Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur von Vladimir Vertlib, 2001, DeutickeDas besondere Gedächtnis der Rosa Masur.
Roman von Vladimir Vertlib (2001, Deuticke).
Besprechung von Günther Stocker aus Rezensionen-online *LuK*, 2001:

Aus dem Zeitalter der Extreme
Vladimir Verlibs neuer Roman

Es ist zweifellos ein gewagtes Unterfangen, wenn sich ein fünfunddreißigjähriger Autor an einen Roman macht, der die Lebensgeschichte einer 1907 geborenen russischen Jüdin erzählt, die das 20. Jahrhundert in all seiner Gewalt und Zerstörungswut erlebt hat. Es gilt nicht nur, das Geschlecht zu wechseln, sondern auch die Generation, und vor allem will eine ungeheure Stoffülle gebändigt werden. Es sei hier gleich im voraus verraten: Vladimir Vertlib gelingt all das auf beeindruckende Art und Weise.

Die erste Szene seines neuen Romans »Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur« spielt in der Gemeinschaftsküche einer St. Petersburger Kommunalwohnung – ein ungewöhnlicher Schauplatz in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Und von Beginn an ist klar, daß hier einer schreibt, der sich in seinem Stoff auskennt. Vertlib wurde 1966 in Leningrad, dem einstigen und heutigen St. Petersburg geboren, emigrierte 1971 mit seiner Familie nach Israel, dann in die USA und lebt seit 1981 in Österreich. Schon der Anfang seines Romans läßt erahnen, daß hier ein ganz anderer Blick auf die Geschichte und die Gegenwart Europas geworfen wird, als wir ihn aus der hiesigen Literatur gewohnt sind. In wenigen Sätzen wird die soziale Situation in Rußland nach dem Fall des Kommunismus auf den Punkt gebracht, wird die zwischen Orientierungslosigkeit und Resignation schwankende Stimmung in der Bevölkerung plastisch dargestellt. Eine Familie russischer Juden – der achtundsechzigjährige Konstantin Naumowitsch Schwarz, genannt Kostik, seine Frau Frieda Berkowna Kogen und seine zweiundneunzigjährige Mutter Rosa Abramowna Masur – plant, in die deutsche Kleinstadt Gigricht auszuwandern, wo sich Kostiks und Friedas Sohn schon vor einigen Jahren niedergelassen hat. In der Darstellung ihrer Hoffnungen und Ängste anläßlich der geplanten Emigration verbindet sich genaue Milieuschilderung mit einem feinem Gespür für die rhetorischen Besonderheiten des Russischen und einer gehörigen Prise bösen Humors: »Es ist schon ein großes Glück, liebe Svetlana Osipowna, daß die Deutschen ein so schlechtes Gewissen haben, nachdem sie uns wie die Schweine hingeschlachtet haben. Deshalb dürfen jetzt einige von uns nach Deutschland übersiedeln. So haben die Deutschen wieder ihre Juden und wir ein schöneres Leben«, meint Kostik zu einer Nachbarin.

So ein Anfang macht neugierig und der Roman hält, was er im ersten Kapitel verspricht. In Deutschland angekommen, ist das Leben für die neuen Bundesbürgerinnen und Bundesbürger alles andere als einfach. Vertlib schildert ihre soziale und emotionale Befindlichkeit mit großer Einfühlung und entwirft skurrile, aber durchaus realistische Situationen, in die sie aus Unwissenheit, aus Vorurteilen oder schlicht aus Gefühllosigkeit hineingezogen werden. Eine alte Frau etwa, die mit knapper Not dem Ghetto von Minsk entkommen ist, später ihre Identität gewechselt und dadurch die antisemitischen Pogrome Stalins überlebt hat, soll nun vor den deutschen Beamten beweisen, daß sie doch eine Jüdin ist, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. »Ja, so ändern sich die Zeiten. Einmal ziehen sie dir die Haut vom Leibe, weil du ein Esel bist, und das andere Mal mußt du laut Ia schreien, damit sie dir Hafer geben.« In solchen ans Absurde grenzenden Szenen macht der Roman deutlich, daß die NS-Vergangenheit noch lange nicht »bewältigt« ist, noch lange nicht abgeschüttelt werden kann, wie sich das so mancher wünscht, sondern nach wie vor als schweres Erbe auf der deutschen (und österreichischen) Gegenwart lastet.

Das schwierige und widerspruchsvolle Leben jüdischer Immigrantinnen und Immigranten in Deutschland bildet allerdings nur den Rahmen der Handlung, denn ab dem dritten Kapitel nimmt der Erzählfluß eine ganz andere Wendung. Im Zentrum stehen von nun an die Erinnerungen von Rosa, die sie anläßlich eines historischen Projekts mit dem Titel »Fremde Heimat. Heimat in der Fremde« einem jungen Übersetzer erzählt und die fast das gesamte 20. Jahrhundert umfassen. Die Geschichte der Juden im »Zeitalter der Extreme« (Eric Hobsbawm) ist auch in Rußland eine Geschichte von Ausgrenzung, Verfolgung und Vertreibung. Rosas früheste Erinnerung ist die Angst des Kleinkinds vor dem Grölen des Pöbels, der sich »1910 oder 1911« in der weißrussischen Kleinstadt Witschi zu antisemitischen Ausschreitungen zusammengerottet hat, »das Klirren der Fensterscheibe in der Synagoge«. Von da an überschattet der Judenhaß ihr Leben in den verschiedensten Erscheinungsformen und in wechselnden Schüben. Zwischen 1914 und 1921 bringen Deutsche, Polen, Weißrussen und marodierende Soldatenhorden immer wieder neue Wellen von Plünderungen, Vergewaltigungen und Morden über ihr Shtetl. Gleichbleibendes Leitmotiv: der Antisemitismus. Die Anfangsjahre der Sowjetunion versprechen dann bessere Perspektiven für die russischen Juden. Rosa geht in die Friedrich-Engels-Mittelschule in Gomel, ihr Vater erhält endlich eine fixe Anstellung. Aber die Moderne und der Kommunismus brauchen in der Provinz noch einige Zeit, bis sie sich wirklich durchsetzen. In Witschi rühren manche Bauern das elektrische Licht nicht an, weil sie sagen, was in der Nacht ohne Feuer leuchtet, das komme vom Teufel. »Die Vorsitzende der örtlichen kommunistischen Jugendorganisation Komsomol weigert sich am Samstag zu den Versammlungen zu kommen, weil Sabbat ist.« Und auch daß der Antisemitismus durch die klassenlose Gesellschaft beseitigt wird, war nur eine kurze Illusion.

Hitlers Überfall auf die Sowjetunion bringt die Juden bald wieder in Lebensgefahr. In den von der Wehrmacht eroberten Gebieten werden sie in die Konzentrationslager deportiert, dabei kollaborieren nicht wenige Russen mit den Nazis und verraten die Verstecke ihrer jüdischen Mitbürger. Auch nach dem Krieg werden sie schnell wieder scheel angesehen, beschimpft oder gar mit Nazi-Parolen empfangen. Die Behörden schauen weg, und Anfang 1953 kommt es in der UdSSR zu regelrechten Pogromen, bei denen Wissenschaftler und Künstler verhaftet, Theater und Zeitungen geschlossen werden und die Benachteiligung von Juden zur alltäglichen Praxis wird. Wegen eines lächerlichen Schreibfehlers muß auch Rosas Sohn ins Gefängnis. Ihr Bruder ist schon Jahre zuvor wegen eines fingierten Spionageverdachts zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Die einst überzeugte Kommunistin beginnt immer mehr an diesem System zu zweifeln. Vertlib klagt aber nicht einfach an, sondern zeichnet ein differenziertes Bild der Sowjetunion, indem die anfängliche Begeisterung für den neuen, sozialistischen Staat verständlich wird, aber auch die willkürlichen Verhaftungen, die Ermordung unschuldiger Menschen, das allgegenwärtige Spitzelwesen und der Größenwahn Stalins zum Thema gemacht werden.

Besonders eindringlich erzählt sind Rosas Erinnerungen an die deutsche Blockade Leningrads im Zweiten Weltkrieg. In den eineinhalb Jahren, in denen die Stadt fast vollständig von der Außenwelt abgeschnitten war, starben mehr als sechshunderttausend Menschen den Hungertod. Mit Fortdauer der Belagerung waren Not und Verzweiflung so groß geworden, daß es sogar zu Fällen von Kannibalismus kam. Einige Szenen des Romans bewegen sich hier an der Grenze des Erträglichen und lassen einen aufgrund der geschilderten Grausamkeiten beim Lesen innehalten. Aber der Autor verliert sich nicht in blutrünstigen Details oder falschem Pathos. Er findet für die Abgründe eine nüchterne, präzise Sprache und weiß gerade dadurch zu bewegen. Rosa und ihre Familie überleben unter unmenschlichen Bedingungen. »Im Dezember 1941 beginnen wir, unsere Tapeten von den Wänden zu reißen. Der Tapetenkleister läßt sich abkratzen und zu einer magenfüllenden Brühe verkochen. Viele Menschen sind gestorben, weil es ihnen von dieser Kost die Gedärme aufgebläht hat.«

Die große Leistung von Vertlibs Roman ist es, dieses umfangreichende und dramatische Geschehen in einer Reihe von Einzelepisoden zu verdichten, ohne je ins Anekdotische abzugleiten oder einfach Geschichtsdaten zu referieren. Die historischen Fakten bleiben als Hintergrund ständig präsent, auf deren Basis gelingen ihm spannend erzählte Schlaglichter auf die russische Geschichte im allgemeinen und die Geschichte der russischen Juden im besonderen. Dieser literarische Umgang mit der Vergangenheit wirkt insofern authentisch, als er nicht den Anspruch hat, alles darstellen und erklären zu wollen, sondern die subjektiven Erinnerungen Rosas als Brennspiegel benützt, in dem die historischen Ereignisse konzentriert werden.

Trotz all des Grauens, von dem das Buch erzählt, fehlt es darin nicht an Humor, auch wenn dieser oft sehr schwarz ist. Und das trägt zu einer erzählerischen Vielstimmigkeit bei, die in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ihresgleichen sucht. Die verlorengegangene jüdische Gesprächskultur im Shtetl findet darin ebenso Platz wie die kommunistische Bürokratensprache und der Betroffenheitsjargon der offiziellen deutschen Vergangenheitsbewältigung, meschuggene Talmud-Lehrer kommen darin ebenso zu Wort wie linientreue sowjetische Beamte und betrügerische Menschenschlepper. Und für alle findet der Autor den passenden Tonfall. Der Vielfalt der Stimmen entsprechen auch der wiederholte Wechsel der Erzählperspektive und die verschiedenen Zeitebenen, zwischen denen der Roman mühelos wechselt. Moderne Erzähltechnik verbindet sich so mit einem Erfahrungsschatz, den der Autor wohl zu einem guten Teil aus den Erzählungen von Verwandten und Bekannten entnommen hat. Er hat ihnen vermutlich genau zugehört, denn phasenweise liest sich der Roman wie ein Zeitzeugenbericht, so stimmig ist er bis in die Details.

»Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur« ist der beste Beweis dafür: Autoren wie Vladimir Vertlib sind ein Glücksfall für die deutschsprachige Literatur im allgemeinen und die österreichische Literatur im besonderen. Durch ihre multikulturelle Lebensgeschichte öffnen sie der heimischen Bücherwelt ganz neue Erfahrungshorizonte, heben deren Perspektive über die zuweilen obsessive Nabelschau hinaus zu neuen Themen und neuen Einsichten. Und das kann der Literatur und ihren Leserinnen und Lesern nur gut tun.

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