Sanssouci von Andreas Maier, 2009, Suhrkamp1.) - 2.)

Sanssouci.
Roman von Andreas Maier (2009, Suhrkamp).
Besprechung von Harald Loch aus den Nürnberger Nachrichten vom 27.01.2009:

Neu im Bücherregal: «Sanssouci»
Neuer Roman von Andreas Maier erzählt Potsdamer Panorama

Seit seinem Roman «Wäldchestag« gehört Andreas Maier (Jahrgang 1967) zu den maßgeblichen deutschsprachigen Autoren seiner Generation. Jetzt liegt sein neuer Roman «Sanssouci« vor.

Für was steht Potsdam eigentlich – für das gute, das philosophische und musikalische Preußen oder doch eher das militaristische, das in der Garnisonkirche selbst eine Verbindung zum vermeintlich Göttlichen eingegangen ist? Oder ist es die naturverbundene Stadt an der Havel, in der sich Stalin, Truman und Churchill und sein Nachfolger Attlee verquere Gedanken über die Zukunft des besiegten Deutschland gemacht haben? Oder gar die «Oststadt«, die in einer Fernsehserie des tödlich verunglückten Fernsehregisseurs Max Hornung so widerständig volksnah inszeniert wurde, dass sie die Menschen weit über die Grenzen der Stadt hinaus polarisierte?

Buntes Beziehungsgeflecht

Der «Alte Fritz« ist die überall präsente touristische Vergangenheit, die «Oststadt« ist die fiktive Gegenwart in Andreas Maiers Roman «Sanssouci«. In ihm entfaltet sich ein Soziogramm Potsdams, das auch für den Rest der Welt als Basistext gelten kann. Zwei Dutzend Figuren, die alle zugleich auch gelungene Karikaturen ihrer selbst sind, bevölkern die Szene zwischen dem Park von Sanssouci, den diversen Havelseen und Kneipen sowie dem Luisenbrunnen.

Sie kommen aus Ost und West, gehören der High Society oder auch dem Obdachlosenmilieu an, sind orthodoxe Aussiedler aus Russland oder Bulgarien, eine türkische Schülerin, eine «Faschistenvegetarierin« oder ein Mönchsnovize, der Bürgermeister mit seinem halben Rathaus, oder das laszive Zwillingspaar: Heike immer ohne Unterhöschen, und Arnold immer ohne Geld. Andreas Maier gelingt es, seinen Romangeschöpfen so freien Lauf zu lassen, dass eine Ordnung im herkömmlichen Sinne obsolet ist.

Aber alle diese Figuren haben miteinander zu tun, sind irgendwie über Handlungsansätze verbunden, die ihrerseits autonom sind und sich doch in ein Geschehen einfügen, das eigentümlich im Hintergrund bleibt: Nach dem Tod des «Oststadt«-Regisseurs Hornung geht es um dessen weitverzweigtes Netz von Bekannten, um eheliche und nicht eheliche Kinder, um angedeutete Sado-Maso-Sitzungen in einem Tunnelsystem unter dem Park von Sanssouci, um die hilflosen Versuche der Stadtoberen, das Andenken an den umstrittenen Regisseur angemessen zu pflegen.

Hohes sprachliches Niveau

Das alles endet nicht mit der Aufklärung des Rätselhaften, nicht mit einem alles erklärenden Plot – es ist nur Vorwand für das Soziogramm der zwischen ihren verschiedenen Vergangenheiten und einer Gegenwart eingeklemmten Stadt Potsdam, die von den im Roman auftauchenden Figuren ganz unterschiedlich wahrgenommen wird. Aber auch dieses gesellschaftliche Panorama dient Andreas Maier nur als Vorwand, seine Kunst zu entfalten, auf hohem sprachlichen Niveau ironisch vom Leben zu erzählen.

Das ganze Buch sprudelt vor Einfällen und Formulierungen. Die bessere Gesellschaft macht da keine bessere Figur, das Volk besteht aus Leuten, mit denen «man keinen Staat machen« konnte – und so reden sie auch. Dabei kommen erstaunliche Wahrheiten und Ungeheuerlichkeiten heraus, die alle wohl formuliert ein Lesevergnügen bereiten, das einen Nachgeschmack hinterlässt – den der Nachdenklichkeit. Nach «Wäldchestag« und «Kirillow« ist «Sanssouci« der beste Roman des 1967 in Bad Nauheim geborenen Autors.

Die vollständige Rezension mit Abb. finden Sie in den Nürnberger Nachrichten.

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Sanssouci von Andreas Maier, 2009, Suhrkamp2.)

Sanssouci.
Roman von Andreas Maier (2009, Suhrkamp).
Besprechung von Ina Hartwig aus der Frankfurter Rundschau, 31.01.2009:

Abgründe
Sanssouci, oh Schutz vor dir

Sanssouci", der vierte Roman von Andreas Maier - nach "Wäldchestag", "Klausen" und "Kirillow" - ist ein höchst merkwürdiges Buch, vielleicht das merkwürdigste der Saison. Es ist ein böses, ein rätselhaftes und gerade deshalb ein spannendes und manchmal ein ätzend komisches Buch. Es heizt unsere Phantasien an, führt uns an die Tür de Sadescher Wunderkammern und lässt uns doch keinen Blick erhaschen vom Geschehen darinnen. Die Tür zum Labyrinth öffnet sich nur, wenn die Protagonisten des abgründigen Sexus gerade pausieren, weil sie ihrem überirdischen Leben nachgehen, das soll vorkommen, man nennt es Alltag, Beruf, Politik, Familienleben. Der (allwissende) Erzähler macht sich die Hände nicht schmutzig an den brutalen Spielchen in den Katakomben und Gängen unterhalb des idyllischen Parks von Sanssouci.

Eines der Hauptmerkmale von Andreas Maiers Hochsommer-Roman "Sanssouci" besteht nämlich darin, dass das, was behauptet wird und/oder gerüchteweise durch die Lüfte wirbelt, zwar einen enormen Sog entfaltet, aber erzählerisch unausgeführt bleibt: Angefangen mit dem Unfall, der Max Hornung das Leben kostet. Hornung, mit dessen Beerdigung in Frankfurt am Main der Roman einsetzt, ist ein westdeutscher Regisseur, der in Potsdam eine so erfolgreiche wie umstrittene Vorabendserie namens "Oststadt" gedreht hat. Er ist in Potsdam gestorben, aber wie, das erfahren wir nicht. Genauso wenig erfahren wir, in welchem Verhältnis dieser Max Hornung zu einer jungen Frau namens Merle Johansson stand. Aus irgendwelchen Gründen hat er sie wohl geheiratet und sich verpflichtet, neun Jahre lang Unterhalt zu zahlen.

Offen bleibt aber, ob das Kind, das diese seltsame Frau "Jesus" nennt und das mit seinen nunmehr drei Jahren immer noch lallt (worüber die Mutter, eine fanatische Vegetarierin, aber sehr glücklich zu sein scheint), ob dieses Kind überhaupt von Max Hornung stammt. Oder ob nicht doch eher Christoph Mai der Erzeuger des kleinen Jesus ist, jener Freund Max Hornungs, der auf der Beerdigung auf dem Frankfurter Hauptfriedhof fehlt. Er fehlt, weil Christoph Mai, wie er später einer anderen jungen Frau anvertrauen wird, Merle Johansson auf keinen Fall begegnen will. Offenbar muss auch Christoph Mai Unterhalt an die Mutter von Jesus zahlen.

Die Potsdamerin Merle Johansson spielt in "Sanssouci" die Rolle des unheilbringenden Schwarzen Engels. Ihr Doppelleben - als alimentierte Alleinerziehende einerseits und als sadistische Domina andererseits - ist der unheimliche Basso continuo des Romans. Ein ebenso unheimlicher Hass (ahnt man dunkel) gibt den Takt vor, denn auch das gehört zum Kennzeichen der Merle-Johansson-Figur: Sie ist die Mutterhexe, erneut schwanger, hat den nächsten ahnungslosen Erzeuger-Goldesel längst im Visier. Auf ihr ruht wahrhaftig kein gütiger Blick.

Das ist insofern bemerkenswert, als der gütige Blick in diesem Buch durchaus existiert. Ja, mehr noch: Der gütige Blick nimmt die Wahrheit für sich in Anspruch. Er, der gütige Blick, gehört einem Russlanddeutschen und orthodoxen Mönch, Alexej. Der in seiner Kutte überall sofort auffallende Freund des verstorbenen Max Hornung begibt sich von Frankfurt am Main nach Potsdam und avanciert dort, ungeplant, innerhalb der russisch-orthodoxen Gemeinde auf dem Kapellenberg flugs zu einem Superstar, angehimmelt von den Ostaussiedlern der Stadt.

Der gute Mönch und das böse Teufelsweib: Um diese beiden Kraftpole gruppieren sich die anderen Figuren des Romans, darunter einige höchst markante. Figuren, wie sie in der gegenwärtigen Literatur ausschließlich bei dem Dostojewski-Verehrer Andreas Maier vorkommen. Da wäre etwa der Russlanddeutsche Herr Hoffmann, der in der Gartenlaube seines Arbeitgebers SM-Utensilien entdeckt und in den Punks und Pennern rund um den Louisenbrunnen einen Hoffnungsschimmer erkennt, weil sie sich dem Staat verweigerten (welch ein Irrtum, wie der Roman sehr deutlich macht - denn "Sanssouci" nimmt das selbstverliebte Alternativmilieu, den Möchtegern-Antifaschismus der Blumenmädchen, das eitle, übermütig-gefährlich Spiel mit der Polizei während einer Demo gegen den Wideraufbau der Garnisonkirche mächtig auf die Schippe, übrigens, indem Maier sich als schierer Realist betätigt).

Oder Grigorij, ein Bulgare und armer Schlucker, den Alexej noch aus der Zeit des Übergangslagers in Winsen an der Luhe kennt und dessen Glaube inzwischen in Irrsinn umgeschlagen ist. Alexej hingegen trägt seinen Glauben fest im Herzen, und zwar mit einer fast schon betulichen Leuchtkraft, die einem blümerant vorkäme, wenn nicht Andreas Maier das Geschick besäße, den Gottesglauben Alexejs als ebenfalls anfällig für Eitelkeit zu zeigen.

Wer sein Werk kennt, weiß, wie essentiell Andreas Maier das Geschwätz ist, oft in Verbindung mit Alkohol, der in seinen Büchern reichlich fließt. Schnaps wird auch hier schon auf der zweiten Seite gekippt, im Laufe des Romans dann reichlich Bier, besonders von der müßiggängerischen, schnorrenden Jugend Potsdams. Das alkoholisierte Geschwätz scheint für Andreas Maier den gesellschaftlichen Urzustand zu verkörpern: Wenn Scharfsinn und Schwachsinn, Narzissmus und Weisheit ununterscheidbar ineinander übergehen, ist er in seinem Element. Über das Treiben am Louisenplatz, wo die Aussortierten, die sich Aussortierenden abhängen, heißt es: "alles wurde verhandelt, und nichts geschah".

Zu dem Grüppchen am Louisenplatz gehören auch die Zwillinge Heike und Arnold Meurer, ein teuflisch schönes Geschwisterpaar. 17 Jahre alt, nervös, verrucht, verwahrlost und maßlos eingebildet, wirken sie wie aus der Zeit gefallen. In Max Hornungs TV-Serie "Oststadt" spielen sie eine Schlüsselrolle: Sie bestrafen die Leute, indem sie sie in sich verliebt machen! Und so halten sie es offenbar auch im Leben. Das traurigste, ergreifendste Opfer von Heikes unwiderstehlichen Reizen ist der bedauernswerte Grigorij. Bis zum Wahnsinn ist er dem jungen Mädchen verfallen. Aber anders als Merle Johansson ist Heike Meurer kein Schwarzer Engel. Sie ist ein Hürchen, das schon, aber dennoch begabt für das Mitleid. So denkt sie über Grigorij, er sei "ein Mensch, der seine Scham überlebt hatte". Wer weiß, ob diese Kafka-Anspielung nicht der wichtigste Satz des Romans ist.

Der Realismus von Andreas Maiers Potsdamer Milieu-Studie, die die Lokalpolitik auf satirische Weise einschließt, vermischt sich in "Sanssouci" mit dem gefährlich schönen Flirt eines Radikalen, der genau weiß, was man aussprechen sollte und was nicht. Bravo.

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