Reise mit Engel von Bernadette Schiefer, Skarabaeus

Reise mit Engel Nirgendwohin.
Erzählung von Bernadette Schiefer (2003, Skarabaeus).
Besprechung von Markus Köhle, 2002:

20 Uhr - in vielen Mägen Studierender rumort es, 20:15 - unzählige Augenpaare tränen und das hat nichts damit zu tun, dass am Gemeinschaftsfernseher die Millionenshow flimmert, nein, in vielen WG-Küchen werden Zwiebel geschnitten, die sind ätzender als Assinger. Du weinst nicht einmal beim Zwiebelschneiden! Wirft die junge Protagonistin ihrem Vater ins Gesicht. Er lachte, sie weinte, er sagte Mädchen dürfen weinen, sie wünschte sich eine Zwiebel mit zweiundzwanzig Häuten zu sein und, dass er sie winzigklein schneiden müsste und dabei wie ein Schlosshund heulte.

Doch der Vater ist nicht das einzige Problem: Was macht man, wenn man mehr Zeit hat, als man will? - so lautet eine der zentralen Fragen in Bernadette Schiefers (1979) literarischen Debüt. Man ist in diesem Fall Elen, sie zieht vom Dorf in die Stadt, in die WG, an die Uni und ihr Engel ist stets mit dabei.

Wer? Ihr Engel, oder wie sie ihren geschlechtslosen Begleiter und Gesprächspartner bezeichnet, ein luftleeres Wesen und sie, ja, sie lebt im luftleeren Raum, sucht Halt, Bestimmung, Standort. Das wäre an sich schon turbulent genug, doch die tapfere Heldin bemüht sich außerdem, den Vaterkonflikt aufzuarbeiten und macht sich auf die Suche nach der früh verlorenen, weil weggezogenen Mutter. "manchmal muss man dinge so oft wiederholen, bis man sie überwunden hat und aus dem hindernis ein sprungbrett wird. tränen werden perlen. und wunden oasen."

Manche Themen kann man nicht oft genug bearbeiten, glaubt man das alles längst zu kennen und beschert einem dann die Sprache, das Erzähltempo, die Form doch ein außerordentliches Lektüreerlebnis, dann ist das Buch ein Besonderes, Gold und die Zeit und das Geld wert gelesen zu werden. Eine schwammig formulierte Genre-Schublade braucht dafür nicht ge- bzw. erfunden zu werden.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.autohr.at]

Leseprobe I Buchbestellung 0305 LYRIKwelt © Markus Köhle