1.)
- 2.)
Robert Musil.
Eine Biografie von Karl
Corino (2003, Rowohlt).
Besprechung von Herbert Kuhn in der Frankfurter Rundschau, 26.11.2003:
Oft wollte er lieber nicht
(leben)
Die Biographie als Instrument
literarischer Analyse: Karl Corino und Herbert Kraft widmen sich Robert Musil
Der allmähliche Übergang des Schriftstellers
Robert Musil von den Utopien des "exakt", "mystisch",
"induktiv", "essayistisch" etc. Lebenwollens zum
Nichtlebenwollen ist der eigentliche, dem Leser sich in einem Mahlstrom
historischer Groß-, Klein- und Kleinstereignisse epischen Ausmaßes erschließende
Gegenstand von Karl Corinos Biographie.
Keine andere als die biographische Herangehensweise kann diesem komplexen
Vorgang gerecht werden, der Musils Werk in seiner Endphase vollkommen bestimmt
hat und der mit einer Methodik, die nur den Text gelten lassen will, ihn womöglich
fetischisiert, nicht herauszuarbeiten ist. Den Höhe- und Tiefpunkt zugleich der
lebenslangen Anstrengung, Gefühle in Gedanken, Gedanken in Gefühlen aufgehen
zu lassen, bilden die späten Kapitel über Gefühlspsychologie im Mann ohne
Eigenschaften; Kapitel, nun wieder Corino, "an die sich kein zweiter
Schriftsteller seines Jahrhunderts so hätte wagen können und die (Musil)
schließlich selbst für gescheitert hielt".
Im Gegensatz zu Corinos Darstellung hat Herbert Kraft die Bezeichnung
"Biographie" nicht in den Titel seines Buches aufgenommen; dieser
lautet schlicht: Musil. Es soll also in der Schwebe gehalten werden, ob
es sich hier um eine Lebensbeschreibung oder eine Darstellung des Werks handelt.
Kraft, Professor für Literaturgeschichte, jongliert mit der Form des
biographischen Werk-Essays in bewusst irritierender Weise. Den äußerst
kompakten Werkanalysen, darunter voraussetzungsreichen Traktaten zur
Subjektphilosophie, sind immer wieder biographische Ausführungen eingearbeitet.
Der Gipfel für einen selbstlose Germanistenprosa erwartenden Leser aber dürfte
sein, dass der Autor sich mit Werturteilen durchaus nicht zurückhält. Während
das auktoriale Ich sich bei Karl Corino in der jahrzehntelangen Recherchearbeit
auf die gedämpfte Tonlage des Stoikers eingestimmt zu haben scheint, ist Krafts
Stil von der Entschiedenheit des Lakonikers getragen. Auch hier ist "die
Forschung" präsent, wird aber vom Autor nach Art eines Flurbereinigers auf
Distanz gehalten.
Nach Roger Willemsens Robert Musil - Vom intellektuellen Eros ist Krafts Musil
die zweite Studie in semi-biographischer Form. Aus traditionell
wissenschaftlicher Perspektive kann sie wie Grenzgängerei wirken; sie zeigt
aber, dass der existenzielle Aspekt bei der Beschäftigung mit Musils Werk nicht
ausgeblendet werden kann, gerade weil dessen Leben schließlich "ganz
Text" wurde. Endlich: Zu der aktuell entstandenen Diskussion um die
Prozesse der "Fiktionsbildung" und "Fiktionsbehauptung"
(Ursula März, FR 4. November) - wie geht die Verwandlung sozialer in
literarische Energien vor sich, was hat sie zur Folge? - könnten Corinos und
Krafts Bücher Grundlagenforschung beitragen.
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung I home 1203 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau
***
2.)
Robert Musil.
Eine Biografie von Karl
Corino (2003, Rowohlt).
Besprechung Christian Köllerer aus Rezensionen-online
*LuK*, 2005:
Robert Musil
Corinos penible Rekonstruktion eines
Schriftstellerlebens
Jahrzehntelang beschäftigt sich Karl Corino bereits mit Leben und Werk des Robert Musil (1880-1942) und zieht nun mit seiner gewichtigen Biographie ein vorläufiges Fazit dieser Bemühungen. Mehr als zweitausend faktenreiche Seiten erwarten den Interessierten. Etwa vierhundert davon sind akribischen Fußnoten vorbehalten, die Corinos Besessenheit, auch noch die entlegendsten Details aufzustöbern, besonders eindrucksvoll belegen. Man fühlt sich an den Faktenenthusiasmus des literaturwissenschaftlichen Positivismus im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts erinnert.
Das Buch besteht aus fünfundvierzig Kapiteln, die in chronologischer Abfolge die Lebensstationen Musils behandeln. Einige davon beschäftigen sich ausführlich mit dem Umfeld des Autors, so mit Vorfahren und Verwandten (Kap. 2), dem Freund Johannes von Allesch (Kap. 7), oder mit dem (Vor)Leben seiner Gattin Martha (Kap. 12). Andere enthalten Exkurse, etwa über des Autors Beziehung zum Sport (Kap. 25) und Film (Kap. 32).
Für Musilkenner finden sich cum grano salis wenig neue Erkenntnisse, aber das ist mehr ein Verdienst als ein Versäumnis des Biographen, publizierte Corino doch viele seiner Ergebnisse bereits in Aufsätzen und in seinem Bildband "Robert Musil. Leben und Werk in Bildern und Texten" (1988). Die Summe der lebensgeschichtlichen Forschung nun nicht mehr verstreut, sondern "enzyklopädisch" in einem Band vorliegen zu haben, ist nicht nur aus Gründen der Bequemlichkeit höchst erfreulich.
Eine Stärke Corinos liegt darin, mit historischen Quellen zu arbeiten, um Licht auf Lebensumstände Musils zu werfen. Im dritten Kapitel "Im A-Loch des Teufels" über dessen Kadettenjahre zitiert er beispielsweise die Selbstdarstellungen der Militär-Unterrealschule in Eisenstadt und der Militär-Oberrealschule in Mährisch-Weißkirchen, um diesen kakanischen Kitsch mit dem brutalen Alltag der Zöglinge zu kontrastieren. Dabei greift der Autor plausibel auf Memoiren des späteren Generals Edmund Glaise von Horstenau zurück.
Über Musils intellektuelles Weltbild ist viel geschrieben worden: Die Bandbreite der Positionen reicht von naturwissenschaftlich-rational bis zum wenig überzeugenden Postulat, der diplomierte Ingenieur sei ein Vorläufer postmoderner Beliebigkeit. Wer sich für Musils geistigen Werdegang interessiert, erfährt bei Corino zwar alle mehr oder minder bekannten Tatsachen über Buchlektüren und theoretische Beschäftigung - aber dieser positivistische Ansatz trägt nur bedingt zu einem Gesamtbild bei.
Das sechste Kapitel, welches Musils Philosophiestudium in Berlin zum Thema hat, ist leider eines der kürzesten des Buches. Abgesehen von einem kurzen Referat über Gestaltpsychologie hält sich Corino ziemlich bedeckt.
Mehr als kompensiert wird dieses Defizit durch die ausführliche Schilderung des geschichtlichen und kulturellen Kontextes der einzelnen Lebenssituationen. Ob es sich um Wien oder Berlin, um Literatur- oder Verlagspolitik handelt, der Leser wird mit gebührlicher Ausführlichkeit darüber unterrichtet.
Die biographischen Verdienste des Buches sind seit seinem Erscheinen ausführlich und berechtigterweise gewürdigt worden. Zu kurz kam bisher eine Analyse von Corinos Methode. Sein legitimes Ziel, Musils Leben so penibel wie möglich zu rekonstruieren, stößt immer wieder an eine Grenze: der des fehlenden Materials. Nun ist es das Schicksal des Biographen, dass es zu gewissen Fragen keine adäquaten Quellen gibt. Mut zur Lücke zu bekennen und die Leserschaft darauf hinzuweisen, ist jedoch nicht der Weg, den Corino einschlägt.
Er treibt seinen Ansatz so weit, dass er Musils literarische Texte wörtlich als biographische Quellen zitiert, so als hätte Literatur exakt denselben Stellenwert wie Briefe, Tagebücher und andere Zeitzeugnisse. Eine wie auch immer geartete Differenz, sei es philosophisch (ontologisch, ästhetisch) oder sei es sprachlich (literaturtheoretisch, pragmatisch), wird durch dieses Verfahren explizit nicht anerkannt, anderenfalls wäre das umstandslose Zitieren von literarischen Texten als biographische Belege undenkbar.
Die literaturtheoretischen Diskussionen der letzten Jahrzehnte mögen extrem kontrovers geführt worden sein. Als kleinster gemeinsamer Nenner ließ sich aber immer feststellen, dass Literatur ein polyvalenter, vielschichtiger Gegenstand sei, der sich nur unter großen semantischen Verlusten in einen nicht literarischen Text transferieren lasse. Diese Feststellung würde ein Anhänger der Empirischen Literaturwissenschaft ebenso unterschreiben wie ein Dekonstruktivist, um zwei möglichst
weit voneinander gelegene Positionen zu nehmen.
Corinos befremdliche Vorgehensweise lässt sich am besten anhand des neunten Kapitels zeigen, in dem er sich mit dem schwierigen Verhältnis Musils zu Herma Dietz und deren frühem Tod beschäftigt: "Durch die Krise mit Herma veränderte sich auch Musils Verhältnis zu seiner Mutter. Er kam nicht darum herum, Vergleiche zwischen Hermine I und Hermine II zu ziehen."
Der Beleg für diese Änderung der Beziehung Musils zu seiner Mutter? Ein Zitat aus der Novelle "Tonka", auch "die Mutter war einmal ein Mädchen, das mehr noch als Tonka [!] zu ihm gepasst hätte". Herma, die reale Freundin, und Tonka, eine literarische Kunstfigur, werden im gesamten Kapitel verwendet, als seien beide identisch. An manchen Stellen fühlt man sich sogar an Platons Idealstaat erinnert, aus dem der Philosoph bekanntlich alle Dichter verbannt wissen wollte, weil diese die Realität durch Lügen entstellten. Als Corino auf die Möglichkeit zu sprechen kommt, dass Musil Herma mit Syphilis infiziert haben könnte, ist er empört darüber, dass der männliche Held in "Tonka" nicht auch krank ist:
"... zeigen, wie heftig Musil versuchte, den Verdacht gegen sich herunterzuspielen, - lässt er sich in der Novelle über Tonka doch sogar zu der (die Aporie des Lesers steigendern Behauptung) hinreißen [!], die Ärzte hätten an seinem Helden ›ja nie eine Krankheit finden können‹ (P 303)."
Corino macht Musil den moralischen Vorwurf, dass er in einem literarischen Werk von einem biographischen Faktum abweiche, so als sei eine Novelle eine eidesstattliche Erklärung, die nur der Wahrheit verpflichtet sei.
Liegen jedoch genügend nicht-literarische Quellen vor, was erfreulicherweise die Regel ist, findet man in Corino einen hervorragenden Ausleger und Vermittler, der seinem "Forschungsobjekt" auch mit hinreichender Distanz begegnet.
Das Buch ist, mit der erläuterten methodischen Einschränkung, ein kaum mehr zu übertreffender Meilenstein in der biographischen Musilforschung, dessen Lektüre unbedingt lohnt.
[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
Die Literaturdatenbank des Österreichischen
BibliotheksWerks - Medium]
Leseprobe I Buchbestellung 1206 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Rezensionen-online