1.) - 2.)
Romantik.
Eine deutsche Affäre von Rüdiger
Safranski (2007, Hanser)
Besprechung von Wolfgang
Platzeck in der WAZ
vom 25.9.2007:
Oh komm du neue Sonne
Die "documenta 12", war von Befürwortern der Weltkunstausstellung zu lesen, habe "das Übliche ins Ungewohnte" gewendet; habe sich frei gemacht vom Diktat der Innovation und einen Blick in die Geschichte (der Moderne) gestattet in der Hoffnung, die Ideale der Moderne zu reaktivieren. Sie habe neues Vertrauen in die "ästhetische Eigenmacht" der Kunst gesetzt. Die Feststellungen, mit denen anno 2007 den Kuratoren Roger Buergel und Ruth Noack ein fast revolutionärer Kunstansatz bescheinigt wird, klingen bemerkenswert vertraut.
Solche Argumente und Gedanken gab es vor mehr als 200 Jahren schon einmal, und damals waren sie tatsächlich revolutionär. Die begleitenden, kommentierenden Worte waren dabei nur in Nuancen anders gesetzt. "Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es", meinte Novalis.
Johann Gottfried Herder, den der Philosoph Rüdiger Safranski in seiner grandios leuchtenden Betrachtung einer "deutschen Affäre" an den Anfang jener so kurzen wie wirkungsmächtigen Epoche zwischen 1795 und 1826 stellt, die unter dem Namen "Romantik" auch eine Geisteshaltung erfasst, dieser Herder wiederum hinterließ dem 18. Jahrhundert den Begriff einer dynamischen, offenen Geschichte. Die Verwirklichung der Humanität in einer Art von dem Menschen obliegenden Weltexperiment hängt, so Herder, vom einzelnen Menschen ab, von den Maßstäben, die sich jeder selbst setzt.
Geschichte - auch Kunstgeschichte, könnte man mit Blick auf die "documenta" sagen - verläuft nicht linear, sondern über Brüche, Sprünge, Umwege. Nur wer das schöpferische Prinzip am eigenen Leib erfährt, wird es auch draußen im Lauf der Welt und in der Natur entdecken. Oder, mit Goethe zu sprechen (aus den "Maximen"): "Über Geschichte kann niemand urteilen, als wer an sich selbst Geschichte erlebt hat."
Friedrich Schiller schließlich war es, der all sein Vertrauen in die ästhetische Eigenmacht der Kunst setzte. Anfangs überzeugter Anhänger der französischen Revolution, dann abgeschreckt von ihrem blutigen Verlauf, fühlte er sich von eben dieser Revolution herausgefordert, eine neuartige ästhetische Theorie zu entwickeln. Erst das Spiel der Kunst, so Schiller, macht den Menschen frei. "Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." Das ist er, der homo ludens.
Rüdiger Safranski ist dagegen ein homo politicus; Interpretationen, Analysen, Bewertungen, Inhaltsangaben gar zu großen Werken der Romantik (Novalis, Hölderlin, Eichendorff, E.T.A. Hoffmann usw.) finden in seiner Gesamtschau einer bedeutenden Geistesströmung nicht statt. Ihn interessieren die gesellschafts- und kulturpolitischen Veränderungen, er leuchtet die neue Bewusstseinsebene aus, die von den Romantikern unter dem Eindruck der zunächst als Sonne der Hoffnung begrüßten Revolution in Frankreich erobert wurde. Der Autor zeigt die Romantik als Ausgang eines neuen demokratischen Verständnisses, auch als Fortsetzung der Religion mit anderen Mitteln. Früh legt er die die Ansatzpunkte eines pervertierenden Missbrauches frei und verlässt im zweiten Teil des Buches dann die zeitlich begrenzte Epoche, um sich der weiterlebenden Idee, um sich dem "Romantischen" als Geisteshaltung bis in die Politik unserer Tage zu widmen.
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2.)
Romantik.
Eine deutsche Affäre von Rüdiger
Safranski (2007, Hanser).
Besprechung von Wolf Scheller aus den Nürnberger
Nachrichten vom 14.11.2007:
Als sich das Gefühlsleben gegen die
Aufklärung wehrte
Rüdiger Safranski untersucht in seinem
neuen Buch das Verhältnis der Deutschen zur Romantik - Lesung in Nürnberg
Aus seinem jüngsten Werk
«Romantik. Eine deutsche Affäre» liest Rüdiger Safranski am 16. November (20
Uhr) im Literaturhaus Nürnberg (Luitpoldstraße 6). Safranskis kultur- und
geistesgeschichtliche Bücher, u. a. über Schiller und Nietzsche, wurden
mehrfach ausgezeichnet.
Goethe meinte im Alter,
das Romantische sei das Kranke. Und Rüdiger Safranski fragt: «Wie romantisch
war der Nationalsozialismus?» Entstanden ist aus diesen Denkfragen ein Buch,
das das Verhältnis der Deutschen zur Romantik als eine fortwährende «liaison
dangereuse», eine gefährliche Verbindung, beschreibt – in Form einer
brillanten tour d’horizont durch die Epoche der Romantik bis hin zur
Studentenrevolte von 1968, aus der Sicht Safranskis der «vorläufig letzte
größere romantische Aufbruch».
Europäisches Phänomen
Nun lässt sich eine Menge über das Verhältnis der Romantik zur Politik sagen.
Zum Beispiel auf die Tatsache hinweisen, dass die Romantik durchaus ein
europäisches Phänomen war, keineswegs nur ein deutsches. Was wir heute unter
Romantik verstehen, ist der große Aufbruch der Subjektivität des Geistes wie
der Seele gegen die Aufklärung und ihre Maximen der Rationalität und
Nützlichkeit, gegen die Klassik und ihre Harmonie und Ordnung, überhaupt gegen
die Herrschaft der planen Wirklichkeit, der biederen Moral, der
Durchschnittlichkeit.
All diese Eigenschaften stellt Safranski vom «tintenklecksenden Säkulum»
Schillers bis zu Eichendorffs
Lebenspoesie aufs Schönste dar. Ja, der Ausdruck «schön» ist hier wirklich
angebracht, weil es dem Autor gelingt, in ebenso kluger wie eleganter Weise
über eine höchst komplexe geistesgeschichtliche Epoche zu handeln.
Die Romantik hatte die Grenzen menschlicher Wirklichkeit ganz neu abgesteckt und
bestimmt. Die Gebrüder Schlegel,
Ludwig Tieck, Novalis,
Wackenroder, vor allem aber E.T.A.
Hoffmann, später auch Brentano,
die Heidelberger Romantik und der junge Heinrich
Heine - sie repräsentieren ein «romantisches Unbehagen an der
Normalität», verlangen nach der «Wirklichkeit ihrer Träume» - und bereiten
- auch mit Hölderlin
- den Eintritt in das Ideenchaos der Zeitenwende vor.
Safranski steigt bei Herder
ins Boot, jenem «Abenteurer des Geistes», der aus Riga zurückkehrt «und den
frischen Fahrtwind mitbringt, der die Fantasie anregt». Sturm und Drang,
Geniekult, der junge Goethe
- all diese jungen Genies wehren sich gegen die «Tyrannei der Vernunft», aber Goethe
wird der Erste sein, der rechtzeitig von Bord geht. Die Zurückbleibenden
verwandeln jetzt ihr Leben in Poesie. Friedrich
Schlegel entwickelt seine «progressive Universalpoesie». Ihr folgt der
Rest. Und politisch? Da eint sie doch alle der Hass auf Napoleon. Aber das
Gefühlsleben ist ihnen wichtiger. Sie radikalisieren die Subjektivität,
träumen von der «blauen Blume» und lassen am Ende - bei Eichendorff und
seinem «Taugenichts» das Posthorn erschallen: O Täler weit, o Höhen . . .
Spezifisch für Deutschland blieb da der Ton auf der Innerlichkeit, der sich
absetzt gegen Zeit und Gesellschaft. Auch hier gelingen Safranski eindrucksvolle
Darstellungen, etwa über Fichte
und Hegel, die zwar mit dem Weltgeist konspirieren, sich aber nicht ins aktuelle
Tagesgeschäft einmischen. Das führt über Nietzsche zu Heidegger,
den Safranski «das romantische Pathos von Augenblick und Entscheidung»
beschwören lässt.
Die komplette Besprechung von Wolf Scheller mit Abb. finden Sie in den Nürnberger Nachrichten
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