Rot und Schwarz von Stendhal, 2004, Hanser

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Rot und Schwarz. Chronik aus dem 19. Jahrhundert.
Roman von Stendhal (2004, Hanser - Übertragung Elisabeth Edl).
Besprechung von Daniel Kehlmann, 13.4.2004:

Die Chronik der Heuchelei
Mit "Rot und Schwarz" schuf Stendhal einen der bedeutendsten Romane des 19. Jahrhunderts. Auf stilistische Makellosigkeit gab der Glücksritter dabei wenig, wie die eben erschienene Neuübersetzung seines Hauptwerks zeigt.

Wir können den Eindruck, den das Phänomen Napoleon auf Generationen ehrgeiziger junger Leute machte, kaum noch nachvollziehen. Ein Mann aus dem Nichts, mittellos, ohne sozialen Rang, war allein durch seine skrupellose Entschlossenheit, seine Begabung und seine beispiellose Fortune an die Spitze eines Staates gelangt, hatte Europa erobert und sich zum Kaiser gekrönt. Für kurze Zeit waren die Strukturen durchlässig: Um aufzusteigen zählte nicht mehr Herkunft, sondern Begabung. Dann stürzte der Kaiser, und eine fragile Restaurationsgesellschaft, bestimmt von Korruption und Repression, entstand, von den Idealen der Französischen Revolution ebenso weit entfernt wie von der souveränen Unterdrückung des Ancien Regime. Dieser Übergangszeit verdanken wir einen der bedeutendsten Romane des 19. Jahrhunderts, geschrieben von einem Glücksritter und Abenteurer, wie die Literaturgeschichte ihn vielleicht nur in einem einzigen Moment hervorbringen konnte.

Henri-Marie Beyle wurde 1783 als Kind eines Anwaltes in Grenoble geboren, hatte eine unruhige und unerfreuliche Jugend, trat 1800 in den Militärdienst ein, führte ein Bohemeleben in Paris, scheiterte mit allerlei Projekten ökonomischer und künstlerischer Art und schloss sich 1806 dem politischen Gefolge Napoleons an, der ihn in den diplomatischen Dienst aufnahm. Er verkehrte in der mondänen Gesellschaft des Kaiserreichs, hatte ein paar höchst romanhafte Affären, nahm am Russlandfeldzug teil und erlebte die Niederlage der Grande Armée. Im neuen Frankreich der Bourbonen konnte er nie mehr heimisch werden: Mal mit mehr, mal mit weniger Geld bereiste er Deutschland und Italien und veröffentlichte erfolglose Bücher unter dem Pseudonym Stendhal. Als sich das völlige Scheitern seiner schriftstellerischen Ambitionen abzeichnete und sein Roman Rot und Schwarz 1830 ohne Echo blieb, machte er die berühmte Voraussage, man werde ihn 1880 zu lesen beginnen, und ab 1930 werde er weltberühmt sein. So sollte es sich, fast aufs Jahr genau, erfüllen. Er machte große Reisen, schrieb 1838 in weniger als zwei Monaten Die Kartause von Parma, erlitt in Rom einen Schlaganfall und starb 1842 in Paris. Auf seinen Grabstein wurde nach seinem Wunsch Arrigo Beyle, Milanese, Visse, Scrisse, Amò graviert. „Er hatte einen Reichtum von Erfahrungen gewonnen“, schrieb Somerset Maugham, „wie er nur wenigen Romanciers vergönnt ist. In einer Zeit großer Veränderungen verschlug es ihn unter Menschen aller Arten und Klassen, wodurch er eine so vollständige Kenntnis der menschlichen Natur erwerben konnte, wie seine eigenen Beschränkungen erlaubten.“

Rot und Schwarz, angeregt durch einen realen Kriminalfall, ist die Geschichte des jungen Julien Sorel, Sohn eines Mühlenbesitzers in der Provinz, glühender Verehrer Napoleons, entschlossen, um jeden Preis Ansehen und Reichtum zu erwerben. 20 Jahre früher hätte sein brennender Ehrgeiz ihn zum Militär gebracht; nun aber, in der Epoche der Restauration, muss er zur Kirche. Indem er die Bibel auswendig lernt und die Gemeindehonoratioren mit seinen Gedächtniskünsten beeindruckt, erlangt er die Hauslehrerstelle beim Bürgermeister Rênal. Seine Eitelkeit hält es für nötig, mit dessen Frau eine Affäre anzufangen: Jeden Schritt plant er mit militärischer Akkuratesse, bis sie tatsächlich seine Geliebte wird. Um einen Skandal zu vermeiden, schicken seine Vorgesetzten ihn aufs Priesterseminar, in ein atemberaubendes Klima der Heuchelei und frömmelnden Lüge. Ohne Zorn oder satirischen Impetus, mit der eisigen psychologischen Klarsicht, welche ihm nicht zufällig die Bewunderung Nietzsches eintragen sollte, schildert Stendhal ein Milieu, in welchem selbst der zynische Karrierist Julien wie ein Idealist aussieht: „Nach mehreren Monaten unermüdlicher Beflissenheit sah man Julien immer noch an, dass er dachte. Seine Art, die Augen zu bewegen und den Mund zu formen, ließen nicht den impliziten Glauben erkennen, der bereit ist, alles zu glauben und alles zu bezeugen, sogar durch das Martyrium. Voll Zorn sah Julien, dass er in diesem Genre von den gröbsten Bauern übertroffen wurde.“

Durch sein Geschick und einige – nicht immer völlig glaubhafte – Zufälle kann Julien diesen Ort des Schreckens verlassen und wird vom Marquis de La Mole, einem aus dem Exil zurückgekehrten Grandseigneur des Ancien Régime, als Sekretär engagiert. Entschlossen, nicht noch einmal seinen Aufstieg zu gefährden, verhält er sich gegenüber Mathilde, der schönen Tochter des Marquis, mehr als abweisend – was ihn in den Augen dieses verwöhnten, von allen Männern umschwärmten Luxusgeschöpfs prompt interessant macht. Sie verführt ihn, die Wechselfälle ihrer Affäre gehören zu den Glanzstücken literarischer Enthüllungspsychologie. Keiner der beiden liebt den anderen, Mathilde ist für Julien eine Möglichkeit des gesellschaftlichen Aufstiegs; Julien für Mathilde ein neuer Danton aus der Unterschicht, der genau so lange reizvoll bleibt, wie sie sich von ihm verachtet glaubt. Mathilde wird schwanger und ringt ihrem Vater die Erlaubnis zur Eheschließung ab. Julien wird zum Offizier gemacht und in den niederen Adel erhoben, endlich scheint alles zu gelingen. Doch unmittelbar vor der Hochzeit verrät Madame de Rênal in einem Brief an den Marquis die Wahrheit über Juliens Ambitionen. Julien schießt seine ehemalige Geliebte in der Kirche nieder, wird verhaftet und zum Tod verurteilt. Während er auf die Hinrichtung wartet, entsteht zum ersten Mal eine Art echter Zuneigung zwischen ihm und Madame de Rênal. Seine eigene Verlobte, die ihn voll morbider Faszination zum Schafott begleitet, ist ihm nur noch lästig.

Man weiß nicht, was man an der neuen deutschen Ausgabe mehr bewundern soll: Elisabeth Edls kenntnisreichen Kommentarteil (schon deswegen unverzichtbar, weil Rot und Schwarz wie kein Roman zuvor auf die Tagespolitik Bezug nimmt), oder ihre Übersetzung, welche sich der naheliegenden Versuchung verweigert, Stendhals sperrige Flüchtigkeiten zu glätten. Stendhal ist das Gegenteil eines Stilisten: Brillant geschriebene Passagen wechseln mit schleppenden ab, Inkonsequenzen tauchen auf, vor denen sogar der Kommentar kapituliert, und gegen Ende hatte der Autor es sichtlich eilig, das Unterfangen abzuschließen, verzichtete auf Kapitelüberschriften und legte sich die entwaffnende Gewohnheit zu, Beschreibungen und Dialoge nach ein paar Zeilen mit Abkürzungszeichen abzubrechen. All dies ist – nur hierin möchte man Edls Kommentar widersprechen – kein Zeichen für seine Modernität, sondern eine Eigenschaft, die er mit den großen vormodernen Schnellschreibern des 19. Jahrhunderts teilt, denen Makellosigkeit noch kein Stilideal war und die kein Problem darin sahen, dem Leser zu signalisieren, dass sie Wichtigeres zu vollbringen hatten als perfekte Prosa – mit Balzac also, mit Dickens und vor allem mit Fjodor Michailovitsch Dostojewskij, dem Autor des zweiten großen Romans über einen vom Bonapartismus geprägten jungen Amoralisten.

Eine Läuterung und christliche Gegenutopie jedoch, wie sie sich für Raskolnikoff abzeichnet, gibt es bei Stendhal nicht. Der Zynismus seiner Figuren kennt keine Katharsis, sein Unterfangen ist schlechthin einzigartig und mit solch soziologischer Stringenz nur einmal unternommen worden: Sine ira et studio, ohne zu verurteilen oder anzuklagen, mit keinem Ziel als dem, sich nicht täuschen zu lassen, das Bild einer Gesellschaft zu zeichnen, deren Verlogenheit vollkommen ist und in der menschliche Handlungen sich nur durch die Grade ihrer Falschheit unterscheiden. In Stendhals Welt gibt es Authentizität weder sich selbst noch anderen gegenüber; Ehrlichkeit ist hier nur die raffinierteste Verkleidung der Lüge, Aufsässigkeit die täuschendste Maske des Opportunismus. Nach dieser Lektüre ist man für längere Zeit von Leichtgläubigkeit geheilt. Nicht das schlechteste Resultat großer Romankunst.

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Rot und Schwarz von Stendhal, 2004, Hanser2.)

Rot und Schwarz. Chronik aus dem 19. Jahrhundert.
Roman von Stendhal (2004, Hanser - Übertragung Elisabeth Edl).
Besprechung von Martin Zingg in der Frankfurter Rundschau, 7.7.2004:

Aufstieg und Fall des Julien Sorel
Unbedingt und sofort neu zu entdecken: Stendhals Roman "Rot und Schwarz" in der glänzenden Übersetzung Elisabeth Edls führt in die kalten Tiefen der nachnapoleonischen Provinz

Was für ein wunderbarer Roman: hinreißend erzählt, spannend komponiert, von großem psychologischem Feingefühl. Ein Roman, der wie mit einem Scheinwerfer gesellschaftliche Verhältnisse ausleuchtet, der diese mal akribisch und kühl untersucht und dann wieder al fresco skizziert - und der im deutschen Sprachraum leider immer ein wenig unbekannt geblieben ist. Stendhals Rot und Schwarz erzählt die Geschichte von Julien Sorel, der hoch hinauswill und am Ende bitter scheitert. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes aus der französischen Provinz, die noch stark geprägt ist vom Scheitern Napoleons, von der Rückkehr der Monarchie und dem gleichzeitigen Erstarken des Bürgertums. Und es ist, wenigstens am Anfang, auch die Geschichte von Verrières, einer kleinen Stadt in der Franche-Comté. Hier muss alles "einen Ertrag abwerfen", und wenn sich etwas finanziell nicht rentiert, so soll es wenigstens gesellschaftlich Eindruck machen - wie überall in Frankreich. Und wie überall sonst auch.

Wichtiger Mann in dieser Stadt ist Monsieur de Rênal, der Bürgermeister und Repräsentant des aufstrebenden Bürgertums, das sich in allen wichtigen Fragen an Paris orientiert, sich aber gleichzeitig stets um die größtmögliche Autonomie bemüht. Rênal ist Besitzer einer florierenden Nagelfabrik, und bei Rênal wird Julien Sorel eine Anstellung finden - als Hauslehrer. Für den Vater, einen tüchtigen und erfolgreichen Zimmermann, der mit seinem immerfort Bücher lesenden Sohn nichts anzufangen weiß, ist das eine Erleichterung. Und für die Gattin de Rênals, die in ihrer Ehe nicht eben glücklich ist, wird daraus eine willkommene, wenn auch mit schlechtem Gewissen konsumierte Abwechslung.

Aber Sorel, der mit jungen Jahren bereits das Neue Testament auswendig kann und Priester werden will, aus kühler Berechnung, wie bald einmal klar ist, hat mehr als heimliche Liebe im Sinn, er hat im Grunde nur einen Wunsch. Er will aus seiner kleinen Stadt heraus: "ein Glück zu machen bedeutete für Julien als erstes, aus Verrières fortzukommen; er hasste seine Heimat. Alles, was er hier sah, lähmte seine Phantasie." Noch zwanzig Jahre zuvor, hätte er sich, wie Stendhal selbst, Napoleon anschließen können, um Erfolg zu haben. Inzwischen ist es so, dass er zur Kirche muss. Dorthin kommt er allerdings erst, als die Liebesbeziehung zur Mutter seiner Schüler ruchbar geworden ist.

Julien Sorel wird nun einen Aufstieg absolvieren, und zwar bis weit hinein in einflussreiche bürgerliche und aristokratische Kreise. Stendhal dient die komplexe Figur Sorels als Sonde, mit der er die neuen Strukturen und Umbrüche in der französischen Gesellschaft der nachnapoleonischen Zeit ausleuchten kann.

Das tut er, höchst differenziert, anhand von oft unscheinbaren Indizien, und was er beschreibt, ist eine Gesellschaft, die die napoleonischen Errungenschaften hinter sich ließ, ohne ganz auf deren Vorteile zu verzichten. Der nach Napoleons Abdankung und Verbannung wieder erstarkten Monarchie kann das Bürgertum in einem schwierigen Prozess immerhin einige Positionen abtrotzen, Armee und Klerus sind nun die entscheidenden Instanzen Frankreichs.

Der Roman, im entscheidenden Jahr 1830 geschrieben, führt denn auch das "Rot" der Armee und das "Schwarz" des Klerus im Titel. Und Julien Sorel, obwohl er sie auf seinem Weg nach oben schließlich verrät, hält die Erinnerungen wach an die Ideale der Republik, die bei den Machtkämpfen im bürgerlichen Milieu allmählich verloren gehen. Er hält sie wach auf eine Weise, die ihn manchmal seltsam erscheinen lässt, fast schon unrealistisch. Der Aufstieg, der ihm die sehnlichst gewünschte Selbstentfaltung sichern sollte, wird schließlich zu einer einzigen Katastrophe. Der Emporkömmling wird auf sein ursprüngliches, durch die Herkunft definiertes Maß zurück- und damit heruntergestutzt. Und am Ende wartet er im Gefängnis auf seine Hinrichtung.

Seinen Zeitgenossen erschien Stendhal als eher anstrengender Autor, und besonders dieser Roman ließ viele ratlos zurück. Der Untertitel "Eine Chronik des 19. Jahrhunderts", 1830 schon gesetzt, war ein deutlicher, fast schon aufdringlicher Hinweis auf die Aktualität des Werks, und dass der Autor mit seinem unbarmherzigen Blick nichts und niemanden schonte, trug einiges bei zur Ratlosigkeit der Zeitgenossen. Der oft kalte, unbestechliche Blick auf eine heuchlerische, porentief verlogene Gesellschaft war seinerzeit ziemlich anstößig. Eindrücklich an diesem Roman ist auch heute noch die Haltung des Erzählers: Er wertet nicht, er greift nicht ein. Er zeigt, für seine Zeit durchaus neu, den Menschen von mehreren Seiten, und er scheut nicht die Grautöne, die sich beim Blick über alle Grenzen der Stände und Geschlechter hinweg als die genaueste Zeichnung erweisen. Nietzsche schrieb über Stendhal, es habe zweier Geschlechter, zweier Generationen bedurft, um ihn "irgendwie einzuholen". Erst mit dem Abstand der Jahrzehnte und nach etlichen literarischen Moden konnte deutlich werden, was es beispielsweise bedeutet, dass Stendhal die Realität durch die Psychologie seiner Figuren hindurch erzählt und reflektiert.

Das nach wie vor Interessierende und Irritierende an diesem Roman ist aber zugleich, dass er sich nicht mit seiner sozialgeschichtlichen und psychologischen Wahrscheinlichkeit erschöpft, sondern eine ganze Fülle von Motiven, ins Spiel bringt, gleichsam hinter dem eigenen Rücken und ohne mit dem Zeigefinger darauf hinzuweisen.

Inzwischen, gute 170 Jahren seit seinem Erscheinen, ist Rot und Schwarz längst ein Klassiker der Weltliteratur. Aber damit ist im Grunde wenig gesagt, jedenfalls nicht genug. Klassiker sind unter anderem Bücher, die uns immer wieder überraschen, weil wir an sie stets neue Fragen stellen können. Klassiker sind aber in vielen Fällen auch Bücher, die wir ohne die freundliche Hilfe von Kommentaren kaum mehr in allem verstehen können. Klassiker, heißt das, müssen kenntlich gemacht werden, sie sind erklärungsbedürftig. Und wenn sie nicht in deutscher Sprache geschrieben worden sind, müssen sie in regelmäßigen Abständen neu übertragen werden, denn auch Übersetzungen altern.

Nun liegt eine neue Übersetzung des Stendhalschen Meisterwerkes vor, und diese, das sei gleich gesagt, ist großartig gelungen. Das Überraschende ist hier beispielsweise, wie nahe Elisabeth Edl, der wir diese Arbeit zu verdanken haben, immer wieder an den Duktus des Originals herankommt, bis in die Tiefen und Untiefen des Satzbaus hinein. Und dieser sieht im Deutschen bekanntlich anders aus als im Französischen. Zugleich wahrt und bewahrt die Übersetzerin die unerlässliche Distanz, so dass wir immer einen Text in deutscher Sprache lesen - der seine Fremdheit behalten darf. Wenn beispielsweise die Ehefrau Rênal ihren Mann "mon ami" nennt, "mein Freund", mag dies für unser Empfinden eine seltsame Anrede sein. An diesem Seltsamen aber braucht sich eine Übersetzung nicht einfach vorbeizumogeln; in der Entstehungszeit dieses Romans waren die sozialen Unterscheidungsmerkmale, die die Sprache bereit hielt, ungleich differenzierter als heute. Die Übersetzerin lässt den Ehemann, im Unterschied zu älteren, immer noch kursierenden Übertragungen, also "Freund" sein, selbst wenn an ihm nicht viel Freundliches zu erkennen ist. Aber gerade dies soll nicht aus der Übersetzung einzelner Schlüsselbegriffe hervorgehen, sondern aus dem erzählten Ganzen.

Schlechthin wunderbar ist die Fülle der Tonlagen, die die Übersetzerin freilegt. Das manchmal Glänzende, dann wieder Grummelnde, mal Flüchtige, mal präzis Ausgemalte wird hier nicht ausgeglichen. Stendhal, das weiß man inzwischen, war als Stilist nicht immer gleichermaßen sorgfältig. Manchmal scheint er mit der Feder, manchmal mit der Kelle zu schreiben. Wer, das Original in der Hand, beispielsweise die amourösen Abenteuer Sorels verfolgt, wird sehen, dass diese Übersetzung sich so weit in die sprachlichen Finessen einer vergangenen Zeit zurückwagt, dass sie passagenweise wieder überraschend aktuell sein kann.

Angenehm ist die neue Ausgabe auch darum, weil Elisabeth Edl in ihrem ausführlichen Nachwort weit mehr bietet als die üblichen Worterklärungen. Sie beleuchtet den historischen Hintergrund und liefert wertvolle Informationen zur Entstehung des Romans, kommt auf die zeitgenössische Rezeption zu sprechen und dokumentiert nicht zuletzt auch Stendhals Selbstkritik. Im sogenannten "Bucci-Exemplar" hat Stendhal seinen Roman mit Anmerkungen versehen, auf die Elisabeth Edl verweist.

Daneben steht ein langer Kommentar Stendhals in eigener Sache. Gezeichnet hat ihn Stendhal mit einem seiner zahlreichen Pseudonyme, "D. Gruffot Papera". Und dieser Papera ist ziemlich begeistert: "Sein Buch ist lebendig, bunt, interessant und gefühlsvoll. Dem Autor ist es gelungen, die empfindsame und naive Liebe mit Schlichtheit zu schildern. Er hat es gewagt, die Pariser Liebe zu schildern. Das hat vor ihm niemand versucht." Die Pariser Liebe, wie Julien Sorel sie versteht, ist zweifellos ein sonderbares Ding - und der Roman, der davon erzählt, unbedingt eine Neuentdeckung wert.

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