Reise nach Schlesien und Galizien von Roswitha Schieb, 2000, Berlin1.) - 2.)

Reise nach Schlesien und Galizien.
Eine Archäologie des Gefühls von Roswitha Schieb (2000, Berlin Verlag).
Besprechung von Rolf-Bernhard Essig, in der SZ, 5.01.2001:

Archäologie des Gefühls
Eine literarisch-sentimentale "Reise nach Schlesien und Galizien"

Josef, den Nachbarsjungen, nannten alle Peppi. Er und seine Familie waren Vertriebene. Das klang für uns Kinder wie "Dänen" oder "Preußen". Über Schlesien, die verlorene Heimat, redeten sie nicht.

Erst als ich nun Roswitha Schiebes anregend kluges Buch "Reise nach Schlesien und Galizien" las, erkannte ich, wie typisch das für die Situation der Vertriebenen war. In Breslau, wohin die Polen aus Lemberg von Stalin zwangsumgesiedelt wurden, war die Situation zu Ostblockzeiten nicht anders. Aus Rücksicht auf den "großen Bruder" durfte dort gleichfalls nicht über die alte Heimat im Osten gesprochen werden.

Über der augenöffnenden Lektüre fiel mir plötzlich auch auf, dass ich den Begriff "Vertriebene" nie auf meine Eltern angewendet und sie sich selbst nie so genannt hatten, obwohl mein Vater in Graudenz (Westpreußen, heute das polnische Grudziadz), meine Mutter in Königsberg (Ostpreußen, heute das russische Kaliningrad), geboren wurde. Ein Tabu lag auf dem Wort, das als Synonym galt für Reaktionäre, Revanchisten, Ewiggestrige, Nationalisten oder gar für Nazis.

Schiebs Buch, das wunderbarerweise in allem das Gegenteil dessen ist, was man reflexhaft befürchten könnte, stößt ein Tor auf zu Regionen, die nicht einmal mehr sagenhaft waren, sondern einfach vergessen, verdrängt, verboten - und die Autorin geht selbst durch dieses Tor hindurch. Von mehreren "sentimental journeys" handelt das Buch, welche die Tochter von Flüchtlingen (Jahrgang 1962, Germanistin und Kunsthistorikerin) in den vergangenen Jahren unternommen hat, manche davon mit ihren Eltern. Was sucht, was findet eine Nachgeborene in den ehemals deutschen , den ehemals polnischen "Ostgebieten"?

Schieb öffnet - wie schon in ihrem wunderbaren Buch über Rügen - den Blick für die Dimension der Erinnerungsräume und der heutigen Landschaften. Das persönliche Empfinden verbindet sie unangestrengt mit ihren reichen Kenntnissen über die Jahrhunderte deutscher Kultur in Schlesien, die Jahrhunderte einer polnisch-jüdisch-österreichisch-böhmisch-ruthenischen Mischkultur in Lemberg - oder sollte man sagen Lwiw oder Lwowo oder Lwów oder Leopolis? Sie verknüpft den schuldbewussten, wissenden, analytischen Blick mit dem unvorbelasteten, neugierigen. So bewundert sie die Kleidung der Breslauerinnen, sieht fast ausgetilgte Überreste der ausgetriebenen Völker, genießt ein Bad in Tarnopol, erkennt alt-neuen Rassenhass, ungebändigte Lebenslust und Bildungsfreude, den Stolz auf mühsam konstruierte Traditionen und unheilbare Depression. Überall stößt sie auf bittere Scherze der Geschichte: In Breslau ist fast der einzige Ort mit deutschen Inschriften der jüdischen Friedhof.

In genauer Wortwahl nennt Roswitha Schieb ihr Unternehmen "Eine Archäologie des Gefühls". Das bedeutet das Abtragen von vielen Schichten, bedeutet Sichten und Katalogisieren der Grabungsergebnisse. Das bedeutet gleichzeitig, sich be- und entgeistern zu lassen von den Funden, sie emotional auf sich wirken zu lassen. Mit solcher Methode erschließen sich ihr und dem Leser Erkenntnisse weit über rein historische Untersuchung oder rein subjektive Reiseprosa hinaus.

Nicht nur die fruchtbare Ehe von Intellekt und Affekt begeistert an diesem Buch, mindestens ebenso fasziniert Schiebs Sprache. Leicht liest sich selbst das Schwere bei ihr und das Leichte immer lehrreich. Passagen zur Kulturgeschichte, zu Kunst, Religion, Politik vermischt sich mit kuriosen Erlebnissen - zuweilen verlässt sie sich in langen Aufzählungen allein auf die Kraft der Namen von Orten, von Menschen, dann folgen Dialoge und immer wieder Landschaftsbeschreibungen. So gelingt es ihr, weiße Flecken in dem kollektiven Atlas zu tilgen, in dem bislang hinter der Ostgrenze - egal, ob der deutschen oder der polnischen - gleich Tundra und Taiga begannen.

Leseprobe I Buchbestellung 0710 LYRIKwelt © Rolf-Bernhard Essig

 

***

Reise nach Schlesien und Galizien von Roswitha Schieb, 2000, Berlin2.)

Reise nach Schlesien und Galizien.
Eine Archäologie des Gefühls von Roswitha Schieb (2000, Berlin Verlag).
Besprechung von Francis Pierquin, Frankreich für Amazon.de, 5.02.2002:

Schlesien und Galizien mal anders gesehen

An Reiseberichten über die ehemaligen deutschen bzw. österreichischen Ostgebiete wie z.B. Schlesien oder Galizien herrscht mittlerweile kein Mangel. Manche von ihnen sind sogar recht gut verfasst und durchaus lesenswert. Aber ein Reisebericht, der – nicht etwa aus Gutdünken, sondern aus zwingenden Gründen - Schlesien und Galizien gleichermaßen berücksichtigt, hat bisher noch gefehlt. Diese Lücke füllt nun Roswitha Schiebs „Reise nach Schlesien und Galizien“ mit dem interessanten Untertitel : „Eine Archäologie des Gefühls“, womit von vornherein klargemacht wird, dass es hier nicht bloß um Vermitteln von trockenem, geschichtlichem Wissen, sondern auch um dessen gefühlsmäßige Aspekte geht, von welcher Seite auch immer. Aus welchen zwingenden Gründen verdienen es aber Schlesien und Galizien, in ein- und denselben Zusammenhang gestellt zu werden, wo Schlesien sowohl zeit- als auch flächenmäßig überwiegend zur deutschen Sphäre gehört hat, während Galizien ab 1772 österreichisches Kronland war ? Die Antwort ist einfach : Die meisten Polen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Schlesien an die Stelle der ehemaligen deutschen Bewohner einrückten und die deshalb als „Vertreiber“ angesehen wurden (bzw. immer noch werden), sind selbst „Vertriebene“ gewesen, und zwar vorwiegend aus Galizien, das zwischen beiden Weltkriegen polnisches Staatsgebiet war und nun der ukrainischen SSR zugeschlagen wurde. Der Unterschied zwischen den deutschen und den polnischen Vertriebenen : Während die deutschen Vertriebenen, sofern sie in der BRD gelandet waren, das an ihnen begangene Unrecht lautstark beklagen durften, mussten die polnischen Vertriebenen den Mund halten oder allenfalls hinter vorgehaltener Hand die alte Heimat, die kresy, erwähnen, ähnlich den deutschen Vertriebenen, die in der DDR gelandet waren. Dies änderte sich erst beim Zusammenbruch des Ostblocks. Ein Reisebericht über Schlesien und Galizien in einem Band ist aus deutscher Sicht deshalb besonders sinnvoll, weil im deutschen öffentlichen Bewusstsein die jetzigen Bewohner Schlesiens – insofern ihnen nicht Desinteresse oder einfach Ignoranz entgegengebracht wurde – lange Zeit nur als „Vertreiber“, aber nicht als „Vertriebene“ angesehen wurden. Das Umfeld, aus dem sie stammen, verstehen lernen, heißt, sich auf eine regelrechte „Gemengelage“ einzulassen, die nach 1945 der Amnesie anheimzufallen drohte, weil die neuen Machthaber mit nicht geringem Erfolg versuchten, der verbliebenen Bevölkerung jegliches regionale Geschichtsbewusstsein auszutreiben. Indes haben sich die Spuren der Vergangenheit nicht ganz verwischen lassen, und unter der Oberfläche ist es immer noch möglich, auf „all diese polnischen, jüdischen, armenischen, österreichischen und ukrainischen Schichten“ zu treffen, und dies nicht zuletzt in der heute immer noch (oder heute erst recht ?) lesenswerten deutschsprachigen Literatur eines Karl Emil Franzos, eines Joseph Roth oder eines Soma Morgenstern. Wer Einstieg in diese Welt sucht, oder, wenn schon mit ihr vertraut, einfach nur eine weitere, lohnende Reise in ihr unternehmen möchte, der lese das Buch von Roswitha Schieb.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter In Partnerschaft mit Amazon]

Leseprobe I Buchbestellung 0710 LYRIKwelt © Amazon.de I Francis Pierquin