Rom intensiv.
Mein Jahr in der ewigen Stadt von Feridun
Zaimoglu (2007, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau, 27.7.2007:
Unser Mann in Rom
Ein Klischee jagt das andere: Feridun
Zaimoglu erzählt von seinem Jahr in der ewigen Stadt
Die Wandlung des in Anatolien geborenen und seit
mehr als 35 Jahren in Deutschland lebenden Schriftstellers Feridun Zaimoglu vom
rotzigen "Kanak Sprak"-Aufzeichner zum gefeierten Dichter ist eine der
bemerkenswertesten Biografien, die die deutschsprachige Gegenwartsliteratur,
oder besser: der Literaturbetrieb, zu bieten hat. Nicht erst mit seinem im
vergangenen Jahr erschienenen Roman "Leyla" hat Zaimoglu sich von den
sprachlichen Niederungen des so genannten Migrationshintergrundes verabschiedet
und ist in der bildlich überbordenden, motivisch aufgeladenen Hochkultur
angekommen.
Zaimoglu hat sich positioniert, er ist gefragt und antwortet auch immer, sei es
zur Islamkonferenz oder zum Feminismus. Und er hat eine Lobby: Als nach dem
Erscheinen von "Leyla" die Schriftstellerin Emine
Sevgi Özdamar durchaus stichhaltige Plagiatsvorwürfe gegen Zaimoglu erhob,
geisterten diese zwar eine Zeitlang durch den Blätterwald, doch irgendwann
lautete die gängige Sprachregelung, die Vorwürfe seien widerlegt. Auf welche
Weise das geschah, wie oder wann - das war nirgendwo zu lesen.
Als quasi staatstragender deutscher
Schriftsteller war Zaimoglu also geradezu prädestiniert für einen Aufenthalt
in der Deutschen Akademie in Rom, der Villa Massimo. Dort leben zehn Künstler
in zehn Ateliers auf altpreußischem Grund und einem höchst repräsentativen
Grundstück. Und wenn man Schriftsteller ist, schreibt man am besten ein Buch über
diese Zeit. Das kann auf keinen Fall schaden.
"Rom intensiv" ist eine Sammlung kurzer Ausflüge in den italienischen
Alltag, von denen der Klappentext behauptet, sie führten auf Abwege. Das
Gegenteil ist der Fall - die Texte liefern genau das, was man erwartet: kleine
Schnurren, die kein Klischee, das der Deutsche an sich vom Italiener im Kopf hat
(und umgekehrt), auslassen, von der chaotischen Verkehrslage über die blinde
Papstverehrung bis hin zur glühenden Eifersucht. Dass all das ironisch gemeint
sein soll, versteht sich, nur weiß man ziemlich schnell schon nicht mehr, wie
man dieses flache Geplauder bis zum Ende durchstehen soll.
Zaimoglu gibt den tumben Deutschen im Ausland, der alles falsch macht, was man
falsch machen kann und mithin von den Einheimischen als Kuriosum betrachtet
wird. Die Italiener wiederum werden als ein Stamm dargestellt, dessen Sitten und
Gebräuche etwa so fremdartig und bizarr sind wie die der australischen
Ureinwohner. Zwei Stilmittel sind es, derer Zaimoglu sich durchgängig bedient:
übertreiben und sich dumm stellen. Der Haken ist, dass eine Stadt wie Rom an
eine solch eingeschränkte Perspektive hoffnungslos verschwendet ist. Da könnte
man auch nach Teneriffa fahren.
Was gibt es also zu sagen? Über den Vatikan beispielsweise, er sei "der
Kreml des Martialkatholizismus". Oder der Fontana di Trevi: "Hier ist
er also, der Trevibrunnen denke ich, hier hat die dralle Anita Ekberg in der
Rolle eines amerikanischen Filmstars im Wasser gewatet. Marcello Mastroianni
stand am Geländer und schaute ihr dabei zu, im Fieber der Liebe zu diesem
robbengleichen Wesen." Das ist so ungefähr das, was jedem zum Trevibrunnen
einfallen würde. Und weiter: "Irgendeine antike Szene wird hier
wiedergegeben, denke ich, schade nur, dass ich nicht den geringsten Schimmer von
den Mythen des Altertums habe." Ja, schade.
So geht Zaimoglu durch die Stadt, trifft mal Dennis, den Halbneapolitaner,
dessen Name später plötzlich zu Demis wird; mal den Ukrainer Sergej, der das
Klischee vom durchgeknallten Osteuropäer erfüllt. Erschrickt in Seidenhose und
Rippenunterhemd den Pförtner der Villa, lässt sich von einem fliegenden Händler
zehn Badehosen andrehen.
Noch schlimmer als der Gedanke, dass sich das alles so zugetragen haben könnte
ist der, dass es ausgedacht ist. "Rom ist eine Glücksstadt", heißt
es ganz zum Schluss. Davon bemerkt man hier nichts. Als sich die aktuellen
Stipendiaten im März in Berlin der Öffentlichkeit präsentierten, durfte auch
Zaimoglu kommen, um dem Bundespräsidenten die Hand zu schütteln. Das hat er
sich mit "Rom intensiv" ehrlich verdient.
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