenzialismus das Denken und Handeln ganzer Generationen vor allem in Frankreich maßgeblich geprägt hat.

Sartre hatte ja nicht nur philosophische Traktate geschrieben, die zu Bestsellern wurden, sondern auch Theaterstücke, Zeitungsartikel, Radiosendungen, Biographien, Drehbücher, Romane und Reportagen, und er hielt insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg unzählige Vorträge nahezu überall auf der Welt, gab laufend Interviews zu allen möglichen Themen. Viele Jahre lang, bis 1964, arbeitete er wie ein Besessener, schrieb Tag für Tag bis zu sechs Stunden, oft ununterbrochen rauchend, dem Alkohol nicht abgeneigt, und wurde, wie Schönherr-Mann zusammenfasst, „zum allseitig präsenten Medienmensch, dessen Stimme vor allem auch politisch und sozial Gehör fand“.

Aus eigener Kraft

Es ist der Existenzialismus, der viele Menschen nach 1945 fasziniert. In einer Welt, in der Gott keine Rolle mehr spielt und folglich religiös-ethische Anleitungen, wie man sein Leben zu gestalten hat, zunehmend hinfällig werden, ist das Individuum nach Sartre allein auf sich selbst angewiesen und muss sein Leben, seine Existenz, aus eigener Kraft gestalten. Frei zu sein von traditionellen Werten birgt allerdings Chancen wie Risiken. Frei ist, wer sich zum Handeln entscheidet, eine persönliche Wahl trifft, Bewusstsein über seine Existenz entwickelt, sich engagiert und für andere Verantwortung übernimmt. Wer sich nicht entscheiden kann, wer sich anpasst, sich Konventionen unterwirft und der Obrigkeit blindlings gehorcht, wird demnach nie frei sein.

Das 700 Seiten starke Werk „Das Sein und das Nichts“, in dem Sartre die Philosophie des Existenzialismus erstmals grundlegend dargelegt hat, erscheint 1943 in Paris, als das Land unter nationalsozialistischer Besatzung steht und sich in Folge von Verhaftungen und Deportationen ein Klima der Angst und Hilflosigkeit ausbreitet. Sartre versteht dieses Werk als Weckruf zum Widerstand gegen die Besatzung, gegen Unterdrückung, Denunziation und Kollaboration mit den Nazis. Entscheidender als „Das Sein und das Nichts“ wird jedoch sein Theaterstück „Die Fliegen“, ebenfalls in Paris 1943 uraufgeführt. Sartre greift hier die antike Orest-Sage auf, in der der Held des Stückes in seine Heimat Argos zurückkehrt, um den Mord an seinem Vater Agamemnon zu rächen und das Land von der Fremdherrschaft zu befreien. Die Parallele lag auf der Hand.

Was Sartre mit der Parallelität von Buch und Theaterstück gelang, war die Einbettung philosophischer Erkenntnis in allgemein verständliche Handlungen. Wenige hatten „Das Sein und das Nichts“ gelesen. „Die Fliegen“ aber fanden ein aufmerksames Publikum und wurden für die Résistance zum offiziellen Vorbild.

Schon in seinem frühen Roman „Der Ekel“ hatte Sartre versucht, sein existenzialistisches Weltbild, ein Dasein ohne Gott, zu beschreiben, indem der Romanheld sich in eine absurde und inhaltsleere Umwelt hineinversetzt fühlt, angeekelt von der Sinnlosigkeit des Lebens. Und auch in allen späteren Dramen und Romanen hat er es immer verstanden, metaphysische Einsichten in anspruchsvolle Literatur zu übertragen. So schildert er in „Die Wege der Freiheit“ den inneren Kampf eines Kommunisten, die richtige Entscheidung zu finden, zwischen der Treue zur Partei und der individuellen Einsicht, dass die Partei keineswegs immer Recht hat. In „Das Spiel ist aus“ wird dargestellt, wie wenig menschliche Entschlüsse korrigierbar sind, auch wenn der Einzelne die Chance auf ein zweites Leben hätte.

In „Wir sind alle Mörder“ zeigt er vor dem Hintergrund der französischen Kolonialkriege, dass sich niemand für unschuldig halten kann, der seine Freiheitsmöglichkeiten nicht wahrnimmt und sich so der persönlichen Verantwortung entzieht.

Es war Sartres geniale Fähigkeit, Philosoph, Romancier und Dramatiker in einer Person zu sein, die seinen Ruhm begründete. Darüber hinaus verstand er es, sein Leben frei zu bestimmen und sich bürgerlichen Zwängen zu entziehen. Das jahrelange Verhältnis mit Simone de Beauvoir, von der aufbegehrenden Jugend als „Jahrhundertbeziehung“ verklärt, wurde der Öffentlichkeit nicht vorenthalten. Beide hatten sich gegenseitig weitere Affären eingeräumt, ein Zugeständnis, von dem vor allem Sartre reichlich Gebrauch machte. Eine gemeinsame Wohnung hatten sie nicht. Man wohnte bestenfalls in einem Hotel, aber in unterschiedlichen Stockwerken. Kein Wunder, dass Sartre
wie de Beauvoir von konservativen Kreisen ein „perfider Sittenverfall“ vorgehalten wurde.

Auch sonst stieß Sartre mit seiner Einstellung auf harsche Ablehnung und Kritik. Mit Ausbruch des Algerienkriegs stand er auf der Seite der algerischen Rebellen, unterstützte sie mit Artikeln, nahm an Demonstrationen teil. Das brachte ihm unflätige Pöbeleien, üble Nachreden und Gehässigkeiten ein. Die militante Organisation der Algerienfreunde (OAS) verübte Anfang der 60er Jahre auf seine Wohnung zwei Bombenattentate - durch Zufall blieb er unverletzt.

Enttäuscht von der Politik der Nachkriegszeit wendet sich Sartre dem Marxismus zu und verheddert sich wiederholt, teils aus Naivität, teils weil er unfähig ist, gesellschaftliche Abläufe realistisch wahrzunehmen. Während des Kalten Kriegs steht er der KPF nahe, verteidigt kommunistische Funktionäre, die in Haft geraten . Eine Zeit lang sieht er in der UdSSR unter Stalin einen Hort des Friedens, korrigiert seine Einschätzung allerdings nach Niederschlagung des Ungarnaufstandes 1956. In den 60er Jahren besucht er Moskau und Havanna, fährt mit Fidel Castro durch Kuba. 1967, zwei Jahre nach Ausbruch des Vietnamkrieges, tritt er in das von Bertrand Russel gegründete Vietnam-Tribunal ein und übernimmt auf der Stockholmer Tagung den Vorsitz.

Nobelpreis abgelehnt

1974 besucht er Andreas Bader in Stuttgart-Stammheim und protestiert gegen die vorgefundenen Haftbedingungen. Doch das ist bereits die Zeit, in der er nichts mehr schreibt und, wie Schönherr-Mann feststellt, „eher anarchistische als kommunistische Vorstellungen“ anklingen lässt.

Sein letztes großes Werk, „Die Wörter“, erscheint 1964. Es sind Erinnerungen an die Kindheit, die, so das Bekenntnis, abscheulich war. Großvater und Mutter hatten ihn zum Schreiben gezwungen. Jetzt sei er geheilt, stellt das Schreiben ein. Als ihm für „Die Wörter“ der Nobelpreis verliehen werden soll, lehnt er die Ehrungen ab.

„Hilft die Philosophie?“

Kann uns Philosophie bei der Bewältigung unserer weltlichen Probleme helfen? Schönherr-Mann bejaht dies uneingeschränkt. Denn: „Wenn die immer komplexer werdenden Lebensumstände von immer mehr Menschen in ihrem Alltagsleben ein selbstständiges Nachdenken verlangen, so dass sich immer weniger Zeitgenossen der riskanten Freiheit entziehen können, dann lässt sich Karl Jaspers Frage ,Hilft die Philosophie?’ konkret beantworten: Sartres Existenzialismus zeigt den Menschen ihre Freiheit und Selbstverantwortlichkeit sowie den Reflexionszwang, um ihr Leben selber zu gestalten. Sartre ermöglicht uns, aber auch den Wissenschaften, den perspektivischen Blick in unsere Absichten, der die ewige Rücksicht ins Hintergründige relativiert. Insgesamt ist die moderne Lebensform insoweit philosophisch, wie sie sich reflexiv am Rande der Weltbilder einrichtet, um sich möglichst ständig neue Wahlmöglichkeiten zu schaffen“.

Nicht auszuschließen, dass es im 21. Jahrhundert zu einer Sartre-Renaissance kommt. 

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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