1.)
- 6.)
Ruhm.
Roman von Daniel Kehlmann (2009,
Rowohlt).
Besprechung von Jobst-Ulrich Brand aus dem FOCUS,
13.6.2008:
Im Januar erscheint „Ruhm“ – der neue Roman von Daniel Kehlmann. Herauskommen wird eine Geschichte in Geschichten.
Mehr gerühmt wurde keiner der jüngeren deutschsprachigen Autoren in letzter Zeit. Und mehr gekauft auch nicht. Anderthalb Millionen Exemplare hat der Rowohlt Verlag von Daniel Kehlmanns Wissenschafts-Humoreske „Die Vermessung der Welt“ abgesetzt. In mehr als 40 Sprachen wurde das Buch übersetzt – darunter Arabisch, Färöisch, Katalanisch und Hindi.
Es ist einer der größten Erfolge der deutschen Nachkriegsliteratur, und die Sorge war groß, ob Kehlmann, gerade mal 33 Jahre alt, dem Druck, der nach diesem Welterfolg auf ihm lastet, standhalten kann. Es hat ihm geholfen, dass er kein Newcomer ist, kein One-Shot-Wonder, keiner, der sich belasten lässt von gigantischen Verkaufszahlen und gigantischen Einkünften. Sondern einer der Coolsten, die der Literaturbetrieb zu bieten hat. Und der zudem über reichlich Erfahrung verfügt. Fünf Bücher von ihm waren vor „Die Vermessung der Welt“ erschienen, dazu zahlreiche Essays. Kehlmann ist jemand, der seinen Werdegang und sein Werk minutiös plant. Der genau weiß, wie es weitergehen soll.Das Buch sei „ein raffiniertes Spiel mit Realität und Fiktionen“, meint Rowohlt, „ein Buch über Ruhm und Verschwinden, Wahrheit und Täuschungen – voll unvorhersehbarer Wendungen, komisch und brillant.“ Es wäre schön, wenn es so wäre. Doch eines ist der neue Kehlmann ganz gewiss: ein garantierter Bestseller.
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2.)
Ruhm.
Ein Roman in neun Geschichten von Daniel Kehlmann (2009,
Rowohlt).
Besprechung von Jens Dirksen in der NRZ vom 15.1.2009:
Daniel Kehlmann ist der lebende Beweis dafür, dass literarische Qualität kein Grund für Erfolglosigkeit ist. 1,5 Millionen Mal verkaufte sich seine "Vermessung der Welt" durch die wunderlichen Gelehrten Gauß und Humboldt, die mit tieferer Bedeutung scherzte und das verbreitete Bedürfnis nach heiterem Umgang mit Bildung stillte. 23 Übersetzungen in die Sprachen dieser Welt ließen auch darüber staunen, dass ein deutscher Roman sich im Ausland verkauft, ohne dass ein Nazi darin vorkommt. Hätte es "Die Vermessung der Welt" nicht gegeben, wäre Kehlmann (der vorgestern 34 geworden ist) wahrscheinlich weiter der hochbegabte Erzähljongleur, der eine große, aber überschaubare Zahl von Kennern genüsslich lächeln lässt vor Freude am ironischen Spiel mit Perspektiven und Klischees. Jetzt aber tritt Kehlmann vor ein Millionenpublikum und macht was? Er spielt ironisch mit Perspektiven und Klischees.
Sein neuer, fabelhaft zu lesender Roman "Ruhm", der ab morgen im Handel ist, nimmt sich die Welt der Bücher zur Brust. Mit "Beerholms Vorstellung" (1997) hat Kehlmann schon die Magie entzaubert, mit "Mahlers Zeit" (1999) die Welt der Physiker durchgeschüttelt und mit "Ich und Kaminski" (2003) den Kunstbetrieb in seinem hochtourigen Leerlauf verspottet.
Und jetzt ein Roman nach dem "Short Cuts"-Prinzip, so wie man das hierzulande von Ingo Schulzens "Simplen Storys" kennt. Sie alle sind mehr oder minder lose miteinander verbunden, und jedesmal, wenn die Kehrseite einer Episode in einer anderen Geschichte wiederkehrt, macht es "Aha!" im Leser. Wie bei einem Ermittler, dem sich allmählich Zusammenhänge erschließen.
Keine Sorge: Auch am Ende wird kein System daraus, keine geschlossene Welt. Denn hier gibt es Figuren wie Rosalie, bei der 70 Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert wird, die zum Tod auf Wunsch in die Schweiz fährt und dann den Schriftsteller, der sie erfunden hat, immer heftiger anfleht, sie doch bitte lieber nicht sterben zu lassen - mit überraschendem Ausgang. Ein Mann bekommt versehentlich die Telefonnummer eines berühmten Schauspielers zugeteilt und fuhrwerkt in dessen Leben herum, ein bekannter Schauspieler schleicht sich aus seinem eigenen Leben heraus, in das sich ein Doppelgänger hineindrängelt. Ein berühmter Esoterik-Schriftsteller aus Brasilien, der nicht Coelho heißt, aber dessen Bücher in jeder der neun Geschichten herumliegen, durchschaut sein Heile-Heile-Welt-Geschwafel und hat schon den Lauf einer Pistole im Mund; ein Telekommunikationsmanager verstrickt sich aus Lust an der Doppelexistenz heillos in einer Welt aus Lügen; eine Krimiautorin kommt auf einer Reise irgendwo zwischen Ulan Bator und Peking der Zivilisation abhanden; ein Schriftsteller quält sich durch eine Lese-Tournee in den Goethe-Instituten dieser Welt - und wird jedesmal gefragt, woher er seine Ideen nehme und ob er vormittags oder nachmittags schreibe.
Manchmal neigt Kehlmann dazu, den Witz der Wiederholung zu sehr zu strapazieren, aber schließlich sind es nicht die vielen Telefone oder Kalauer, die diesen Roman zusammenhalten, sondern Menschheits-Fragen, "Wer bin ich?", "Was ist Wahrheit?" Antworten, so wird spätestens beim Zuklappen dieses Buches klar, ergeben sich am ehesten, wenn man klärt, wer man nicht sein will und was gelogen ist. (NRZ)
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3.)
Ruhm.
Roman von Daniel Kehlmann (2009,
Rowohlt).
Besprechung von Jobst-Ulrich Brand aus dem FOCUS,
16.1.2009:
Am Anfang war die Form. Fast zwei Jahre lang hatte Daniel
Kehlmann gerätselt, welches Buch er schreiben könnte nach seiner „Vermessung der
Welt“. Welches ein einigermaßen würdiger Nachfolger wäre für einen der größten
Erfolge der deutschen Nachkriegsliteratur. Für ein Buch, das sich bis jetzt an
die anderthalb Millionen Mal verkauft hat, in mehr als 40 Sprachen erschienen
ist und außer in Deutschland auch noch zum Beispiel auf Island und in Taiwan an
der Spitze der Bestsellerlisten stand.
Bloß nichts Historisches, das war ihm von vornherein klar. Die Erfolgsgeschichte
um den Weltenforscher Alexander
von Humboldt und den Mathematiker Carl Friedrich Gauß sollte eine Ausnahme
bleiben. Denn Kehlmann will sich in keine Ecke drängen lassen, will nicht
festlegt werden auf historische Humoresken. Dazu ist er viel zu erfahren, viel
zu klug, viel zu ambitioniert. In dieser Woche ist er 34 Jahre alt geworden,
aber er hat schon acht Bücher vorgelegt. Und mit jedem hat er sich selbst eine
neue Herausforderung gestellt. Es ist ihm wichtig, dass er sich nicht langweilt.
Vor allem nicht bei dem, was schon immer seine Leidenschaft war: dem Schreiben.
Insofern sind seine Geschichten nicht nur metafiktionale Form-Spielereien, sondern sie reflektieren, wie in unserer modernen Welt die Grenzen von Realität und Fiktion verschwimmen – zum Beispiel im Internet. Kehlmann ist ein kluger Kopf. Einer, der lange nachdenkt, bevor er etwas aufschreibt. Aber er weiß auch, dass allzu verkopfte Literatur kalt, künstlich, steril wirkt. Aber auch dieses Problem hat er selbstverständlich bedacht: „Natürlich war ich mir bei einem Buch, das so sehr auf einer strukturellen Idee basiert, bewusst, dass diese Gefahr besteht“, sagt Kehlmann. „Ich glaube aber, dass ich mein Bestes getan habe, um ihr entgegenzuwirken. Es gibt da die Geschichte von Rosalie, einer alten, kranken Frau, die in die Schweiz reist, um zu sterben. Mir haben jetzt schon ein paar Menschen gesagt, dass sie buchstäblich weinen mussten bei der Lektüre. Nicht dass das jetzt ein entscheidendes Kriterium wäre für gelungene Literatur, aber es ist doch auch nicht das Schlechteste, wenn uns ein Buch zu Tränen rührt.“ Stimmt, findet nicht nur Elke Heidenreich.
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4.)
Ruhm.
Ein Roman in neun Geschichten von Daniel Kehlmann (2009,
Rowohlt).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ, vom 17.01.2009:
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5.)
Ruhm.
Roman von Daniel Kehlmann (2009,
Rowohlt).
Besprechung von Guido Rohm in
textem.de,
12.02.2009:
Und weil die ihnen wichtiger als jede Geschichte ist, vermeiden sie das Erzählen wie der Teufel das Weihwasser.
Man könnte sich in endlosen Aufzählungen ergehen, die all die Dinge benennen, um die sich Autoren nicht kümmern mögen: Naturwissenschaften oder die Wirtschaft sind da nur einige wenige Oberbegriffe. Viel lieber erzählt man von den Schwierigkeiten des Erzählens. Die Qualen der Autoren. Gott, wie wir mit ihnen leiden würden, wenn sie das alles doch nur interessant erzählen könnten.
Einer, der interessant erzählen kann, der alle Kniffe und Techniken der Literatur wie kaum ein anderer in diesen Landen beherrscht, ist Daniel Kehlmann; eben der Mann, der mit seinem Welterfolg „Die Vermessung der Welt“ zu Recht den größten Erfolg der Nachkriegsliteratur hatte.
Daniel Kehlmann ist es auch, der nun allen anderen vormacht, wie man die Themen der Moderne am Schopf packt und aus dem Sumpf der Gegenwartsliteratur zieht.
In seinem neunen Roman „Ruhm“ erzählt Kehlmann in neun Geschichten von Doppelgängern, von Verlust, von den Tücken der modernen Technik und dies mit dem Können eines Großmeisters, der so ganz nebenher auch noch neun verschiedene Stile im Ring auspackt. Wer will gegen einen solchen Boxer schon gewinnen?
Man könnte jetzt natürlich einwenden: Halt, halt, halt! Okay, der Mann beherrscht die Tonfälle von Carver bis Burgess, aber er hat keine eigene Handschrift, hat keinen eigenen Ton. Das ist falsch und richtig!
Daniel Kehlmann gehört zu jener seltenen Spezies von Autoren, die sich ganz und gar in den Dienst einer Geschichte stellen, auch wenn er das in einer seiner Geschichten („Rosalie geht sterben“) mehr als gekonnt unterläuft. Hier mischt sich die literarische Figur gegen ihren Schöpfer auf, schwächlich versucht sie Argumente gegen ihren Tod zu finden, aber der Herr, ihr Schöpfergott, kann ihr schnell klarmachen, dass es sie ja nur wegen ihres zu bestehenden Todes gibt. Drum fügt sich das literarische Personal dann doch. Der Frieden des papierenen Kosmos ist wiederhergestellt. Scheint zumindest so …
Schon die erste Geschichte „Stimmen“ spielt mit den Machtmitteln der Fiktion. Da bekommt einer Anrufe an sein frisch erworbenes Handy, die überhaupt nicht für ihn sind. Weil es aber keiner merkt, gewinnt er schnell Spaß an der fremden Rolle und spielt Schicksal. Da ist die Sucht nach der fremden Identität vorprogrammiert; das romantische Doppelgängermotiv wird zum tonangebenden Klang, der sich durch das ganze Buch zieht. Die Sprache ist unprätentiös. Da muss einer erst gar nicht mit dem angeben, was er sowieso kann.
„Ruhm“ ist ein Buch gegen die Bedeutungssucht und somit ein schon fast perfekter Nachfolger für den Bestseller „Die Vermessung der Welt“. Sich selbst um die Ecke zu schreiben, sich nicht in den Kanon hineinschreiben, weil man sonst schon zu den Toten gehört. Kehlmann tut dies alles. Wo ein Tellkamp sich an Thomas Mann heranschreiben will und eine wortfüllige Darmentleerung betreibt, schnappt sich Kehlmann den Lachsack und drischt gekonnt auf ihn ein.
Selten ist ein Autor so sehr von Beginn an auf der Höhe seines Könnens gewesen, und da nutzt all das Lamentieren mancher Kritiker nichts.
In „Ruhm“ erleben wir den Autor Kehlmann als einen, der sich einen Dreck um die Erwartungen von Lesern wie auch Kritikern schert. Er schreibt, als ob es dabei um sein Leben ginge. Und er gewinnt.
Und ganz nebenbei bekommt auch noch ein Paolo Cuello sein Fett weg, den Denis Scheck einmal als „Supergau der Literatur“ bezeichnete. Der Scheck war gedeckt. Kehlmann verrät Cuello nicht, das tun Autoren seines Ranges nie, sie nehmen ihm den Heiligenschein und machen ihn zu einer halbwegs erträglichen Person, nämlich einem Menschen.
Die Ironie ist ein verlässlicher Begleiter Kehlmanns. Die beiden verstehen sich gut, und so entkommt er gekonnt den Schergen der Schwerfälligkeit, die sich ach so wichtig nehmen. Solche Schreiber sind die idealen Sprengmeister für die Ewigkeitssehnsüchte der Zauberberglehrlinge. Seine Lunten hat er gelegt. Jetzt muss er noch sprengen.
In dem Autoren Leo Richter, der immer wieder in „Ruhm“ seine Nase nach oben streckt, hat er nicht sich abgebildet. Richter ist ein Autor ganz in der Tradition der Ausbeute. Man hätte ihn fast auch Thomas Mann nennen können. Er schreibt einfach alle Menschen seines Lebens (oder beinahe alle, denn auch davon handelt eine Geschichte) in Literatur um. Ein nervöser und ängstlicher Übersetzer. Ein Abbild deutscher Literaten. Aber gibt es die überhaupt noch, diese deutschen Literaten? Natürlich gibt es die. Und natürlich gibt es die nicht. Eines der Vorteile der Literatur ist es, jede Art von Dogmatismus unterlaufen zu dürfen. Daniel Kehlmann jedenfalls unterläuft beständig und fleißig alle Dogmen.
Die Welt könnte auf so intelligente Art interessant sein. Leider tut sich das deutsche Geraune immer so schwer damit, sich selbst zu verstehen. Daniel Kehlmann gibt uns die Leichtigkeit der Sprache zurück. Fast könnte man Freude an der Endlichkeit des Lebens entwickeln …
Aber Sie wissen ja: Miesmacher gibt es auf jeder Party. Wenn man aber einen Kehlmann hat, der sie in eine Geschichte baut, dann kann man auch an denen seinen wahren Spaß haben.
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6.)
Ruhm.
Ein Roman in neun Geschichten von Daniel Kehlmann (2009,
Rowohlt).
Besprechung von Wolfram Schütte aus dem titel-magazin
vom 02.03.2009:
Artist in seiner Zirkuskuppel: turnend -
Kehlmanns prosaischer Ruhm im Gegenlicht.
Daniel Kehlmanns neuer Roman hat dem Autor mehr Vergnügen
bereitet, als einem Leser, der von Julio
Cortázar und Italo Calvino verwöhnt
worden war und in dem artistischen Ruhm nur eine schöne Kunstfigur sehen
kann.
Das gespannte Interesse sowohl der Buchkäufer wie der
Kritiker an Daniel Kehlmanns „erstem Buch” nach seinem „Welterfolg” ist
durchaus verständlich. Seine Vermessung der Welt ist um die Welt gegangen
und auf Deutsch soll sie 1,3 Millionen Mal verkauft worden sein. Aber die
schneeballartig akkumulierte Käuferresonanz beim Publikum hatte 2006 ff. die
deutschsprachige Kritik verunsichert. Manche Kritiker, die das Buch bewundert
hatten, glaubten sogar, sich revidieren zu müssen, weil Die Vermessung der
Welt nun doch „so gut auch wieder nicht ist“. Als sei Kehlmanns vielfach
berätselter Bestsellererfolg eine Schande, für die man sich als rezensierender
Lobredner nun zu schämen habe.
Der österreichische Autor, dem bewusst war, im langen Schatten seines Erfolgs
nun von aller Welt neu vermessen zu werden, hat sich angestrengt, um alle durch
einen literarischen Tour-de-force-Ritt zu überraschen – mit einem „Roman in neun
Geschichten“, der witzigerweise Ruhm heißt. Die selbstbezügliche Ironie
des Titels ist aber leider das einzig wirklich Witzige, wenn man seine
schwergewichtig dröhnende, enervierend lange Parodie des sprachlichen
Internet-Geschwurbels („Ein Beitrag zur Debatte”) nicht auch noch für witzig,
statt bloß für albern hält.
Es sieht aber für mich eher so aus, als habe Daniel Kehlmann über seine
literarische Klöppelarbeit an Allusionen und „Links”, mit denen er ein Netzwerk
von Bezügen zwischen seinen neun Geschichten zu einem „Short-Cut“-Potpourri
knüpft, vergessen, dass sein persönlicher Spiel-Spaß an der Erfindung von
Figuren, Konstellationen & Motiv-Verweisen nicht notwendigerweise von
einem Nach-Leser geteilt werden muss.
Die neun Geschichten haben, wie der Roman, der sich über sie entwickelt, ein
gemeinsames Thema: die Entwirklichung der gelebten Welt durch die neuen
Kommunikationsmedien Handy, Internet & TV einerseits; und andererseits die
Fiktionalisierung des Erlebten durch Schriftsteller, denen ihre erfundenen
Figuren das ihnen zugedachte Lebens- & Sterbenskonzept durchkreuzen („Rosalie
geht sterben“), sodass sie sich am Ende sogar „In Gefahr“ (& höchster
erzählerischer Not) aus dem Staub machen und in Luft auflösen.
Der zur Buchvermarktung seines Bestellers und zum deutschen Prestige (auch für
das „Goethe-Institut”) viel gereiste junge österreichische Bestsellerautor hat
gewiss auch eigene Erfahrungen mit wechselnden Ortlosigkeiten, persönlichen
Verlassenheiten & mit wiederkehrend dämlichen Fragen auf seiner Vorlesetour
verarbeitet – wie auch als geistesgegenwärtiger Intellektueller, der er ist, den
Talmiglanz des öffentlichen, weltumspannenden Ruhms und dessen Kollateralschäden
bei Promis, Stalkern & Fans reflektiert. Gut & schön.
Dreifach aufgefächertes Schriftsteller-Personal
Es ist also ein durchaus zeitsymptomatisches, die virulenten Medien
„hinterfragendes” Interesse, dessen essayistische Recherchen & Bedenken Daniel
Kehlmann in sein erzählerisches Glasperlenspiel von neun parabelhaften und
parabolischen Geschichten übersetzt. Wie sehr er sowohl über als auch
von sich als Künstler dabei spricht – wie übrigens in allen seinen letzten
Büchern über Intellektuelle im Fokus der Öffentlichkeit –, offenbart allein
schon das dreifach aufgefächerte Schriftsteller-Personal seiner neun
Erzählungen: der bekannte & bewunderte, hypersensible Kurzgeschichtenschreiber
Leo Richter, aus dessen Feder eine und eine halbe der Ruhm-Geschichten
stammen soll; die hilflos in Asien während einer PEN-Reise strandende und
verschwunden bleibende (& dadurch „berühmte”) Krimiautorin Maria Rubinstein; und
der überdeutlich dem weltweit erfolgreichen Lebenshilfe-Guru Paolo Coehlo
nachempfundene Miguel Auristos Blanco, dessen Bücher in allen neun Geschichten
gelesen werden, der aber als „Antwort an die Äbtissin” sich entleibt, weil die
ehemalige Jugendfreundin mit ihren Theodizee-Fragen ihn dazu gebracht hat, sich
des Humbugs seiner falschen literarischen Tröstungen für das Leiden in der Welt
inne zu werden. Als Selbstmörder würde er seinen Ruhm sowohl widerrufen als auch
krönen.
Das übrige Personal von Daniel Kehlmanns Ruhm ist der lieblos
verheiratete technische Angestellte Ebling, der Computer repariert und auf
seinem Mobiltelefon durch einen Vergabefehler plötzlich Anrufe von Geliebten des
weltbekannten Schauspielers Ralf Tanner erhält, worauf Ebling mit der
unverhofften Verwechslungsmöglichkeit zu spielen & seine Gattin wieder zu
begatten beginnt („Stimmen“). Ralf Tanner wiederum – in der Geschichte „Der
Ausweg” – wird durch das mobile Dazwischengefunke des Fremden „sich selbst
unwirklich“, und weil er seiner öffentlichen Präsenz überdrüssig ist, ergreift
er die Chance, als „Ralf-Tanner-Imitator” sich aus seinem Leben davon zu
stehlen, nachdem ein anderer Imitator sich an seine Stelle und in sein gemachtes
Nest gesetzt hat. Schließlich werden wir noch mit dem „Leiter einer großen
Telekommunikationsfirma” bekannt gemacht, der unverantwortlicherweise für den
Schlamassel verantwortlich ist, in den Ebling und Tanner verwickelt werden und
der daran scheitert, dass ihn sein Doppelleben als Geliebter & Ehemann
logistisch überfordert („Wie ich log und starb“). Und obwohl Kehlmann seine neun
kürzeren oder längeren Gedankenspiele aus der mobilen Telekommunikationswelt &
aus der Wunderkammer der schriftstellerischen Allmächtigkeit mit dem ceterum
censeo seiner kulturkritischen Merksätze gepflastert hat, lässt er auch noch
zweimal einen rotbemützten Dämon hilfreich auftreten, der dann über das
Heideggersche „Gestell”, in dessen jüngsten Erscheinungen der Autor seine
Figuren zappeln lässt, sein salbungsvolles Credo verkündet: „Sie fragen, warum
so vieles nicht geht, lieber Herr? Weil ein Mensch vieles sein will. Im
wörtlichen Sinn. Er will viel sein. Vielfältig. Möchte mehrere Leben. Aber nur
oberflächlich, nicht im Tiefsten. Das letzte Drängen, lieber Freund, zielt
darauf, eins zu sein. Mit sich, mit allem.”
Von allen realen Widersprüchen aseptisch befreit
Vieles & vielfältig will auch Daniel Kehlmann in der von ihm aufgesuchten
Löwengrube der selbstreflexiven & -referentiellen literarischen Moderne als
Autor sein. Seine Drei- oder Vielfaltigkeit reicht vom Bauprinzip seines Romans
und der erzählerischen Logistik literarischer Produktion bis zur persönlichen
Postproduction durch die vorauseilende Explikation eines autorisierten
Lesemodells: also von A bis (FA)Z.
So sehr man Kehlmanns artistisches Jonglieren als handwerkliche Meisterschaft
eines bewundernswert kenntnisreichen poeta doctus hochschätzen kann, ja: muss,
so enttäuschend ist aber die sprachliche Dürftigkeit, Spannungs- &
Glanzlosigkeit seiner Prosa und die Trivialität seiner demonstrativ arrangierten
Parabeln. Sie „funktionieren” nur, weil der Autor sie von allen realen
Widersprüchen aseptisch befreit hat. Dem Roman fehlt leider Charme, Farbe, Eros
& stilistische Pointiertheit – was einem vor allem dann schmerzhaft auffällt,
wenn man ihn gegen die Romane & Erzählungen von Autoren hält, mit denen der
Autor auf eng vergleichbarem Feld der postmodernen phantastischen Literatur
spielt: ich meine Julio Cortázar und
Italo Calvino.
Allerdings hat Kehlmann das Glück, dass weder die deutsche Kritik noch das
Publikum eine substantielle Erinnerung an die komplexen Oeuvres beider Autoren
hat, also das literarische Gefälle z. B. von Rayuela und
62/Modellbaukasten oder Wenn ein Reisender in einer Winternacht ...
zum Ruhm abschätzen kann – im Gegensatz zu dem österreichischen Autor,
der sich in ihre literarische Tradition stellt und dem man, bei aller Freude und
Stolz über die ihm gelungene Spielanordnung, ein selbstkritisches Urteil im
Vergleich zu seinen meisterlichen Kollegen zutrauen darf.
Der Zufall will es, dass jetzt bei Wagenbach sieben „Episoden aus dem Alltag der
Italiener” von Gianni Celati erschienen
sind. Der 1937 geborene italienische Schriftsteller lässt unter dem Titel Was
für ein Leben! seine Leser gewissermaßen sehenden Auges an der
literarischen Zurichtung seiner erinnernden Ausgrabung teilnehmen, mit
der er seine Kindheit in den 50er-Jahren erzählerisch heraufruft. Und zwar durch
sieben, um einzelne Charaktere und Situationen gelagerte Episoden, in denen
Celatis provinzielle Helden & Heldinnen in wechselnden Konstellationen und
Lebensphasen erscheinen und alle miteinander ebenso durchgängig „verspiegelt”
werden, wie das Kehlmann durch seine Motivverkettungen getan hat. Dem
lässig-spielerischen Fabulierer Celati gelingt dabei so etwas wie ein
komödiantischer Flickerlteppich der Erinnerung und der Imagination, wogegen
Daniel Kehlmanns Roman leider „nur eine schöne Kunstfigur” bleibt. Immerhin: an
konstruktiver Kunstfertigkeit dürfte es kein Gleichaltriger unter den deutschen
Schriftstellern dem dreiunddreißigjährigen literarischen Vabanque-Spieler
gleichtun können.
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