Roter Staub von Gillian Slovo, 2001, Kunstmann

Roter Staub.
Roman von Gillian Slovo (2001, Antje Kunstmann-Verlag - Übertragung Uda Strätling).
Besprechung von Barbara von Becker in der Frankfurter Rundschau, 1.8.2002:

Die vielen Gesichter der Wahrheit
Thriller von Schuld und Sühne in Südafrika: Gillian Slovos Roman "Roter Staub"

Die Autorin Gillian Slovo ist die Tochter des legendären weißen südafrikanischen Bürgerrechtlers Joe Slovo, eines engen Freundes und Mitstreiters von Nelson Mandela, und von Ruth First, Universitätsdozentin und engagierte Anti-Apartheid-Journalistin, die 1982 durch ein Briefbombenattentat starb. Gillian Slovos Roman Roter Staub ist ein ebenso bewegendes wie spannendes Buch über Schuld und Sühne unter den schwierigen Bedingungen des vormaligen und jetzigen Südafrikas.

Sarah Barcant, erfolgreiche Staatsanwältin in New York, wird von ihrem alten Mentor und Lehrer, einem weißen Anwalt, der zeitlebens für die Rechte der Schwarzen gekämpft hatte, zurückgerufen nach Südafrika, um für ihn, der selber zu krank ist, einen Fall zu übernehmen. Sie folgt seiner Bitte, die eher einem Befehl ähnelt, und kommt zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder in den Ort ihrer Kindheit, Smitsrivier. Eein Kaff am Rand der Wüste, nicht nur im Vergleich zu New York ein "Außenposten der Zivilisation". Dort soll sie erwirken, dass James Sizela und seine Frau die sterblichen Überreste ihres Sohnes Steve übergeben werden, damit sie ihn bestatten können. Während der Unruhen Ende der achtziger Jahre war er in Polizeigewahrsam offensichtlich zu Tode gekommen. Aber keiner der daran vermutlich Beteiligten ist bereit, Angaben zu machen, die der Auffindung der Leiche dienen könnten.

Denn die Zeiten haben sich geändert. Was Jahrzehnte in unerreichbarer Ferne schien, ist Wirklichkeit geworden: Weiße Sicherheitspolizisten sitzen auf der Anklagebank und müssen sich befragen lassen zu ihren Vorgehensweisen gegen schwarze Bürger; nicht selten war es Folter mit Todesfolge.

Einer dieser Täter ist Dirk Hendricks. Er ist bereits zu fünfzehn Jahren Gefängnis wegen Mitverantwortung am Tod eines Schwarzen verurteilt. Nun hat er einen Antrag auf Amnestie gestellt wegen "Tätlichkeiten gegen Alex Mpondo", einen damaligen ANC-Kämpfer. Laut eines 1990 erlassenen Gesetzes zur "Förderung der nationalen Einheit und Versöhnung" kann die so genannte "Wahrheitskommission", bestehend aus einem Richter und den gegnerischen Parteien, Amnestie für eine Tat gewähren, wenn damit ausschließlich politische Ziele verfolgt wurden und wenn alle relevanten Fakten vollständig offen gelegt werden.

Dirk Hendricks wird also aussagen. Deshalb hatte der alte Kämpe Ben Sarah Barcant und Alex Mpondo gezwungen, nach Smitsrivier zurückzukehren, damit sie vor der Wahrheitskommission dem gefürchteten Expolizisten entlocken, wo Steve, der beste Freund von Alex Mpondo, verscharrt worden war.

Gillian Slovo entwickelt diesen brisanten Showdown mit hohem dramaturgischen Geschick. Drei Menschen, die aus verschiedensten Gründen Smitsrivier verlassen hatten, treffen dort wieder aufeinander, werden von ihrer Vergangenheit, ihren Prägungen eingeholt. Am leidvollsten ist es für Alex Mpondo, heute ein smarter Abgeordneter im Parlament in Prätoria, seinem Peiniger wieder gegenübertreten zu müssen, der ihn mit den brutalsten Methoden über einen Monat hin gefoltert hatte. Beklemmend und eindringlich lässt die Autorin eine makabre Verbundenheit der beiden deutlich werden, geknüpft durch das Grauen zwischen ihnen. Eine fatale, erbarmungslose Intimität, dadurch, dass jeder den anderen in Grenzsituationen wahrgenommen hatte.

Es war ein langer, blutiger Weg gewesen, den Weiße und Schwarze gemeinsam in Südafrika zurückgelegt hatten, ein Weg, der Gräben von Hass und Schmerz aufgerissen hatte, die sich nicht einfach durch die Unterzeichnung von Abkommen und eine neue Regierung zuschütten lassen. Und es war fast nicht möglich gewesen, ohne Schuld durch diese Zeitläufte zu gehen - ob auf Seite der Anhänger und Aktivisten des African National Congress (ANC) oder der weißen Verfechter von Rassentrennung. Aber ist es Schuld, wenn einer in Todesangst unter brutalen Schlägen, den Kopf zum Ersticken in einen Sack gesteckt, den Namen eines Kameraden preisgibt? Wie schwer wiegt ein solcher Verrat, wenn man der Folter nicht standhält?

Gillian Slovo, deren eigene Kindheit überschattet war von Polizeirazzien, Verhaftungen der Eltern, Angst, Exil und schließlich dem Mord an ihrer Mutter, versucht gerechte Antworten zu finden auf die universelle Frage, warum Menschen anderen Menschen dies antun. Sie beschreibt das unheimliche Nebeneinander von charmanten, hilfsbereiten Normalbürgern, die zu sadistischen Bestien werden und die vor sich selbst immer noch mit der Behauptung operieren: "Ich habe es zum Wohle Südafrikas getan."

Ohne Triumph analysiert die Autorin die Situation der Täter, denen durch ein verändertes gesellschaftliches Wertesystem und neue Machtverhältnisse die Legitimation für ihre Handlungen weggebrochen ist und die auch deshalb auf alten Positionen beharren, um ihr bisheriges Leben nun über den Abgrund der Sinnlosigkeit zu hieven. Aber es gibt neue Spielregeln, und mit ihnen kann man vielleicht sogar noch ein Stückchen der eigenen Haut retten. Das hat Dirk Hendricks begriffen.

Trotz intensiver Debatten über Schuld und Moral, über den südafrikanischen Idealismus und den schnöden New Yorker Pragmatismus, über Politik, Selbstbefreiung, Lebenslügen gelingt es der Autorin bravourös, die Handlung nach dem Muster eines klassischen Thrillers aufzubauen. Dies tut sie, ohne je eine Sekunde ihre literarischen Figuren und deren schreckliche Geschichte zu Gunsten von Spannungselementen zu verraten. Am Ende gibt es, wie bei allen großen Verstrickungen, keine Gewinner und keine umfassende Gerechtigkeit. Und auch die Wahrheit ist nicht absolut, sondern individuell. Nur der Schmerz ist einzigartig und bei allen Menschen gleich.

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