Robert Guiskard.
Fragment von Heinrich von Kleist (
2010, Ruhrfestspiele Recklinghausen).
Besprechung von Arnold Hohmann in der Westf. Rundschau, 4.05.2010:

Kleist zu Gast im eigenen Gedankenspiel
Wenn der Vorhang sich öffnet, sieht man den Dichter, wie er schier verzweifelt. Kleist hockt da in einer Pariser Herberge und ringt um jedes Wort für sein geplantes Trauerspiel „Robert Guiskard“, das dann doch Fragment bleiben wird: Die spärlich beschriebenen Seiten verglühen im Papierkorb.

Es gehört Mut dazu, zur Eröffnung der diesmal Kleist gewidmeten Ruhrfestspiele ausgerechnet etwas Unfertiges vom Dichterfürsten zu inszenieren. Regisseur und Festspiel-Intendant Frank Hoffmann füllt die Leere, indem er den Autor selbst in diesen Abend einbindet. Wolfram Koch schlendert als Kleist da-bei durch sein eigenes Rumpf-Stück, horcht den Worten nach, die er sich förmlich entrissen hat. Und schlüpft endlich selbst in die Rolle von Abälard, dem Neffen des Normannenherzogs Guiskard.

Der liegt Mitte des 11. Jahrhunderts mit seinem Heer vor Konstantinopel und wird im Lager von der Pest heimgesucht. Bestand oder Zerfall der Normannen ist eine Frage des Überlebens ihres Führers, von dem es heißt, die Seuche habe auch ihn erfasst. Die Spanier wussten schon, warum sie einst den Volkshelden „El Cid“ tot aufs Pferd banden, um mit seiner Leiche voran gegen die Mauren zu reiten. Auch Guiskard (mit brüchiger Wucht: Thomas Thieme) rafft sich vom Sterbelager auf, um sich den Seinen zu präsentieren und den Glauben zu retten. Einer holt sich noch schnell ein Autogramm.

Das klingt lebendiger, als dieser Abend schließlich ist. Wäre da nicht die Emotionalität eines Wolfram Koch auch als Abälard, gäbe es nicht die raumfüllende Präsenz eines Thomas Thieme, die Inszenierung würde in Langeweile und aufdringlichem Sound-Design verplätschern. Stefan Mayers Bühne strahlt mit ihren Glaskästen Museales aus, die Menschen hasten darin gelegentlich in schlecht gespielter Aufgeregtheit herum wie Ratten in einem einsehbaren Käfig.

Nur selten will das Fragment sich dem Betrachter gegenüber öffnen, die Darsteller sprechen ihre Sätze, als müssten sie die Worte zuvor im Kopf hin und her wenden. Guiskard bleibt lange eine Video-Behauptung, aus seinem Zelt werden düstere Nahaufnahmen von entsetzten Ge-sichtern geliefert, dass man an antike Tragödie glauben könnte. Wenn’s gefährlich wirken soll, wummern die Trommeln, wenn die Szene in der Schwebe bleibt, fiept es Ohr-feindlich aus den Lautsprechern. Hoffmann sollte wissen, dass sich eine Inszenierung nicht in der Rahmung erschöpft, sondern dass man ein unfertiges Werk irgendwann auch einmal aufschließen sollte.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in www.westfaelische-rundschau.de]

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