Reise zum Mittelpunkt des Herzens von Ludwig Fels, 2006, Jung und Jung1.) -3.)

Reise zum Mitelpunkt des Herzens.
Roman von Ludwig Fels (2006, Jung und Jung).
Besprechung von Paul Jandl in Neue Züricher Zeitung vom 23.06.2006:

Kammerspiel der Trauer
Ludwig Fels' Roman «Reise zum Mittelpunkt des Herzens»

«Und wenn die Hölle Fabel ist im Mittelpunkt der Erde, in meinem Herzen ist sie wahr», heisst es bei Malherbe. Da klingt der Titel des neuen Romans von Ludwig Fels fast wie eine verbogene Reverenz: Seine «Reise zum Mittelpunkt des Herzens» führt in eine Gefühlshölle, die heiss ist und unbewohnbar.

Ist es Amerika? Es ist ein Nirgendwo der Liebe und eine schräge Vorstadtidylle. Da ist ein Hund, der ewig bellt, und der Sohn eines Nachbarn, der bei lauter Musik an seinem Auto schraubt. Gelangweilt scheint die Sonne auf dieses trostlose Niemandsland, in dem auch «das Gepiepse der Vögel» nichts Wohlklingendes hat. Hinter den Fenstern der adretten Häuser vergehen die Sommertage, in denen auch das Leben Toms vergeht. Tom leidet an einem Gehirntumor und erträgt die Krankheit im letzten Stadium mit weinerlicher Gefasstheit und einer um den Leib geschnallten Pumpe für Opiate.

Ein letztes Mal vereint

Jack fotografiert den todkranken Tom. Gemeinsam mit Linda erinnert man sich an alte Zeiten und redet über die Liebe, die alle drei miteinander vereint und doch wieder trennt. Lange schon sind Tom und Linda ein Paar, der Fotograf Jack ist mehr als nur ihr Freund. Knapp sind die Dialoge, mit denen Ludwig Fels das Psychogramm letzter Tage zeichnet. Sie sind selbstentblössend, zynisch und voll traurigem Humor. Das Trio albert herum und gerät in verzweifelten Streit, es besäuft sich oder fährt in die Landschaft hinaus, um noch einmal auf den staubigen Feldern eines Hochplateaus zu tanzen.

So viel Pathos muss bei Ludwig Fels allemal sein. Ewan McColls schnarrenden Folksong «The First Time Ever I Saw Your Face» legt Fels auch noch als klebrige Tonspur unter seinen Roman. Und doch: Die grossen Gefühle dieser Story haben ihre Lakonie, das tremolierende Pathos hat auch mit Leidensfähigkeit zu tun. Unerträglich könnte die Intimität sein, der Fels seine Figuren aussetzt. Aber diesem kurzen Roman gelingt das Kunststück, auf kleinstem Raum eine Liebesgeschichte zu erzählen, die weit ausschwingt in gemeinsame Erinnerungen. Und sie kehrt immer wieder zurück in eine trostlose Gegenwart. Mit seinen Trugbildern legt sich der Dämmer der Krankheit über das Geschehen. Während im Roman Tom, Linda und Jack mehr und mehr den Boden unter den Füssen verlieren, hat Ludwig Fels jedoch die Statik seiner Erzählung immer im Auge. Und das ist, gemessen an seinem bisherigen, gerne ausufernden Werk, eine höchst angenehme Sensation.

In den siebziger Jahren hat Ludwig Fels seine Schriftstellerkarriere begonnen. Damals, als es noch so etwas wie «Literatur der Arbeitswelt» gab, hat der gelernte Maler und Anstreicher als Beweis dafür gegolten, dass sich ideologiekritisches Handwerk ohne weiteres zur Kunst sozialisieren lässt. Die Erfolge von Fels' zupackend-proletarischer Literatur kamen rasch. Eine grosse Wut ist Ludwig Fels immer geblieben. 1981 ist sein erster wichtiger Roman erschienen, dessen Titel schon Programm war.

«Ein Unding der Liebe» handelte von ungeschickten Gefühlen und einer beinahe zärtlichen Gewalt. Und wenn dieser Überschuss an Kraft im Werk von Ludwig Fels manchmal unangenehm schrill zu spüren war, dann hat der Schriftsteller womöglich das Flehen seines neuen Verlags erhört. «Reise zum Mittelpunkt des Herzens» ist jenes Stück Literatur, das Ludwig Fels vielleicht schon lange einmal schreiben wollte.

Am Ende des Zorns

Der Roman handelt von der Kraft des Lebens und von der Schwäche des Menschen. Es ist ein Kammerspiel der Trauer, in dem nicht nur die Namen der Figuren auf ihre lakonische Art alltäglich sind. Die Hölle von Tom, Linda und Jack ist von dieser höchst realen Welt, Malherbes Hölle aber ist bei Ludwig Fels auch nicht fern: «Plötzlich hätte er sich am liebsten zur Wand gedreht und von dort aus die Nacht auf der anderen Seite der Welt gehört, hätte ihr Näherkommen durch die Schichten der Erde hindurch wahrgenommen, dieses urmächtige Fauchen der schwarzen Vulkane in der Finsternis gefrorener Asche.» Mit bald sechzig Jahren ist der im schwäbischen Treuchtlingen geborene und schon seit über zwanzig Jahren in Wien lebende Ludwig Fels vielleicht kein zorniger junger Mann mehr. Und das ist gut so.

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Reise zum Mittelpunkt des Herzens von Ludwig Fels, 2006, Jung und Jung2.)

Reise zum Mitelpunkt des Herzens.
Roman von Ludwig Fels (2006, Jung und Jung).
Besprechung von Anton Thuswaldner aus der Frankfurter Rundschau, 7.8.2006:

Die Gesellschaft schaut lieber aus der Ferne zu
Ludwig Fels erzählt vom schleichenden Sterben eines Mannes namens Tom - und weil der Tod schwer zu ertragen ist, spannt der Autor ein Sicherheitsnetz der ganz privaten Liebe aus

Spätestens seit seinem Roman Die Sünden der Armut hat sich Ludwig Fels als Störfaktor in der deutschen Literatur einen Namen gemacht. Er nimmt sich der ungeliebten Themen an, von denen ein unterhaltungssuchendes Publikum nicht viel wissen will. Er schreibt vom Erkalten der Welt, der Rohheit der Gesellschaft, der Krankheit der Zeit.

Sozialer Literatur haftet seit jeher der Makel des Schmutzigen und Tristen an. Ludwig Fels aber hält gerade diese Decouvrierarbeit unter Wohlstands-Verhältnissen für eine noble und würdige Tätigkeit. Er nimmt sich der Menschen an, für die die Leichtigkeit des Seins eine unerreichbar ferne Lebensform darstellt. In einer Rezension nannte Fels Leo N. Tolstois Erzählung Hadschi Murat einmal "realistische, sozial veredelte Literatur". In solch einer Einschätzung, in der unbedingten Aufwertung aus den Schienen gesprungenen Lebens zu einem Stoff, aus dem große Literatur gemacht wird, steckt die Poetik, der sich Fels selbst verpflichtet fühlt.

Und eigentlich verbirgt sich in diesem Konzept eine Moral, die an die wunderbare Glücksvermehrung glaubt, wenn man nur jenen, die unglücklicher sind als man selbst, tapfer zur Seite steht. So großartig altmodisch ist Ludwig Fels, dass er noch an allgemein verbindlichen Werten festhält. Er tritt auf als Kämpfer für die gerechte Sache und spukt als Geist, der die Gesellschaft stets verneint, durch die Literatur, weil er dem konkurrenzlos gewordenen Kapitalismus blinde Gefolgschaft nicht leisten will.

Mit Ludwig Fels meldet sich ein erstaunlich konservativer Revolutionär zu Wort. Die Gesellschaft versagt, das Krankenhaus ist ein Leidensverlängerungs-Institut, jetzt kommt es darauf an, der Kraft des Herzens zu trauen. Der Kapitalismus mag toben wie er will, die Liebe ist das einzige Mittel, sich ihm zu widersetzen. Nicht an die pauschale Liebe wie die Kirchenväter glaubt Fels, sondern an die ganz kleine intime, die sich zwischen Paaren und Freunden entfaltet. Bei Fels wirkt solch eine Botschaft schon fast wieder aufwiegelnd. Ein Liebespaar ist eine uneinnehmbare Bastion, es schottet sich ab, ist sich selbst genug, entkommt in der Umarmung dem Warenfetischismus, dem sich sonst jeder freiwillig unterwirft.

Tom hat Linda und Jack

In seinem jüngsten Roman, der im Grunde eine längere Erzählung ist, geht es um das Privateste überhaupt, worum es in einem Menschenleben gehen kann, das Sterben. Das Personal ist überschaubar: Im Zentrum steht Tom, dem im Klammergriff einer tödlichen Krankheit seine Zukunft abhanden gekommen ist; er wird flankiert von seiner Frau Linda und seinem Freund Jack, zwei Sterbegleitern, wie man sie sich nur wünschen mag. Weiter draußen stehen die Nebenfiguren, Doktor Olsen, der Arzt, am Rande seiner Fähigkeiten angekommen, und der junge Nachbar Cazzanelli, ein unsensibler Knabe, der abwechselnd an seinem Auto und seiner Freundin herumfummelt und sein Autoradio viel zu laut spielen lässt.

Inmitten des Unausweichlichen, des Vergehens, des Leidens, der Angst, bringt Fels eine kleine Utopie zum Blühen, deren herausragende Qualitäten in Nähe, Wärme und Sorgsamkeit begründet liegen. Fels umfängt den tragischen Helden mit all seiner Kraft der Zuwendung und macht aus dem Elend des Vegetierens ein stilles Drama. Tom wird aufgefangen in einem Sicherheitsnetz der Liebe.

Von allem Anfang an ist ein Autor am Werk, der im geschlagenen, vom Verfall gezeichneten Körper die Gegenkraft mobilisiert. Fels ist eine Kämpfernatur, und diesen seinen Widerstandsgeist pflanzt er in Tom ein. In aussichtsloser Lage, da es nur noch darauf ankommt, das Sterben möglichst schmerzfrei zu halten, verlässt dieser das Krankenhaus. Linda kümmert sich um ihn: "Ihr Atem neben ihm klang nah, wie die rollende Brandung eines sanften Ozeans, und er spürte das Herz der Welt in sich schlagen; es fühlte sich gut an, unterwegs nach Hause zu sein, die Erde war die Heimat von Sonne, Mond und Sternen, und er lebte gern hier." So romantisch bäumt sich einer auf gegen das Unvermeidliche. Das geht nicht ohne Selbstbetrug ab und ohne Betrug der anderen auch nicht. Er redet sich wider besseres Wissen ein, sich wohl zu fühlen und er verschweigt sein wahres Elend vor seinen Nächsten. Er folgt einem Programm angewandter Kummerverweigerung.

Architektur der Innenwelt

An einem Roman ist nicht nur von Bedeutung, was zu Buche schlägt, sondern ebenso, was weggelassen wird. Das Verschwiegene erzählt uns etwas von der Haltung des Erzählers zur Welt. Tom lebt im Augenblick, er besitzt keine Geschichte. So, als hätte die Krankheit seine Vergangenheit getilgt, konzentriert er sich auf die knapp zur Verfügung stehende Zeit. Aber er schafft sich eine Fluchtwirklichkeit in Phantasien und Träumen. Die Architektur der Innenwelt gerät ihm prächtig und grausam. Am Horizont des Dämmerns erscheinen imaginäre Bilder, in die sich Tom verlieren kann, so aufregend wirken sie: "Sie werden es mir nicht glauben, aber ich habe im Spiegel eine nackte Frau gesehen." Gleichzeitig arbeitet in ihm auch der Stachel des Zweifels, Eifersucht setzt ihm zu. Ein ungnädiger, ungerechter, lästiger Kranker muckt auf in diesem Buch. Er unterstellt seiner Frau, ein Verhältnis mit Jack zu unterhalten. Er hadert nicht nur mit seinem Schicksal, sondern auch mit seinen Einbildungen, von denen er sich wider besseres Wissen plagen lässt, die er für realer hält als den Augenschein. Es hat den Anschein, als ob sich einer, der sich vom Schicksal schlecht behandelt fühlt, rächt an seinen Nächsten als den imaginären Stellvertretern seines Unheils.

Müssen wir uns nun damit abfinden, dass Ludwig Fels sich zurückgezogen hat aus der Gesellschaft und sich mit zarten Liebesgeschichten zufrieden gibt? Unvermutet wird aus einem individuellen Schicksal eine soziale Angelegenheit ohne Gesellschaft. Das Paar dürstet nach den anderen, ist dringend darauf angewiesen, Zuspruch von außen zu bekommen. Aber Gesellschaft kommt nicht vor, weil sie für Menschen in schwierigen Lagen nicht vorkommt. "Die Nachbarn standen wie zufällig hinter den Fenstern." In diesem Buch ist Gesellschaft die große Abwesende.

Fels beobachtet, wie Menschen miteinander umgehen, von denen einer mit dem Brandmal des Todes gezeichnet ist. Linda, seine Frau, liebt ihn wirklich. Sie steckt alle Hindernisse weg, sucht Nähe auch dann, wenn sich Tom in seiner Hilflosigkeit sperrig gibt. Sie ist die personifizierte Güte, auch eine Art Männerphantasie - die Frau als Krankenschwester, erotisch, einfühlsam, hilfsbereit, ein Wesen, auf das man sich, wenn die Zeit zum Pferdestehlen auch abgelaufen ist, verlassen kann. Erwartungsgemäß verunsichert und trotzdem bemüht reagiert Jack, der Familienfreund, ein rastloser Fotograf, ständig auf Achse, immer verspätet, einer, der schlechtes Gewissen hinter verstärkten Aktivitäten verbirgt. "Möglicherweise fotografierte Jack sie nur, um nicht mit ihnen sprechen zu müssen, aber selbst das wäre verzeihlich gewesen."

Ludwig Fels ist ein harter Autor, der eigentliche Schmerzensmann der Gegenwartsliteratur, ein Draufgänger im Reich des persönlichen Untergangs. Er verfasst den traurigen Epilog eines Lebens. Und weil das kaum auszuhalten ist, erfindet er im Alter von 60 Jahren das Nestchenbauen neu. Diesem Autor kaufen wir das ab.

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Reise zum Mittelpunkt des Herzens von Ludwig Fels, 2006, Jung und Jung3.)

Reise zum Mitelpunkt des Herzens.
Roman von Ludwig Fels (2006, Jung und Jung).
Besprechung von Michaela Schmitz, Büchermarkt, 2006:

Eine "Reise zum Mittelpunkt des Herzens" verspricht Ludwig Fels' neuer Roman.

Es handelt sich um eine heftige Geschichte über die Liebe. Eine Liebe am Rande des Todes. Der schwerkranke Tom verbringt die letzten Stunden mit seiner geliebten Frau Linda und dem besten Freund Jack. Reichlich Tränen werden vergossen. Denn Tom's Eifersucht ist stärker als die unmenschlich starken Schmerzen und sein Mißtrauen größer als die Angst vor dem nahen Sterben. Mit seinem bitteren Argwohn treibt er Jack und Linda bis an die Grenzen ihrer Freundschaft und Liebe. Bis dahin, wo selbst das Absolute nicht mehr gültig zu sein scheint und sich die radikalste aller Fragen stellt: "Was, wenn die Liebe alles nur noch schlimmer macht?" Die Antwort des Sterbenden ist bitter. Leben und sterben, so Tom, müssen alle. Aber nicht alle zur gleichen Zeit. Und genau das sei es, was die Ungerechtigkeit der Liebe ausmache. Oder ihre Gerechtigkeit. Letzten Endes ist also der Liebeszweifel nichts anderes als die Frage nach dem Sinn des Lebens und Sterbens? Die Furcht des Eifersüchtigen vor Verlust und Abschied jedenfalls trägt den Keim jener existenziellen Angst vor dem Tod schon in sich.

Eifersucht und Todesangst treffen sich in der vollständigen emotionalen Haltlosigkeit, die alles unterhöhlt. Alltag, Wirklichkeit und Wahrnehmung sacken urplötzlich ins Bodenlose. Genau dieser Zustand zwischen Leben und Tod ist es, den Ludwig Fels in seinem Roman unbarmherzig ausleuchtet. Die wenigen Stunden, die Tom dank Dr. Olsens mobiler Schmerzmittel-Pumpe noch bleiben, werden für alle zur Qual. Aus der Perspektive des sterbenden Tom zeigt Fels, wie die Realität von einer Sekunde auf die andere brüchig, die Wirklichkeit zu hauchdünnem Papier wird. Tod und Eifersucht haben die Zentrifugalkraft schwarzer Löcher. Sie zerreißen jeden festgefügten Zusammenhang des Alltags und saugen alles in die bedrohliche Leere. Ein Nichts, das in Fels Roman hinter den Wörtern plötzlich überall sichtbar wird. Die Sprache ächzt unter der emotionalen Überlast. Die Dialoge knirschen unter dem Gewicht der existenziellen Fragen. „Das Nichts“, so Tom in seinem Todeskampf, „gab es nicht, aber was dann?“ Was ist da draußen, „wo man wie unter Wasser fliegt“? Eine Frage, auf die weder Dr. Olsen, noch seine Frau und Freund Jack eine Antwort wissen.

In ihrer Hilflosigkeit und Verzweiflung haben Jack und Linda der Unlösbarkeit dieser Frage nur das „Trotzdem“ ihrer Liebe entgegenzusetzen. Und sie versuchen, Tom durch die Erinnerung an vergangene glückliche Stunden festzuhalten. Ein Ausflug zur Insel, auf der die Drei einmal ihre schönsten Stunden miteinander verbracht haben, soll die Vergangenheit konservieren. Und mit Fotos von Tom und Linda will Fotograf Jack seinen Freund vor dem allmählichen Verschwinden bewahren. Aber auch auf dem Inselparadies dominiert Toms Eifersucht. Und ein tödliches Unglück zerstört die Idylle. Nach Jacks Autokollision mit einem Reh zucken seine Läufe im Todeskampf wie die Beine des bewegungsunfähig auf der Wiese liegenden Tom. Nach der Rückkehr schwebt schon ein Schattenbalken über seinem Bett. Nichts hilft mehr. Auch nicht die Religion. Ihre Worte seien „zu groß für jetzt“, so Tom auf Lindas Vorschlag, ihm aus der Bibel vorzulesen. Die Schmerzen werden stärker, Tom halluziniert, und die Welt da draußen entzieht sich immer mehr. Wird zur Schattenwelt, zu der es um so weniger ein Zurück gibt, je stärker Toms Abwesenheit und seine Sehnsucht nach ihr wächst. Das surreale Ende: Der Sterbende erhebt sich zum gemeinsamen Abendmahl mit Linda, Jack und Dr. Olsen, wo er sich zwischen Fleisch und Wein auf den Tisch legt. Der religiöse Subtext durchzieht mit Verweisen auf Dreieinigkeit, Schmerzensmann und Passion den gesamten Roman. Aber Ludwig Fels versteht es, die biblische Leidensgeschichte in seiner Erzählung um Eifersucht, Liebe und Tod als menschliche Tragödie konkret und erlebbar zu machen. Auf der Suche nach Erlösung wird die Sprache zur fragilen Eisdecke. Darunter ein unauslotbarer Ozean aus Nichts, darüber die endlose Leere des Himmels. Nirgendwo ist Rettung. Allein die irdische Schmerzpumpe von Dr. Olsen bietet für Momente Betäubung.

Ludwig Fels' Roman ist ein sentimentales Rührstück. Wie immer geht es ihm um Wahrhaftigkeit. Dafür gilt es, bis dorthin vorzustoßen, wo es wehtut. Mit drastischen Schilderungen menschlicher Realität und expressiven Bildern. Starke Metaphern stoßen gelegentlich bis an die Schmerzgrenze des Lesers. Immer wieder finden sich verstörende Bilder und treffsichere Dialoge. Poetisch wehmütige und bitter zynische Passagen, die spontan berühren. Auch vor Kitsch und Pathos schreckt Fels nicht zurück. Sein Bekenntnis: "Ich mag Kitsch. Wenn es wehtut, finde ich das hervorragend. Das einzige, was ich möchte, ist angesprochen und ergriffen zu sein. Ob das ein guter Rocksong ist, (...) von mir aus, das ist ganz egal."

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