Risiko von Alexa Hennig von Lange, 2007, DuMont1.) - 2.)

Risiko.
Roman von Alexa Hennig von Lange (2007, DuMont).
Besprechung von Bettina Egbert aus der NRZ vom 8.09.2007:

Höllische Nachbarn

In den Neunzigern sicherten ihr zwei trendige, temporeiche Romane über die chemisch verursachte Partyvergnügtheit und den heiteren Konsumwahn einer neuen Generation den Platz auf dem Popliteraten-Olymp. Zehn Jahre später sind vernebelter Szeneclub und Klamottenfetisch passe´; die Charaktere in Alexa Hennig von Langes Neuling "Risiko" haben in ihren Jobs Fuß gefasst, sind im Ehehafen vor Anker gegangen und bewohnen mit netten Kindern schöne Häuser in gepflegter Umgebung. Doch schnell entpuppen sich die schmucken Domizile als Fassaden, hinter denen sich menschliche Abgründe auftun.

Ein Bildhauer und Pessimist

Der Mensch ist des Menschen Wolf - Bildhauer Erik hat sich sein Lebensmotto bei Hobbes ausgeliehen, seit er sich im Nahen Osten eine Schusswunde davontrug. Obwohl sie längst verheilt ist, bestimmt das überstandene Abenteuer immer noch sein Denken und Handeln. Tag für Tag bereitet er seine Kinder zwischen Magnolien und Kaninchengehegen mit Harpunen und Kletterseilen bewaffnet auf den "Ernstfall" vor. Wie dieser aussehen soll, verraten nur seine düsteren Albträume.

Während der Nachwuchs diesseits des Gartenzauns zu Guerilla-Kämpfern ausgebildet wird, haben die jugendlichen Nachbarszöglinge jenseits der Grundstücksgrenze beschlossen, sich gegen Lieblosigkeit und Lebensleere mit Drogen und Alkohol zur Wehr zu setzen, denn ihre Erzeuger sind mit den eigenen Gefühlsverwirrungen überbeschäftigt: Mutter Irene fühlt sich ausgebrannt, abgeschoben und unverstanden. Ein Seitensprung öffnet die Büchse der Pandora und wird für die betrogene Rechtsanwaltsgattin zum Startschuss für einen Rachefeldzug. Und plötzlich ist er da, der so häufig heraufbeschworene Ernstfall. Dass der Feind manchmal aus den eigenen Reihen kommt, hat Erik allerdings nicht bedacht.
Auch Menschen, die mit beiden Beinen auf dem Boden stehen, können ihren Halt verlieren - das zeigt diese rasante, spannend gestaltete Story, in der die Charaktere jedoch recht eindimensional bleiben.

Eriks sichtbarster Wesenszug ist seine aggressiv-neurotische Kriegermentalität, die zwar dem Schutz der Familie dient, ihm seine Frau Lilly jedoch zusehends entfremdet. Diese bleibt als Dreh- und Angelpunkt der Verwicklungen seltsam farb- und konturlos. Blässlich, fast elfenhaft bietet sie den Nachbarn Projektionsflächen für phantasievolle Liebeswünsche. Ob traumatische Erfahrung oder eheübergreifende Verliebtheit, letztlich sind es die Kinder, die unter den dunklen Manövern der Eltern zu leiden haben. Wie Spielfiguren werden sie verschoben und müssen schließlich ihre gesamte Kraft aufwenden um einem finalen Schachmatt zu entgehen. (NRZ)

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Risiko von Alexa Hennig von Lange, 2007, DuMont2.)

Risiko.
Roman von Alexa Hennig von Lange (2007, DuMont).
Besprechung von Katharina Rutschky in der Frankfurter Rundschau, 01.02.2008:

Ein Schritt vom Wege ...
Alexa Hennig von Lange legt mit "Risiko" einen Thriller vor, der mit dem aktuellen Familienmodell abrechnet

Die moderne Effi Briest ist Flugbegleiterin, verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt in Haus und Garten in der Vorstadt. Auch Lillys Sünde ist der Ehebruch - kürzlich begangen mit Helge, mit dem sie in Jugendtagen einmal ein Paar gebildet hat. Schon auf den ersten Seiten erwischen wir Lilly, die ihrem Erik doch nichts lieber als eine treue Ehefrau wäre, wieder bei der Fellatio mit Helge.

Dem Leser bleibt unklar, ob hier Liebe und Lust siegen oder ein dunkles Verhängnis sich gegen die Vernunft und Moral der Beteiligten durchsetzt. Helge heiratete damals nicht Lilly, wie er versprochen hatte, sondern die mondäne Irene. Inzwischen verdient er sein Geld als Scheidungsanwalt und lebt mit Frau und drei halbwüchsigen Kindern im Haus gegenüber.

Alle wissen Bescheid, und jeder der vier Erwachsenen reagiert auf seine Weise auf das, was der Leser nur so allgemein als einen Verrat an Glaube, Liebe und Treue erahnt, der die Familienwelt in Suburbia vergiftet. Mitleiden müssen aber auch die fünf Kinder der beiden Ehepaare. Hennig von Lange, die schon oft ein Talent für die scharfe Analyse des Innenlebens von Kindern und Teenagern bewiesen hat, lässt hier offen, ob der bösartige Nachwuchs aus dem Haus gegenüber das Produkt einer irren Mutter und eines desinteressierten Vaters ist, oder ob die Bande bloß nichts taugt.

Originell ist an diesem Thriller, bei aller Treue zum Genre, welche Anregungen Hennig von Lange aus ihrem Konservatismus bezieht. Schaut man im Vordergrund auf eine Familien- und Eheproblematik, wie sie nach 68 für normal gehalten wird, weisen die Katastrophen des Thrillers auf eine altmodische Wertewelt. Da, so die implizite Botschaft, hätte das alles nicht passieren können! Diese Kombination von Realismus und Nostalgie hat die Autorin zu Einfällen inspiriert, die man in sentimentaleren Abrechnungen mit dem Mutter-Vater-Kind-Modell niemals finden wird.

In Lilly, aus deren Perspektive meistens erzählt wird, hat man eine Heldin, die so handlungsunfähig wie ein Medium dem Grauen um sie her ausgesetzt ist. Sinnbild ihrer Hilflosigkeit und Schwäche sind ihre Ohnmachten und die Badelatschen, in denen sie herumschlurft, obwohl sie als Ernährerin der Familie doch ihre Frau stehen müsste. Aber in dieser Rolle ist sie eben überfordert, ja, vielleicht prinzipiell fehl am Platz....

Den Ehemann Erik, einen erfolglosen Bildhauer mit Flausen über seinen Nachruhm, hat Hennig von Lange als one-man-army angelegt. Auf die Bedrohung seiner Familie antwortet er mit dem Ausbau von Haus und Garten zu einer Festung. Seine Kinder unterwirft er einem irrwitzigen Überlebenstraining. Dass sie dabei nicht nur Blessuren davontragen, sondern öfter in Lebensgefahr geraten, versteht sich. Rutscht die überforderte Lilly in die Nähe der Karikatur des schwachen Frauchens, so Erik in die der Kampfmaschine als Inbegriff männlicher Stärke und Entschlossenheit. Indem er seine Familie schützt, verwandelt er das traute Heim in einen Kerker, seine Lieben in Gefangene.

Man zählt in diesem Thriller mindestens zwei Mordanschläge; die Blendung einer Kidnapperin durch ein Kind in Angst; dazu kommen ein fast drogentoter Jugendlicher, Unfälle, Verfolgungen und Alkoholexzesse. Ohne billige Verzögerungen wird die Spannung bis zum Schluss gehalten, der Thriller zu einem beruhigenden Schluss, aber zu keinem Happyend gebracht.

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