1.)
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Roman
unserer Kindheit.
Roman von Georg Klein (2010,
Rowohlt).
Besprechung von Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau, 16.3.2010:
Georg Kleins neuer Roman
Würmchens Sommer
Wie nicht anders zu erwarten, bietet Georg Klein dem Leser seines neuen Romans wieder das völlig Unerwartete. Natürlich wird man einiges wiedererkennen. Es muss so sein, und es ist so, dass in einer so geheimnisvollen wie offen vor uns liegenden Umgebung sonderbare Figuren mit einigem Elan einer rätselhaften Mission folgen. Vorangegangene Abenteuer schickten etwa Agenten in Stadtlabyrinthe oder eine gemischte Runde in ein Hochhaus. Gegen das neue Buch wirkt das geradezu übersichtlich.
"Roman unserer Kindheit", glücklicherweise für den Leipziger Buchpreis wenigstens schon einmal nominiert, ist nicht nur der mit Abstand umfangreichste aller bisherigen Kleins. Und er führt nicht bloß die bisher irrwitzigste seiner Erzählerfiguren ein, ein "schlimmes Früchtchen", gegen das Oskar Matzerath, der seinerseits schon im Bauch der Mutter einen guten Überblick hatte, geradezu ein harmloser Bengel ist (nach der Lektüre, wenn man wieder auf dem Teppich steht, relativiert sich das etwas). Sondern "Roman unserer Kindheit" treibt auch das Spiel zwischen Fantasterei und einer geradezu greifbaren Realität so weit wie noch nie zuvor im schmalen Wunderwerk des heute in Norddeutschland lebenden, aber (1953) in Augsburg geborenen Schriftstellers.Dort dürfte das Buch auch spielen. Im Mittelpunkt steht zudem eine Gruppe Kinder in den frühen sechziger Jahren, so dass das Autobiografische um die Ecke lugt. Es ist aber eigentlich eine zwangsläufige Entwicklung angesichts der vorangegangenen Klein-Helden. Deren Konzentration auf den Augenblick und Sinn fürs gefährliche Abenteuer hatte den einmaligen, sich später irgendwie verwässernden kindlichen Ernst schon in sich. Nun also ohne Umschweife Kinder. Noch dazu im "ungeheuren Imperium der Sommerferien". In ihrer anfänglichen paradiesischen Länge und letztendlichen fatalen Begrenzung öffnen sie schon als Wort den Zugang zu einer Vergangenheit, in der Süße und Bitternis zugleich klarer und geheimnisvoller zutage traten als heute. Das Ergebnis ist aber nicht nostalgisch, sondern scharfsinnig.
Die Kinderchen sind keine Helden
Und so fängt es an: "Es blutet und blutet. Und weil diese Kinder - da mitten in meinem Sommer! - noch allesamt mit starken Augen geschlagen sind, so lange, bis ihnen die aufstrebenden Götter, bis ihnen der kleine Schrecken des Sex und das Schwarzweiß des Fernsehens den Blick lindern werden, sieht der Ältere Bruder das Blut von der Ferse auf den Asphalt tropfen, als liefe ihm eine Wabe seiner Seele aus." Denn diese Kinderchen wurden nicht als Helden ausgesucht, weil sie süßer oder besser sind als Erwachsene. Sondern weil ihre Äugelchen noch nicht an alles gewöhnt sind. Der Leser wird dafür an die Diminutive noch nicht gewöhnt sein. Darauf muss er sich aber einstellen.Zugleich breiten
Klein und seine impertinente, fiese, possierliche, unzuverlässige, witzige,
wirklich winzig kleine Erzählerin eine Wundertüte der Erzählkunst aus - kein
Vergleich zum Mist in den allseits beliebten Wundertüten aus dem Lädchen. Dabei
werden Motive wie Invalidentum (Versehrungen bis hin zum Vampirbiss),
Verlegenheit (Kleist-Lesern sehr vertraut) oder allen Ernstes das Witzeerzählen
eingeführt und wird munter auf der Klaviatur der Tonfälle geklimpert.
Hier die Kinder unter sich, und wer je in einem Hof gespielt hat, wird das
wiedererkennen. Da der Blick in die Köpfe der einsamen Erwachsenen: die Mutter,
die so gerne allein ist und Kaffee trinkt (schon zwickt ihr Herz, überhaupt
erweist es sich als gefährlich, erwachsen zu sein); der alte Arzt, der "das
marzipangefüllte Stück seines Lebenskuchens" in der Besatzungszeit in Paris
erlebt hat; der Mann ohne Gesicht, den Mäuschen beraten. Dann der nächste
Schrecken, ein totes Tier, ein lebendiges Sofa, ein Gespenst.
Immer fein eingewoben ist das Zeitkolorit, die hübschen neuen Henkelkörbchen
beim Händler, das Auto, bei dem Kenner sicher im Bilde sein werden. Und immer
dient das sprachlich Gezierte doch ganz der Präzision, und immer geht eine
völlig künstlich hergestellte Authentizität daraus hervor. Eine solche Hülle und
Fülle an Erzählkunst, die schon an Angeberei grenzt - aber alles gelingt -, hat
es selbst bei Georg Klein noch nicht gegeben. Man spürt, wie gut er sich das
überlegt hat, wie klug er etwa die artifizielle Echtheit nicht durch zu viel
wörtliche Rede gefährdet (wörtliche Rede unter Kindern: quasi unmöglich
abzubilden).
Wenn man dann aber über das Buch nachdenkt und dabei an spielenden Kindern
vorbeispaziert, dann haben sie rein gar nichts mit den Kindern aus dem Roman
gemein. Wir haben uns reinlegen lassen. "Hat wieder schaurig schönen Spaß
gemacht", ruft uns die Erzählerin noch zu. Das Aas.
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Leseprobe I Buchbestellung 0410 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau
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2.)
Roman
unserer Kindheit.
Roman von Georg Klein (2010,
Rowohlt).
Besprechung von Ingeborg Jaiser aus dem titel-magazin
vom 19.4.2010:
Am Anfang fließt Blut – frisches, hellrotes Bubenblut, das auf den aufgeweichten Teer des hochsommerlich heißen Straßenpflasters tropft. Just zu Beginn der Sommerferien verfängt sich der Ältere Bruder mit der Ferse in den Fahrradspeichen und wird den Rest der freien Tage in körperlicher Eingeschränktheit befangen sein, erst in einen ausrangierten Zwillingskinderwagen verbannt, dann angestrengt auf Krücken humpelnd. Und das muss gerade ihm passieren, dem unbestrittenen Anführer der kleinen Kinderbande einer Arbeitersiedlung.
Wir schreiben das Jahr 1963. Das Wirtschaftswunder Deutschland boomt, die ersten Telefone und Fernseher halten Einzug in die Haushalte. Dem anhaltenden Wohnungsnotstand werden hastig hochgezogene Neubausiedlungen entgegengesetzt, mit in Leichtbauweise vermauerten „Flüstersteinen“, die die Geräusche der Nachbarn näher kommen lassen, als es einem lieb sein kann. Die Väter sind auf Montage oder im Gaswerk, die Mütter gehen noch nicht arbeiten, sondern ziehen daheim die Kinderschar groß, halten sich tagelang mit Instantkaffee wach und lehnen an den Küchenfenstern. Manch eine kann auch dem Reiz fremder Herrenbesuche nicht widerstehen.
Es geschah am helllichten Tag
Mit dem Fahrradunfall purzeln wir unversehens hinein in den Mikrokosmos eines abgegrenzten Areals zwischen den Neubaublöcken einer süddeutschen Stadt. Eine Handvoll Grundschulkinder tobt durch den Hof: die dralle Schicke Sybille mit ihrer kleinen Schwester, die Witzigen Zwillinge mit ihrem Älteren Bruder, der Ami-Michi, der Wolfskopf und der Schniefer. Vor ihnen liegen die Ferien, eine schier endlos erscheinende Abfolge von verheißungsvollen Sonnen- und seltenen Regentagen. Eine herrlich bedeutungsfreie Zeit, die es zu füllen gilt mit Kartenspielen und Sammelalben, mit Entdeckungen und Exkursionen. Selten werden Kindheitserinnerungen so allgegenwärtig, allgemeingültig und allmächtig heraufbeschworen wie durch Georg Klein, ganz gleich, ob man selbst in den 60er-Jahren oder zu einer anderen Zeit aufgewachsen ist.
Doch nicht allein dieses archetypische Gefühl macht die Sogwirkung des Romans aus, es ist vielmehr das erahnte, heraufdräuende Unglück, ein vage vermutetes Mysterium, ein kreiselndes, sich immer tiefer grabendes Geheimnis. Das fühlt sich an, wie die Süddeutsche Zeitung treffend bemerkt, „als hätte ein David Lynch den Fünfziger-Jahre-Film Es geschah am helllichten Tag neu gedreht“.
Magischer Realismus
Mal gilt es, sich der asozialen Hühlenhäuser Sippe aus der Nachbarschaft zu widersetzen, mal bilden eine einsame Laubenkolonie und das Grundstück des aufgelassenen Bärenkellers das dämonische Szenario eines suspekten Abenteuerspielplatzes. Und welche Rolle spielen die traumatisierten Überlebenden des letzten Weltkriegs – der Mann ohne Gesicht, der Fehlharmoniker, der fallsüchtige Kikki-Mann –, die wie verirrte Fremdkörper durch die Siedlung spuken? Was ist Sybilles kleiner Schwester widerfahren, die man eines Tages verschreckt und verstockt, ohne Strümpfe und Sandalen, aus einem überwucherten Grundstück zieht? Wer steckt hinter der seltsamen, in die Zukunft blickenden Ich-Erzählerin? Als der epileptische Kikki-Mann einen Mord vorhersagt, bekommt das Grauen einen Namen. Und dieses Grauen lässt den Leser bis zur letzten Zeile nicht mehr los.
Wir driften in den Untergrund, dem finalen, schaurigen Showdown im Bärenkeller entgegen. Und der Autor zieht noch einmal alle Register: mit einer fein geschliffenen Kunstsprache verleiht er dem Schrecken ein magisches, atmosphärisch dichtes Abbild. Georg Klein ist ein genialer Erzähler und ein wortgewaltiger Meister seines Faches. Mit seinem bislang umfangreichsten Roman hat er einen großen Coup gelandet.
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3.)
Roman
unserer Kindheit.
Roman von Georg Klein (2010,
Rowohlt).
Besprechung von Isabella Pohl in Der Standard, Wien
vom 30.04.2010:
Die Unterwelt am
Kinderspielplatz
Düstere
Abenteuer eines Feriensommers erzählt Georg Kleins mit dem Leipziger Buchpreis
ausgezeichneter "Roman unserer Kindheit"
Alles beginnt mit einem bösen Fahrradunfall: Der "große Bruder" wird die restlichen Ferien über mit einem geschienten Bein, mit schmerzender Ferse verbringen. Der große Bruder ist zehn, ein begnadeter Geschichtenerzähler und damit der respektierte Anführer einer Kinderschar, die in den Sechzigern aufwächst: ohne Fernseher, ohne Leistungsdruck und ohne überfürsorgliche Eltern.
Der kaputte Fuß des "großen Bruders" überschattet als böses Omen den Sommer, von dem Georg Kleins mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichneter Roman unserer Kindheit erzählt. Ein viel größeres Unglück soll aber erst noch geschehen: Mysteriöse Boten kündigen die Ermordung eines der Siedlungskinder an.
In der "Neuen Siedlung", bunt gestrichenen Wohnblöcken, die in den ersten Nachkriegstagen im Ruhrpott so eilig hochgezogen wurden, dass ein Block wegen bautechnischer Mängel gleich wieder zugemauert werden musste und nun verfällt. Die Siedlungskinder wachsen hier in einer Freiheit auf, von der heutige Kinder nur träumen können: Die Tage auf dem Spielplatz sind unendlich lang, und die Mütter werfen nur gelegentlich einen Blick aus ihren Küchenfenstern. Solange sie zusammenbleiben, werden sie schon aufeinander aufpassen, lautet das simple Erziehungsprinzip.
Diesen Sommer also wird der "große Bruder" in einem Rollstuhl von den anderen Kindern umhergeschoben: die "schicke Sibylle" , die bald ein richtiges Mädchen werden soll, der ängstliche "Schniefer" oder der "Ami-Michi" , der seinen Spitznamen den Besuchern aus der nahegelegenen US-Kaserne verdankt, die seine Mutter regelmäßig empfängt, wenn der Vater seiner Arbeit als Fernfahrer nachgeht.
Die angekündigte Gefahr geht nicht etwa von den gefürchteten "Huhlenhäuslern" aus, die in ihrem Block den ganzen Tag über eine dicke Märchenhexensuppe kochen und deren halbwüchsige Söhne als gefürchtete Schläger den Spielplatz unsicher machen.
Dunkle Parallelwelt
In die Hofkinderidylle dringen drei rätselhafte Kriegsinvaliden ein: der "Mann ohne Gesicht" , der die Sprache der Mäuse versteht, der "Fehlharmoniker" mit seinem klugen Blindenhund und "Kommandant Silber" , dessen Wohnstatt die Kinder in einem gewaltigen Tunnelsystem entdecken und der erstaunliche Ähnlichkeiten mit einer Figur aus den Abenteuergeschichten des "großen Bruders" aufweist. Mit zahlreichen mythischen Anspielungen hängt Georg Klein das Unheil über seinen Kindheitssommer: Gleich neben dem Spielplatz tut sich (wohl durch die Kraft kindlicher Fantasie) auf einmal eine Unterwelt auf, die die ganze Siedlung wie eine dunkle Parallelwelt umschließt. Der böse Geist dieses Sommers umschleicht die Kinder in wandelbarer Gestalt und "befällt" zuletzt sogar ein kleines Mädchen, das sich plötzlich frech und abgebrüht gibt und von der Kinderschar gerettet werden muss.
Klein überspitzt das "Was wäre wenn" -Spiel der Kinder zur unheimlichen Abenteuergeschichte mit übersinnlichen Komponenten. Sein penibel konstruierter Spannungsbogen wird mit jedem Kapitel stärker gespannt - und zielt am Ende doch ins Leere. Des Rätsels Lösung bleibt letztlich weit hinter den sprachlich auf höchstem Niveau aufgebauten Versprechungen zurück. Die Kinderwelt bleibt heil, und morgen wird ein neues Spiel gespielt.
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Leseprobe I Buchbestellung 0510 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © I.P./Der Standard