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Reise in
mein vergessenes Ich.
Tagebücher 1942-51 von Aleksandar
Tisma (2003, Hanser - Übertragung Barbara Antkowiak).
Besprechung von Stephan Schurr in der Frankfurter Rundschau, 26.11.2003:
Vor allem süchtig
Aleksander Tismas Tagebücher 1942 bis
1951 lassen uns teilhaben an einem drängenden Triebleben
Budapest, Mai 1943. Ein junger Mann im Anzug, das
Haar pomadig, die Zigarette im Mundwinkel, geht spazieren. Er jagt - so sagt er
- nach "etwas Weiblichem", trifft eine Prostituierte und folgt ihr ins
Hotel. Nach einem unbefriedigenden Geschäft fordert er sein Geld zurück,
bekommt es und überlässt der Frau dann doch die Hälfte. "So sehr giere
ich nach Liebe", schreibt der Freier später in seinem Tagebuch. Darin
behauptet der neunzehnjährige Flaneur auch, dass er nichts tue und lebe
"wie ein Tier". Er ist Büroangestellter, will aber das Schreiben zum
Beruf machen und kommt aus Novi Sad, einer Stadt an der Donau, deren Bewohnern
an einem Januartag im Jahr zuvor befohlen worden war, die Rolläden zu schließen.
Dem Massaker der Deutschen und Ungarn fallen tausende Juden und Serben zum
Opfer. Ihre Leichen schwimmen im Fluss.
Der junge Mann ist ein Davongekommener, seine Mutter ist jüdisch, die Großstadt
Budapest rettete ihn. Doch seine Aufzeichnungen lassen kaum erahnen, dass ein
Augenzeuge der Schrecknisse des vorigen Jahrhunderts hier Tagebuch führt. Erst
später sollte er zum Chronisten der Gewalt werden. In Aleksandar Tismas Tagebüchern
aus den Jahren 1942 bis 1951 begegnen wir einem Mann in der Schwebe, der noch
alles vor sich hat. Ein Suchender, der schonungslos sein Ich analysiert, sein
obsessives Geschlechtsleben protokolliert und die Zweifel und Triumphe eines
Adoleszenten festhält, dem Schreiben das einzig mögliche Glück verheißt.
Seine sporadischen, selten über mehrere Seiten gehenden Notizen lassen dennoch
bereis erahnen, wohin Tisma aufbrechen sollte. Barbara Antkowiak, die kongeniale
Wegbereiterin für den späten Ruhm des im Frühjahr überraschend Gestorbenen,
hat das 1991 in Novi Sad erschienene Buch wie gewohnt so ins Deutsche übersetzt,
dass der unverwechselbare Ton Tismas in jeder Zeile zu hören ist.
"Auge in Auge mit dem Tagebuch" - so sieht er sich 1944 nach der Rückkehr
von monatelanger Zwangsarbeit in Transsylvanien. Sein durchdringender Blick
scheint sich im Schreiben soweit abzukühlen, bis jeder Vorgang, jede Regung zur
nackten Tatsache wird. Tismas Rolle ist die des Beobachters und Zuschauers, der
das wahrgenommene "Material" auf seine literarische Tauglichkeit prüft.
Im ersten Eintrag des Tagebuchs, am 29. Juli 1942, schreibt er: "Zwar bin
ich ein Zweifler ohne Ideale geblieben, doch ich hege weder Hass noch Verachtung
für Ideale und Menschen. Ich bin ungewöhnlich, fast unnatürlich objektiv
geworden."
Das Bekenntnis am Anfang lässt schon vermuten, dass die Wucherungen und
Verrichtungen des Alltags bei Tisma nur schemenhaft auftauchen. Er gewährt
einen diffusen Einblick in seine Lebensumstände: Der Gymnasiast, der eine
Abiturprüfung wiederholen muss, studiert später an der Philosophischen Fakultät
und arbeitet in einer Firma, für die er etwa "am Güterbahnhof einen
Waggon Zitronen" übernehmen muss. 1944 ist er bei der jugoslawischen
Armee, wird zur Zwangsarbeit verschleppt und erlebt am 24. Oktober die
Befreiung: "Für mich, der ich diese dreieinhalb Jahre mehr oder weniger
nur in mir selbst verbracht habe, bedeutet diese Veränderung nichts
Wesentliches. Nur dass sich jetzt, so hoffe ich wenigstens, mein äußeres
Leben, die ,Karriere' beschleunigen wird". Später arbeitet er als
Journalist, und obwohl er seine Aufgaben "zum Kotzen" findet, bleibt
er beim Journalismus.
Als politisch unzuverlässiger "Dekadenzler, Aristokrat und Phantast"
erfährt er die Läuterung zum Sozialisten, der für die Partei seinen
Lebenslauf schönt und seit Oktober 1947 an für die berüchtigte Parteizeitung Borba
in Belgrad schreibt. Schließlich studiert er Kunstgeschichte, kündigt bei der
Zeitung und findet eine Anstellung in einem Verlag. All diese äußeren
Wendepunkte, spielen - so dramatisch sie oft auch sein mögen - im Tagebuch kaum
eine Rolle. Denn im Vordergrund steht seine Metamorphose zum Schriftsteller und
sein Leben als Getriebener, für den - so schreibt er am 9. Mai 1948 - "die
Lösung der sexuellen Frage ... das Wichtigste (ist)".
Von der ersten Zeile dieses Journals an ist die Berufung Tismas übermächtig.
Schon der Achtzehnjährige weiß, dass er Schriftsteller werden will. Die
Geburtswehen begleiten Selbstzweifel und Freitodgedanken, die immer wieder
schlagartig wechseln mit dem überschäumenden Optimismus, eine erfolgreiche
Zukunft vor sich zu haben. Die Attitüde des jugendlichen Genies ist Tisma völlig
fremd. Mit erstaunlicher Hingabe sucht er nach seinem Selbstverständnis als
Autor. Am 3. August 1943 notiert er: "Heute habe ich meine erste Erzählung
geschrieben. Ich finde sie gut. Wenn ich am Leben bleibe, den Willen aufbringe
und arbeite, kann ich Erfolg haben. Davon bin ich jetzt fest überzeugt."
Kaum vier Wochen später stellt der Sohn einer Ungarin und eines fließend
Deutsch sprechenden Serben das elementarste Instrument eines Autors in Frage:
"Ich kann mir nicht einmal vorstellen, in welcher Sprache ich schreiben möchte:
Jede scheint möglich, aber nicht attraktiv genug." Und im Winter ringt er
sich schließlich das Bekenntnis ab: "Ich bin in erster Linie ein Negator.
Ich fühle mich schlecht in einer Gesellschaft, die positiv ist oder nach dem
Positiven strebt, sogar in einer, die sich einbildet, positiv zu sein."
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2.)
Reise in
mein vergessenes Ich.
Tagebücher 1942-51 von Aleksandar
Tisma (2003, Hanser - Übertragung Barbara Antkowiak).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ
vom 20.2.2004:
Ich, neben anderem
Die Tagebücher des Aleksandar Tisma:
Blick auf einen komplizierten Charakter.
Fünf harte, herbe Romane hat Aleksandar Tisma
aus Novi Sad von 1976 bis 1987 geschrieben. Ohne Schonung, ohne Erbarmen mit
ihren Figuren erzählen sie von der Gewalt, von dem, was Menschen im Stande sind
zu tun, von der Austauschbarkeit von Opfern und Tätern, von den Zeichen auf den
Körpern. Als für Tisma der Erfolg kam - zunächst in Frankreich, dann in
Deutschland -, hatte er im Gefühl, alles gesagt zu haben, sein Schreiben schon
eingestellt. Als erratischer Weltbürger schritt er durch die Länder und
sammelte Bewunderung und Preise: vollendet, als fatalistischer Perfektionist.
Wer er war, steht nicht in seinen Büchern, weil das Ich dieses Autors in einer
gottlosen, ideologiezerfressenen Welt vom Beobachterposten aus sprach. Es steht
andeutungsweise in seinen Tagebüchern, deren erster Teil jetzt von den
Lehrjahren erzählt, als es noch ein weiter Weg war zum erfolgreichen
Schriftsteller. Das Ziel aber war klar von allem Anfang an überm Abgrund
grenzenloser Ichbezogenheit. Der hier schreibt will zynisch, skeptisch und
objektiv sein, will eine Arbeitsdisziplin finden, die zum unabhängigen Platz in
der Gesellschaft führt. Ein Aristokrat und Phantast, der als Sohn eines Serben
und einer halbjüdischen Ungarin unter Rassenschande litt und an der Scham über
die Scham. Der als 18-Jähriger das Pogrom in seiner Heimatstadt erlebte und
nicht mehr loswurde. Der Arbeitslager und Armee durchstand und irgendwie am
Rande an der Verwirklichung einer neuen Ordnung teilnahm. Der sogar in die
Partei eintrat, weil er den Marxismus als relativen Fortschritt empfand. Der
enttäuschter Zeuge von Tribunalen wurde und die Konflikte des Individualisten
zu romantischen Plänen überhöhte, "weil der Sozialismus nicht die Fragen
des persönlichen Glücks löst".
Der prostituierte Mann und der Sozialismus
Zehn Jahre später reist Tisma durch Europa. Ein angefügter Prosatext spricht von Beobachtungen, in Wien etwa, wo die langweilige Ordnung des Westens herrscht. Ein Ich neben allen anderen war er auch hier. Stärker und stärker werdend.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
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