Roman von Montag bis Freitag.
Roman von Michael Köhlmeier (2004, Deuticke).
Besprechung von Günther Stocker in Neue Zürcher Zeitung vom 23.09.2004:

Meister der kleinen Form
Michael Köhlmeiers Kurzgeschichten

Selten wird uns das eigene Älterwerden deutlicher vor Augen geführt als durch die Veränderungen im Aussehen ehemaliger Schulfreunde oder Spielkameraden. Die schütter gewordenen Haare, die weissen Bartstoppeln, das bedenklich gespannte Hemd über einem Bierbauch machen uns die Distanz zwischen den Kindertagen und dem Heute schlagartig bewusst. Immer wieder blitzen solche Schreckmomente in Michael Köhlmeiers neuem Buch auf. Viele der 38 «Storys» erzählen von gemeinsamen Jugenderlebnissen, aber auch davon, was aus den einstigen Kindern später geworden ist, aus den Brüdern Maro und Chucky, die sich gegenseitig nur mit «Arschloch» ansprachen, aus den beiden schönen Töchtern der Frau Fenkart, die den Erzähler konsequent ignorierten, oder aus dem durch und durch unsympathischen Reinhold Juen, genannt «Jack», über den er sich immer noch ärgert, wenn er bloss an ihn denkt.

Obwohl die autobiografischen Bezüge unübersehbar sind, ist Köhlmeiers «Roman von Montag bis Freitag» kein wehmütiger Lebensrückblick eines in die Jahre kommenden Schriftstellers geworden, sondern eine Sammlung perfekt konstruierter Kurzgeschichten. Ihren Ausgangspunkt haben sie allesamt in der Heimat des 1949 geborenen Autors, der Vorarlberger Kleinstadt Hohenems. Auf engstem Raum - nur zwei Geschichten sind länger als vier Seiten - erzählt hier einer von den irritierenden Momenten im Alltag, die uns für einen Augenblick aus dem Tritt bringen, ausgelöst durch einen Blick, ein halb aufgeschnapptes Telefongespräch, eine Begegnung. Er geht den mehr oder weniger verpatzten Lebensentwürfen der Menschen aus seiner Umgebung nach und entwirft in knappen Sätzen scharfe Porträts von alten Freunden und alten Feinden, von ehemaligen Geliebten und skurrilen Nachbarn.

Auf diese Weise entstehen Kurzgeschichten von nachgerade klassischem Format, Erzählungen, die auf das Essenzielle reduziert sind, unvermittelt einsetzen, vieles offen lassen, die wesentlichen Details jedoch genau in den Blick rücken. Gerade die Leerstellen sind es, die den «Storys» von Michael Köhlmeier ihren besonderen Charakter geben, all das, was unausgesprochen und am Verhalten der Figuren manchmal auch unverständlich bleibt. Der Einfluss Raymond Carvers ist deutlich spürbar, doch sind Köhlmeiers Geschichten persönlicher, der Erzähler ist stärker ins Geschehen involviert, als dies beim berühmten Amerikaner je der Fall ist. Ein «Roman», wie es der Titel verspricht, ist sein neues Buch nicht geworden, doch erweist sich Köhlmeier in der nachdenklichen Erkundung seiner Lebenswelt in der Provinz als souveräner Meister der kleinen Form.

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