Rote Handschuhe von Eginald Schlattner, Zsolnay-Verlag, 2001 1.) - 2.)

Rote Handschuhe.
Roman von Eginald Schlattner (2001, Zsolnay ).
Besprechung von Katrin Mackowski aus Profil, Wien:

Schuld und Sühne

Zeitdokument. „Selbst meine Exkremente gehören nicht mehr mir.“ Einsame Worte aus einer Zelle der rumänischen Securitate. Nach Jahren der Folter dann der Verrat an Freunden und sogar am eigenen Bruder. Freiheit darauf, aber keine Erlösung.

Und es ist, als ob auch nach über 600 Romanseiten die gejagte Seele keine Ruhe findet. Was dem Autor widerfahren ist – die Schuld, „falsch Zeugnis geredet zu haben“, um das eigene Leben zu retten –, lässt sich weder wieder gutmachen noch richten. Deshalb schreibt Eginald Schlattner, heute Gefängnispfarrer, so lakonisch über diese Schuld.

Die vielen Geschichten innerhalb einer großen Erzählung handeln von Verzweiflung, vor allem aber vom Verhöralltag: der brutalen Jagd auf Konterrevolutionäre der kommunistischen Machthaber, denen der Ich-Erzähler erliegt. Ein Unterworfener, jedoch kein Märtyrer – gegen die eigene christliche Überzeugung. Ein spannendes Zeitdokument rumänischer Nachkriegsgeschichte, das aber die Schuldfrage dieses Verrats offen lässt. Leider.

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Rote Handschuhe von Eginald Schlattner, Zsolnay-Verlag, 20012.)

Rote Handschuhe.
Roman von Eginald Schlattner (2001, Zsolnay ).
Besprechung von Nicole Henneberg aus Frankfurter Rundschau, 15.9.2001:

In der Zelle am Lagerfeuer
Absurde Wendung: In Eginald Schlattners Roman "Rote Handschuhe" wird das Securitate-Gefängnis zum idealen Erzählort, an dem sich die Erinnerungsspeicher öffnen.

Dieser gewichtige Roman ist ein ganz und gar ungewöhnliches Buch. Es erzählt die Geschichte eines politischen Prozesses, der 1959 im siebenbürgischen Kronstadt (damals Stalinstadt) stattfand und genau dem "klassischen" Muster der stalinistischen Schauprozesse der 50-er Jahre folgte. Damit ist es natürlich ein hochpolitisches Buch; wovon auch die skandalösen politischen Anfeindungen zeugen, denen der Autor heute aus Kreisen seiner ehemaligen Landsleute ausgesetzt ist.

Aber auch einen oft komischen Gesellschaftsroman hat Eginald Schlattner geschrieben, und seine Fabulierlust verwandelt die trostlose Zelle eines Securitate-Gefängnisses in einen idealen Ort für Geschichten, die so mitreißend sind, dass man sich als Leser geradezu an diesen schaurigen Ort sehnt. 1957, als er verhaftet wurde, war Eginald Schlattner Student und hatte einige Zeit zuvor einen deutschen Literaturzirkel in Hermann-stadt gegründet. Als Autor war er zu dieser Zeit völlig unbekannt, darüberhinaus litt er an Depressionen, die zeitweise stationär behandelt werden mussten. Er war somit das schwächste Glied in der Kette der vom Geheimdienst observierten siebenbürgischen Schriftsteller. Und gab damit das ideale Opfer ab, um durch körperliche und seelische Qualen zum Zeugen der Anklage gepresst zu werden. Gegen ihn selbst hatten die Ermittler so wenig in der Hand, dass er lediglich wegen "Nichtanzeigen staatsfeindlicher Aktivitäten" zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt wurde.

Der Roman Rote Handschuhe erzählt die Geschichte und Vorgeschichte dieser zweijährigen Haftzeit. Und was der gewiefte Erzähler Schlattner aus diese Geschichte macht, ist grandios: wie an den Lagerfeuern der Karawansereien geht es in seiner Zelle zu.

Das politische Tagesgeschäft sorgt für einen ständigen Wechsel der Personen, in denen sich die ganze Vielschichtigkeit der siebenbürgischen Gesellschaft wiederspiegelt. Abenteuerlich, von Krieg und politischem Machtwechsel vielfach gebrochen sind die Schicksale, die dabei offenbar werden. Zumal es eine der großen Stärken dieses Romans ist, die verstörende, unruhige Geschichte einer ganzen europäischen Region so leichthändig in einzelnen Personen erzählerisch kulminieren zu lassen, dass man sie nicht so schnell wieder vergisst.

So finden sich am 23. August 1958 nach und nach in der Zelle ein katholischer Priester, ein proletarischer Aktivist, ein jüdischer Buchhändler und ein orthodoxer Mönch ein. Alle haben sich entweder durch zu viel oder zu wenig gesellschaftliches Engagement verdächtig gemacht und sie wissen, dass sie auf echte Ermittlungen oder gar auf Gerechtigkeit nicht hoffen dürfen. So erzählen sie wie um ihr Leben tage- und nächtelang, und zwischendurch muss der Priester als geschickter Entertainer die Gemüter durch Anekdoten und Späße beruhigen, sonst würden sich die Häftlinge gegenseitig zerfleischen. Da geht es vielleicht dem Jäger noch am besten: Er teilt immerhin mit dem Chef der Securitate eine handfeste Leidenschaft, die Jagd nämlich.

Am 1. Mai, auch einem beliebten Aushebungsdatum der Securitate, kam es deshalb zu einem sehr merkwürdigen Zwischenfall. Einer der Hirsche aus dem Freigehege am Fuß der Gefängnismauer war krank geworden, und der Kommandant, außer sich vor Sorge, ließ den Liebling einige Tage zur Behandlung mit in die enge Zelle zwängen; was die Gefangenen, der Abwechslung wegen, durchaus freute.

Idealer Ort für Geschichten wird das Gefängnis auch deswegen, weil es jeden seiner Insassen zur Konzentration auf Sprache und Gedächtnis zwingt; andere Hilfsmittel, sich nachdenkend seines Lebens zu vergewissern, stehen nicht zur Verfügung. Beim Verhör erklärt der Securitate-Major zynisch, dass unter seiner Obhut noch so gut wie jeder zum Dichter geworden sei. Im Falle unseres Erzählers, dem Alter Ego Eginald Schlattners, trifft das auch sicher zu. Sein Überlebensprogramm besteht darin, das frühere Leben Wort für Wort zu rekapitulieren; und dabei öffnet die Sprache ständig neue, unerwartete Erinnerungsspeicher. So drängt sich die große Liebesgeschichte seiner Jugend immer wieder in den Vordergrund. Vor allem draußen, auf blühenden Wiesen, in üppigen Wäldern und in einem Lavagebiet, rund um heiße Quellen, hatte sie sich abgespielt. Und zwischen der sinnlich aufgeladenen, duftenden und vor Saft strotzenden Natur und den heißen Körpern des Liebespaares gab es eine direkte Beziehung, die sich gebieterisch allen Sinnen mitteilte.

Sich diese Kräfte während der Haftjahre zu vergegenwärtigen und sich ihnen später, in Freiheit, wieder zu öffnen, wird den Erzähler letztlich retten. Denn das Kalkül seiner Peiniger wäre beinahe aufgegangen: Als der verzweifelte, den Tod herbeisehnende Student endlich bereit ist, gegen seine Freunde auszusagen, wird er sehr schnell zum Übererfüller seines Plansolls; der verhörende Major muss sogar bremsen. Doch die erzwungene Überreaktion ist so heftig, dass sie auch nach der Entlassung weiterwirkt, und der sich selbst völlig abhanden gekommene "Zeuge der Anklage" sich zwingt, der Parteilinie in allen Lebenslagen zu folgen - solange, bis er vorübergehend wieder in der psychiatrischen Klinik landet.

Eginald Schlattner verschweigt nicht, wie er gegen seine Mitgefangenen aussagte und dem Geheimdienst erzwungenermaßen zuarbeitete. Er schildert seine Schuldgefühle und seine Verzweiflung darüber. Doch jeder, der schon einmal Berichte über politische Prozesse gelesen hat weiß, dass er keine Chance hatte, sich anders zu verhalten. Und selbst wenn, es hätte an dem Prozess, an der Verurteilung der Schriftsteller nichts geändert.

Kein in diesem Teil Rumäniens geschriebenes Buch hat bisher so offen und frei von Ressentiments die dortige Nachkriegsgeschichte dargestellt wie die beiden Romane Eginald Schlattners. Aus diesem Grund ist es mehr als empörend, wenn ein ehemaliger Mitangeklagter in die Fußstapfen der stalinistischen Ankläger tritt und den gepressten Kronzeugen zum Schuldigen erklärt und nicht, wie es der Wahrheit entspricht, das totalitäre Regime. Kein Pardon also für Demagogen - denn es sind Romane wie diese, die uns Nachgeborenen Europa erklären.

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