...sage, du habest es rauschen gehört von Oskar Pastior, 2006, Hanser1.) - 2.)

...sage, du habest es rauschen gehört.
Werkausgabe Band 2 von Oskar Pastior (2006, Hanser, hrsg. von Ernest Wichner).
Besprechung von Michael Braun in der Frankfurter Rundschau, 6.10.2006:

Im Kupferbecken röstet der Tag
Der gerade erschienene erste Band der Werkausgabe zeigt Oskar Pastiors frühe Suchbewegungen

Den Nutzer seiner "Kunstmaschinen" darf man sich als glücklichen Menschen vorstellen. Mit den poetischen Verzauberungsstrategien, die Oskar Pastior, der siebenbürgische Sprachenregisseur und Wortkünstler, im Lauf seines Dichterlebens erdacht und erprobt hat, könnte man die Formengeschichte des modernen Gedichts komplett abbilden. Seine Biografie schien dieser 1927 in Hermannstadt geborene Mann in eine eigene Grammatik aus Sprach- und Form-Erfindungen transformiert zu haben. Überall, wo Pastior in den vergangenen Jahren auftauchte, beglückte der begnadete Vorleser mit seinen poetischen "Wechselbälgern", die sich einer "Aufweichung normativen Denkens" verpflichtet fühlen, ein stetig wachsendes Publikum.

Nun gibt es ein Buch, das einen anderen Oskar Pastior zeigt, einen Wortsucher jenseits aller Anagramme, Palindrome, Vokalisen, Villanellen und "Gimpelstifte". Im ersten Band der Werkausgabe präsentiert sich ein hoch begabter Lied-Dichter, ein zwischen Traditionsgehorsam und Aufbegehren taumelnder Lyriker, der in der poststalinistischen Ära im Rumänien der 1950er Jahre einen riskanten Weg zwischen Anpassung und Autonomie ging.

Das Frühwerk, das 1950 mit der Rückkehr des 23-Jährigen nach fünf Jahren Zwangsarbeit und Lagerleben einsetzt, enthält neben grandiosen Exempeln seines ingeniösen Sprachgeistes auch einige peinliche Dokumente opportunistischen Anpassungsehrgeizes. Letztere entstammen dem Band Offne Worte, der 1964 im Bukarester Literatur-Verlag erschien. Die Überraschung liegt hier weniger darin, dass ein junger Poet unter politisch repressiven Bedingungen die Erfüllung kulturpolitischer Direktiven anstrebt. Das ist verständlich und angesichts der späteren Entwicklung des Autors zum Sprachkünstler entschuldbar. Die Irritationen, die mit der Lektüre dieser frühen Texte verbunden sind, resultieren in erster Linie aus dem Zusammenprall der enormen künstlerischen Potenz des Dichters mit dem angestrengten Bemühen um kulturelle Konformität. Wenn Pastior im Titelgedicht die Baustellen-Metapher für die Arbeit an Gedichten bemüht, dann wirkt das optimistische, kommunikative Aufbau-Pathos äußerst gezwungen: "Offne Worte soll der Dichter führen:/ das Gedicht sei gastlich wie ein Haus./ Durch der Bilder aufgesperrte Türen/ geht der Leser sicher ein und aus./ Offne Worte soll der Dichter führen."

Alles, was Pastior nach 1965 schrieb, lässt sich als Misstrauensvotum gegen die staatsfreundliche "Offenheit" des Frühwerks lesen. Aus der Distanz von drei Jahrzehnten bekannte Pastior später, es grause ihn davor, was "die Grund- und Zweck-Logik" seiner eigenen Wörter anzurichten imstande sei. Innerhalb des Frühwerks sind es letztlich nur etwa zwei Dutzend Gedichte, die sich blind dem Produktions-Kitsch der "sozialistisch-realistischen" Ästhetik hingeben und von der Schönheit der "Kokellandschaft" faseln: "Schienen führen die Güter über nützliche pulsende Brücken, / im Kupferbecken röstet der Tag". Ob vom Dichter damals noch weiterer staatsfreundlicher Sondermüll produziert wurde, ist nicht nachprüfbar. In der Werkausgabe wurden rund 100 Gedichte weggelassen, um "zu kürzen, nicht etwa zu verbergen" - wie Herausgeber Ernest Wichner im Nachwort formuliert.

Poetische Kinderkrankheiten

Trotz der poetischen Kinderkrankheiten des Dichters Oskar Pastior ist diese Wiederentdeckung seiner frühen Texte eine editorische Glanztat. Wie viele poetische Facetten des Dichters wären verloren gegangen, wenn man diese frühen Suchbewegungen schamhaft verschwiegen hätte? Selbst in den ganz frühen Texten von 1953 bis 1957 hat Pastior die unterschiedlichsten Tonlagen, Stimmen und Sprachgesten ausprobiert: Von liedhaften Formen, meist Rilke-Derivaten oder Trakl-Variationen, bis hin zum grotesken Reihungsstil der frühen Expressionisten und leicht surrealen Denkbildern ist alles vorhanden und wird von Pastor mit leichter Hand durchbuchstabiert. So entstand im Februar 1953 ein schlichtes Lied über das Meer und die Träume, ein motivisch zwar durch und durch konventioneller Text, der sich aber in seiner handwerklichen Souveränität mit den romantisch-elegischen Tönen eines Brentano oder Rückert durchaus messen kann: "Ich sah heut Nacht im Traum das Meer/ und war im tiefsten Grund darin,/ war auch im Himmel über ihm, / war blaues Glas, so leicht, so schwer...".

Dass ein Pastior-Gedicht nicht nur systematisch Sprach-Wirbel instrumentiert, sondern dass in ihm auch wehmütige romantische Töne nachhallen - das ist eine Entdeckung, die ohne diesen Band der Werkausgabe nicht zu haben wäre. Bereits in seinem Band namenaufgeben, der im Frühjahr 1968 in Rumänien druckfertig vorlag, dann aber wegen Pastiors Flucht in die Bundesrepublik eingestampft wurde, ist der Schritt vom romantischen Lied-Dichter zum skeptisch von innen her die Wörter und Sätze zerlegenden Spracharbeiter vollzogen. Die erzählerischen Strukturen der Gedichte geraten ins Wackeln, die semantischen und morphologischen Valeurs der Wörter rücken ins Zentrum. Seither triumphiert eine entfesselte Sprachalchemie über den Traditionalismus. Die "Redensarten", diagnostiziert eins der Gedichte in namenaufgeben, haben "gefährlich versagt", so bleibt nur der Weg in die innere Demontage und Sprengung aller konditionierten Sprechhaltungen.

So führte Pastiors Weg seither "vom Sichersten ins Tausendste", wie der erste in der Bundesrepublik erschienene Gedichtband 1969 signalisierte - heraus aus den Festlegungen, hinein in die Polysemie, das turbulente Spiel der Mehrdeutigkeiten. Bereits um 1965/66 wird die überragende intellektuelle Physiognomie dieses Ausnahmedichters sichtbar - in der Demonstration eines großen Formenbewusstseins, das alle erdenklichen Redeweisen der Poesie neu erfindet.

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...sage, du habest es rauschen gehört von Oskar Pastior, 2006, Hanser2.)

...sage, du habest es rauschen gehört.
Werkausgabe Band 2 von Oskar Pastior (2006, Hanser, hrsg. von Ernest Wichner).
Besprechung von Carsten Schwedes aus der titel-magazin, 2006:

Eine Spur aus der Vergangenheit
Am Abend des 4. Oktober starb in Frankfurt/Main der diesjährige Büchner-Preisträger Oskar Pastior. Im ersten Band seiner Werkausgabe gibt es jetzt noch einmal neue Gedichte von ihm zu lesen: sie enthält den 1968 zensierten und bislang unveröffentlichten Gedichtband namenaufgeben, in dem Pastior erstmals seine charakteristischen eigenlogischen Sprachwelten entwirft.

Mit Oskar Pastior wurde in diesem Jahr einem Autor der Büchner-Preis zugesprochen, der wie kaum ein anderer als Solitär der deutschen Literatur galt. Ein einfallsreicher Erfinder poetischer Spielregeln, sensibel für Rhythmen und Anklänge, der im gewitzten Wörtlichnehmen zahlreicher Sprachen ihren doppelten Boden hörbar machte. Als 1969 Vom Sichersten ins Tausendste erschien, sein erster in der Bundesrepublik veröffentlichter Gedichtband, war der typische Pastior-Sound schon voll ausgeprägt. Pastiors literarische Anfänge hingegen liegen weitgehend im Dunkeln. Wie wurde Pastior zu Pastior? Wie entstand seine unverkennbar eigene Sprache, deren Rhythmus und Melodie die Zuhörer bei seinen Lesungen von jeher in ihren Bann zog?

Zensur und Sparzwang

Pastiors erste Lyrikbände Offne Worte (1964) und Gedichte (1965), die noch in seinem Herkunftsland Rumänien veröffentlicht wurden, sind deutschen Lesern kaum bekannt. Gar nicht erst erschienen ist der Band namenaufgeben: schon vollständig gesetzt, wurde er nach Pastiors Übersiedlung nach West-Berlin 1968 in Rumänien zensiert und eingestampft. Der jetzt erschienene ersten Band der Werkausgabe macht nicht nur diese drei Gedichtbände zugänglich, sondern auch verstreut Publiziertes aus den Jahren 1957-72, ein Dutzend unveröffentlichter Texte aus den Fünfzigern sowie Pastiors bundesrepublikanisches Debüt Vom Sichersten ins Tausendste.
Allerdings trübt ein Blick ins Inhaltsverzeichnis die Freude, jetzt eine unbekannte Seite Pastiors entdecken zu können, ein wenig, denn alle drei in Rumänien geschriebenen Gedichtbände sind (ebenso wie die bislang unveröffentlichten Texte) nur in Auswahl enthalten. Akzeptabel ist, dass Offne Worte und Gedichte jeweils um gut 10 Gedichte gekürzt wurden. Die wesentlichen Konturen der Bände bleiben so erhalten und viele der darin enthaltenen „Zeugnisse des eigenen Versagens“ (so der mit Pastior befreundete Herausgeber Ernest Wichner) könnte man getrost „dem großen Vergessen überantworten“. Indem allerdings über die Hälfte der Gedichte aus namenaufgeben gestrichen wurde („um Platz zu sparen“, wie Wichner im Nachwort schreibt), fällt dieser Band bedauernswerterweise nach der kommunistischen Zensur nun den Sparzwängen des – zugegebenermaßen um einen Kompromiss bemühten – Verlags zum Opfer. Schade, denn gerade in diesem Band macht Pastior sich frei von den Zwängen der rumänischen Zensur und der offiziellen Literaturpolitik. Aufschlussreich wären zudem Anmerkungen gewesen, welche der Gedichte, die ursprünglich Teil von namenaufgeben waren, in Vom Sichersten ins Tausendste eingegangen sind. Wie dieser zensierte Gedichtband Pastiors hätte aussehen sollen, bleibt somit weiter im Dunkeln.

Dichterische Parallelwelten

Stöbert man in Offne Worte und Gedichte, so passen die darin enthaltenen Texte gar nicht zu dem heutigen Bild von Oskar Pastior. Lob der sozialistischen Industrie, Liebesgedichte und siebenbürgische Genrebilder sind nicht das, was man von einem Autor erwartet hätte, der sich so häufig gegen einseitige Parteinahme, mimetische Schreibweisen und die Kategorisierung seiner Texte als Exilliteratur ausgesprochen hat. Das gilt auch für die genitivmetapherngesättigten, oft gereimten Verse, die weit entfernt sind von den späteren virtuosen Sprachspielereien. Nur selten blitzt ein hintergründiges Lächeln oder eine Vorliebe für die Neubearbeitung bekannter Texte auf. Verraten diese in Rumänien publizierten Gedichte also nur, wie Lyrik in den 60er Jahren in Rumänien aussehen musste, damit sie gedruckt werden konnte?
Sicher auch, aber nicht nur. Denn in den wenigen unveröffentlichten Texten, die den „wahren“ Pastior offenbaren könnten, finden sich zwar stupende Vorgriffe auf spätere Entwicklungen, wie das Gedicht „Das periodische System“, in dem eine Eselsbrücke zum Memorieren der chemischen Elemente Ausgangspunkt für die Entwicklung eines pastiortypischen Kauderwelschs wird. Aber daneben stehen eben auch hier konventionell gereimte Heimatszenen und Naturlyrik, wie sie in Offne Worte und Gedichte zuhauf zu finden sind.
Bei einem Blick auf die Entstehungszeit dieser Texte und denjenigen der ersten beiden Gedichtbände fällt auf, dass sie fast ausnahmslos zwischen 1952 und 1958 geschrieben wurden. Danach klafft eine Lücke bis zum Jahr 1963. Fünf Jahre Schreibpause? Oder eine Zeit, in der Pastior für die Schublade schrieb, da er seine Texte für nicht publizierbar hielt? Vermutlich letzteres, schaut man sich die Textflut an, die sich 1968 mit namenaufgeben und im Folgejahr mit Vom Sichersten ins Tausendste Bahn gebrochen hat. Musste man zuvor suchen nach jenem verschmitzten Wörtlichnehmen, das charakteristisch ist für den Humor Pastiors, überwiegt nun die Lust am Spiel mit Wörtern und Assoziationen. Doch finden sich in namenaufgeben auch noch eher konventionelle Verse, die ebenso gut in dem Band Gedichte hätten stehen können. Und mit den „Prager Etüden“ enthält namenaufgeben einen Zyklus voller historisch-politischer Anspielungen, der für Pastiors Verhältnisse sehr realitätsgesättigt daherkommt. So ist dieser Band ebenso das missing link in Pastiors Entwicklung als Autor, wie ein Zeugnis der dichterischen Parallelwelten, die er in sich vereinte.

Alte Wegweiser für neue Lesarten

Fallen bei vielen der frühen Gedichte auch deutliche qualitative Unterschiede zu Pastiors bekannten Texten auf, lassen sie sich noch auf eine andere Art gewinnbringend lesen: sie werfen ein neues Licht auf die Gedichte, die Pastior später schreiben sollte. Ein Satz aus dem Nachwort von Ernest Wichner über die Zensur lässt sich auch auf die Literaturkritik anwenden, die anlässlich der Büchnerpreisverleihung Pastior oft einseitig als bloßen Nonsenslyriker und Wortspieler darstellte: dass dieses Bild entstanden sei, könne nur daran liegen, „dass man (...) selber in die Falle getappt war, die man sich für den Umgang mit den modernen poetischen Sprechweisen geschaffen hatte: die behauptete Inhaltsleere, der unterstellte reine Formalismus etc.“ So können etwa die zahlreichen Transsilvanismen in Pastiors Texten als eine Form des Heimatbezugs verstanden werden, jedoch nicht romantisch-verklärend, sondern die Texte konkret situierend. Die biografischen Fingerzeige in seinen Gedichten sind nicht rein neutrales Sprachmaterial; vielmehr scheinen historische, soziale und emotionale Prägungen des Autors in ihnen durch. Pastiors Texte lassen sich eben nicht auf einen einzigen Standpunkt festlegen, sondern lösen die Zentralperspektive auf, wodurch zwar kein einheitliches Bild entsteht, wohl aber eine Vielzahl schillernder Facetten, die jede für sich eine Welt enthält.

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