Rot von Uwe Timm, 2001,KiWi1.) - 2.)

Rot.
Roman von Uwe Timm (2001, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Jens Dirksen in der NRZ vom 9.12.2001:

Ein Leichenredner sieht rot

Der "Heiße Sommer" ist lang, lang her: Uwe Timms neuer Roman ist auch eine Bilanz der 68er, aber keine vorläufige mehr. Sie endet nicht mit Ungereimtheiten, sondern mit dem Tod. Die Farbe Rot ist verblasst. Die Metapher verwässert nicht erst seit dem Niedergang der Kommandostaaten mit sozialistischem Antlitz. Das Entröten hat allerdings mit dem geschlossenen Einmarsch der SPD in der "Neuen Mitte" einen vorläufigen Höhepunkt gefunden. Dabei steht Rot ja schon seit der Einführung der Ampelmännchen nicht mehr unbedingt nur für Fortschritt. Es ist nur konsequent, dass Uwe Timm, der schon 1974 seinen Debüt-Roman "Heißer Sommer" den 68ern und ihrem Weg in die Gesellschaft gewidmet hat, nun auch die endgültige Ankunft der einst Studentenbewegten an den Spitzen der Gesellschaft mit einem Roman kommentiert. Die staatstragenden Alt-68er müssen seit dem Frühling dieses Jahres keine Abwehrschlachten mehr schlagen. Nachdem der grüne Außenminister das letzte Gefecht wegen seiner tiefroten, nicht ganz unblutigen Vergangenheit durchgestanden hat und lieber die Feldzüge in Serbien und Afghanistan verteidigt, sind selbst die Kritiker verstummt, die noch heute "Lieber tot als rot!" rufen.

Ein Grottenolm der Revolution

Wahrscheinlich musste die Hauptfigur im neuen Roman von Uwe Timm genau deshalb ein Leichenredner sein. Klar, dieser Durchschnitts-68er namens Thomas Linde ist auch deshalb Leichenredner, weil der Beruf in unseren mehr und mehr entkirchlichten Zeiten einem soziologischen Realismus unweigerlich in den Blick gerät und weil man von Jazz-Kritiken allein nicht leben kann. Thomas Linde wird plötzlich mit den feuerroten Seiten seiner Vergangenheit konfrontiert, als sein alter Kampfgefährte Aschenberger (Uwe Timm hat nun mal ein Faible für sprechende Namen), der einst die Berliner Siegessäule in die Luft sprengen wollte, zu Grabe getragen werden und dort auch gewürdigt werden soll. Aschenberger, der anders als der zu Kompromissen und zum Wohlleben neigende Linde den alten Ideen treu blieb, hat Manuskripte zurückgelassen. Mit Titeln wie "Der Alltagsfaschismus", "Armut und Reichtum", "Die nach innen verlagerte Aggression". Titel, die heute fremd klingen und Aschenberger in den Augen der erfolgsgewohnten westlichen Wendehälse zum "Grottenolm der Revolution" stempeln, wie Linde einmal denkt. Erinnern muss der sich aber ohnehin dauernd, denn seine 20 Jahre jüngere Geliebte Iris, eine Designerin, will wissen, wie das alles war, damals. Uwe Timm hatte noch nie Angst vor literarischen Formen mit Gebrauchsspuren. Aber er wollte wieder einmal über das Rosa seines überaus erfolgreichen "Rennschweins Rudi Rüssel" und die folgerichtige "Erfindung der Currywurst" hinaus. So visiert er diesmal eine Gesamtschau jener Generation an, deren Zwischenbilanz er 1980 mit seinem Roman "Kerbels Flucht" gezogen hat. Damals hießen die Möglichkeiten Terrorismus, Depression und Anpassung; heute gibt es keine echten Alternativen mehr, und so erzählt Thomas Linde seinen Lebensroman in den Sekunden zwischen seinem aufrechten Gang über die Straße mit der roten Ampel und jenem Moment, da das "sanfte Grau" in seinem Innern übergeht in das reine "Licht" des Todes.

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Rot von Uwe Timm, 2001,KiWi2.)

Rot.
Roman von Uwe Timm (2001, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Michael Amon :

Ein wichtiges und ein herrlich geschriebenes Buch. Daß ein solcher Roman in einem Verlag erscheinen kann, der nurmehr Autoren macht, die höchstens 14 Jahre alt sind (Achtung: Ironie!), grenzt schon fast an ein Wunder. Andererseits: hier erschien einst (und bis heute) auch Joseph Roth. Also was soll's. Ein hervorragender Roman, ein Sittenbild der 68er. Mit Liebe und ohne Denunziation werden die Figuren beschrieben: in ihrer Hoffart, in ihrer Lächerlichkeit, in ihren Wünschen und Sehnsüchten, und in ihrem Scheitern. Ein glänzendes Stück Literatur, realistisch und doch die Grenzen des Erzählens auslotend. Verständlich, witzig, und doch niemals platt.

Weinempfehlung:
Château Rauzan-Ségla 1995, Margaux.

Plattenempfehlung:
Shelby Lynne: Identity Crisis. CD. Capitol Records 90508-2

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