Sandkronen.
Roman von Elazar Benyoëtz (2012, Braumüller Literaturverlag).
Besprechung von Alexander Kluy in Der Standard, Wien vom 21.92012:

Im Wortumdrehen zum Himmel
Der einsilbige Goldschmied: Elazar Benyoëtz' jüngster Aphorismenband "Sandkronen"

Was sind Aphorismen? Gedanken, Gedankenfragmente, aufblitzende Ideen? Und was macht eigentlich jemand, der ausschließlich Aphorismen zu Papier bringt? "Aphoristiker - der einsilbige Goldschmied": So beschrieb sich Elazar Benyoëtz selbst, der 1937 als Paul Koppel in Wiener Neustadt geboren wurde, 1938 mit der Familie nach Palästina emigrierte, seit 1939 in Jerusalem lebt und, ausgenommen seine frühen Gedichte, auf Deutsch schreibt. Viele Jahre lang waren seine Bände auf diverse Verlagshäuser verteilt und die Veröffentlichungen aus den Siebzigerjahren nur noch schwer greifbar.

Umso schöner, dass vor zwei Jahren in Fraglicht, ebenfalls im Verlag Braumüller, seine Aphorismen aus den Jahren 1977 bis 2007 zusammengeführt wurden. Dieses Buch war ein Glücksfall: Man konnte darin lesen und immer wieder Neues und Inspirierendes finden - "Man lernt von jedem Menschen mehr, als er wissen kann". Dieses immerwährende geistvolle Vademekum, ein Magazin friedlicher funkelnder Geistesblitze, war zu jeder Tages- und Nachtzeit anregend und der Beweis, dass dieses Genre sein Ende nicht schon mit Lichtenberg, wie manche Spötter meinen, fand, auch nicht mit Elias Canetti oder dem fast vergessenen Franz Baermann Steiner.

Schließlich ist Erinnerung, so Benyoëtz, "das sich hier ansammelnde Jenseits". Vor drei Jahren wurde er mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse ausgezeichnet und sagte damals dieser Zeitung: "Der hohe Anspruch des Aphoristikers bleibt aber und muss gelten, wenn es den Aphorismus als "die kleinste Gattung" geben soll. Das Ansehen des Aphoristikers hingegen entspricht dem eigenen Umfang, dem geringsten, denn kein Wort ist unter einem Satz zu haben. Es gibt keine Aphorismenbücher zum Lesen, nur Aphorismenbände zum Auf- und Zuschlagen. Dieses Problem habe ich durch meine "Mischform" zu lösen gesucht. Den Aphorismus gibt es nur im Moment seines Einschlagens, den Aphoristiker nur in der Fülle seiner Sätze: durch diese Fülle und in ihr ist er wahrzunehmen, also lesbar."

Sandkronen führt die "Mischform", von der Benyoëtz so kokett spricht, weiter, das Prinzip also der Collage, des Collagierens und der gegenseitigen multiplen Erleuchtung durch Lektüre und Lektürefunde, worauf auf indirekte Weise der charmant-raffinierte Untertitel "Eine Lesung" verweist.

"Der Bücherwurm / macht die Hälfte meiner Zitate aus", liest man pro domo auf Seite 16. Die magnetisch-literarischen Bezugspunkte, Biblisches, Mystisches, Buddhistisches, die Schriften Nikolaus von Kues', Senecas, Lessings, Hölderlins und Doderers, aber auch Sprichwörter, versorgen Benyoëtz-Sätze mit den entsprechenden Energieaufladungen, um dem rein Zirzensischem zu entgehen.

Seine Sätze und Gedanken leisten federleichte Renitenz, weil sie Gewicht haben. Sie widersetzen sich in ihrer fröhlichen Gelehrtheit und ihrer luziden Lebens- und Menschenzugewandtheit einer seicht dahinplappernden Gegenwart, versorgen seine Leserschaft mit Klarheit, transparenter Transzendenz und Weisheit.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.derstandard.at]

Leseprobe I Buchbestellung 0912 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © A.K./Der Standard