1.) - 3.)
Reise in den siebten
Himmel.
Roman von Ljudmila
Ulitzkaja, (2001,
Verlag Volk & Welt - Übertragung Ganna-Maria Braungardt).).
Besprechung von Karin Pollack aus Profil,
Wien:
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2.)
Reise in den siebten
Himmel.
Roman von Ljudmila
Ulitzkaja, (2001,
Verlag Volk & Welt - Übertragung Ganna-Maria Braungardt).
Besprechung von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau, 14.3.2001:
Bis ans
Ende des naturgesetzlich geregelten Raums
Ljudmila Ulitzkaja stellte im Literaturhaus
ihren neuen Roman "Reise in den siebenten Himmel" vor
An der Grenze zum peinlichen Pathos bewegt Ljudmila Ulitzkaja sich oft. Aber sie überschreitet sie nie. Die 1943 in Sibirien geborene und in Moskau lebende Autorin hat eine Vorliebe für blumige Bilder, und wenn ihr eine einfache Frage gestellt wird, ergeht sie sich gern in ausschweifenden Lebensweisheiten. Die Liebe, sagt sie etwa, sei eine große Leiter; die Menschen dagegen seien wie Insekten. Glücklicherweise schreibt sie Derartiges nicht.
Im Literaturhaus fand Wilfried F. Schoeller in seiner Einführung zu Ulitzkajas Lesung aus ihrem Roman Reise in den siebenten Himmel eine treffende Umschreibung für ihr literarisches Programm: "Der Blick auf die Figuren ist sehr kühl, obwohl sie mit großer Wärme betrachtet werden." Frühere Bücher wie der Roman Medea und ihre Kinder oder die Erzählung Sonetschka wurden von der Kritik als Wiederentdeckung des Erzählens nach dem Ende des sozialistischen Realismus und der russischen Avantgarde gefeiert.
Neun Jahre lang hat Ulitzkaja an Reise in den siebenten Himmel gearbeitet; noch nie zuvor habe ein Buch ihr solche Schwierigkeiten bereitet, bekennt sie. Kein Wunder - auf rund 500 Seiten verhandelt die studierte Genetikerin die ganz großen Themen: die Krise der Religion, der daraus resultierende Glaube an die Wissenschaft, das Gelingen und Misslingen von Liebe in Zeiten zerfallender gesellschaftlicher Strukturen, changierende Ebenen zwischen wahrgenommener Realität und halluzinatorischer Innenwelt, das Ganze eingebettet in 70 Jahre russischer Geschichte und einen hochkomplexen Textaufbau.
Im Mittelpunkt des Romans stehen der Gynäkologe Pawel und seine Frau Jelena, die sich in den Wirren des zweiten Weltkriegs kennengelernt haben und eine glückliche Ehe führen. Die erste von Ulitzkajas deutscher Übersetzerin Ganna-Maria Braungardt vorgetragene Passage ist der Beginn eines Zerwürfnisses: Anlässlich eines Todesfalls in der Nachbarschaft, Resultat einer illegalen Abtreibung, entspinnt sich ein Streit zwischen Abtreibungs-Befürworter Pawel und Jelena - "zum ersten Mal erzeugten die Worte ihres Mannes in ihr Widerspruch."
Immer weiter zieht Jelena sich zurück, "die Welt zerbrach in Stücke"; der gesamte zweite Teil des Buches ist diesem von der Realität entkoppelten Zustand gewidmet. Der moralische Konflikt zwischen Wissenschaft und Emotion, Rationalität und Moral wird jedoch in anderen Figuren weitergeführt: Jelenas Tochter Tanja gibt ihre Arbeit in einem medizinischen Labor auf, weil sie sich als Mörderin fühlt; der Genetiker Ilja Goldberg, ein Freund Pawels, sieht den Menschen längst außerhalb aller Naturgesetz; er hat die Vision einer genetisch fundierten Remoralisierung des russischen Volkes.
Selbst der Titel Reise in den siebenten Himmel hat unter anderem einen wissenschaftlichen Hintergrund: Einem Physiker, so die Autorin, seien die sechs Stufen der Freiheit bekannt. Niemand wisse, was danach komme, aber jeder strebe danach.
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3.)
Reise in den siebten Himmel.
Roman von Ljudmila
Ulitzkaja, (2001,
Verlag Volk & Welt - Übertragung Ganna-Maria Braungardt).
Besprechung von Stefanie
Holzer aus der Frankfurter Rundschau, 10.1.2002:
Ljudmila Ulitzkaja führt den Leser ihres neuesten Romans Reise in den siebten Himmel zuerst in die Welt der Medizin. Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts waren "alle männlichen Vorfahren von Pawel Alexejewitsch Kukotzki" Mediziner. Pawel hat sich schon als Kind zum Beruf seiner Väter hingezogen gefühlt: "Von frühester Kindheit an interessierte sich Pawel Alexejewitsch heimlich für die Beschaffenheit alles Lebendigen." Man würde meinen, er sei aus der großbürgerlichen Wohnung der Eltern in den Pferde- oder Kuhstall oder wenigstens mit dem Hund des Hausbesorgers in den Park ausgebüchst, um dort sein Interesse für das Lebendige zu befriedigen. Doch bei Pawel handelt es sich um kein gewöhnliches Kind. Das Lebendige, für das sein Herz schlug, fand er in medizinischen Nachschlagewerken im väterlichen Arbeitszimmer.
Dieses latent wunderkindartige Betragen wuchs sich beim schließlich ausgebildeten Arzt dahingehend aus, dass er, ohne die dafür notwendigen Untersuchungen zu machen, fehlerfrei das diagnostizierte, woran seine Patientinnen litten: Pawel betrachtete die Frauen und sah in ihrem Inneren Magengeschwüre, Metastasen, eitrige Bauchhöhlen und noch andere Unbekömmlichkeiten mehr. Und dieser "Innenblick" versagte nur dann, wenn Pawel sich aus anderen als medizinischen Gründen mit einer Frau beschäftigt hatte oder wenn sein Frühstück all zu üppig ausgefallen war.
Hier enttäuscht der Roman zum ersten Mal. Denn nach dieser an Wundersamkeiten nicht gerade armen Exposition erwartet man zumindest eine kongenial phantastische Abwehrschlacht gegen alles Weibliche im Dienste der Medizin. Doch diese mühselig konstruierte Ausgangslage entpuppt sich als nicht weiter bedeutsam und als geradezu aufgebauscht, denn im Zweiten Weltkrieg operiert der geniale Doktor Jelena, die er nach ihrer Genesung heiratet, ohne dadurch seine seherischen Fähigkeiten zu beeinträchtigen. Mit Jelena und ihrem Töchterchen Tanja lebt er dann zehn Jahre glücklich wie im Märchen.
Bisweilen macht sich die realexistierende Sowjetunion in diesem Märchen bemerkbar, aber sie wird auch dann nicht wirklich fassbar, als ein befreundeter Wissenschaftler für Jahre in einem Arbeitslager verschwindet. Irgendwann ist dieser Freund nämlich einfach wieder da. Nach zehn Jahren harmonischen Zusammenlebens hat das private Glück der Kutzkois ein abruptes und unwiderrufliches Ende, als Pawel die zuständigen Behörden davon zu überzeugen sucht, dass es klug sei, die Abtreibung wieder legal stattfinden zu lassen. Die Behörden ignorieren diesen Vorstoß, aber Jelena kann - worüber sie bis dahin wohl mit ihrem Mann geredet hat? - nicht verstehen, dass Pawel die Abtreibung für ein dem Engelmachen vorzuziehendes Übel hält.
Ljudmila Ulitzkaja, eine ausgebildete Biologin, hat die ethische Komponente des wissenschaftlichen Fortschritts in die Erzählung eingewoben. Einerseits phantasiert Pawels Freund Goldberg ungehemmt darüber, dass "der Mensch längst außerhalb der Naturgesetze" stehe. Andererseits aber merkt die junge Studentin Tanja, die zu Forschungszwecken ein Labortier nach dem anderen köpft, dass der Graben zwischen dem serienmäßigen Köpfen von Ratten hin zum Töten von menschlichen Embryonen nicht ganz so weit und unüberbrückbar ist, wie der moderne Mensch das gerne hätte. Irgendwann erscheint Tanja dieser Graben nicht mehr existent, und sie bricht von einem auf den anderen Tag ihr Studium ab. Die neue Generation sucht ihre Zukunft außerhalb der Wissenschaft.
Das Glück, heißt es in Wien, ist ein Vogerl. Seit es Pawel und Jelena Kutzkoi verlassen hat, ist es einige Zeit ziellos herumgeflattert, doch nun lässt es sich - sozusagen zur Unterstützung des Gegenentwurfs zum Leben als Wissenschaftlerin - bei Tanja nieder. Hochschwanger lernt sie auf Reisen irgendwo bei Odessa die Liebe ihres Lebens, Sergej, kennen. Sergej erwidert ihre Liebe und schließt auch ihre bald darauf geborene Tochter ins Herz. Sergej spielt Saxophon und Tanja macht Modeschmuck. Und allzu bald steht ein zweites Kind ins Haus.
Eine russische Flower-Power-Welt skizziert Ulitzkaja hier, die sich aus Liebe, Jazz, Sorglosigkeit und noch mehr Liebe speist. Die Autorin stellt in den Raum, dass das Jungsein im Moskau und St. Petersburg der 60er Jahre sich nicht so sehr von dem Leben in Paris oder in Rom zur gleichen Zeit unterschied: "Probleme gab es trotz der märchenhaften Idylle natürlich dennoch. Das Klima, die Kälte. Oder wo man mitten in der Nacht eine Flasche Wodka herbekam. Von einem Taxifahrer? Auf dem Flughafen? Oder das politische Regime. Das war unbequem und mitunter gefährlich. Andererseits - irgendeine Regierung herrschte überall, und wo nicht, da gab es entweder schroffe Berge oder wilde Tiere und Giftschlangen. Oder andere Widrigkeiten." Einen ähnlichen Befund hat Josef Skvorecky in seinem ironischen Roman Eine prima Saison für die Zeit der Nazi-Okkupation der Tschechoslowakei gestellt. Allerdings wird Skvoreckys Held Danny, der nichts als Mädchen und Jazz im Kopf hat, am Ende mit der größeren Wirklichkeit konfrontiert.
Wenn das Leben im Moskau der 60er Jahre wirklich mehr oder weniger wie in Rom gewesen wäre, dann müsste man eigentlich nicht davon erzählen. Vielleicht ist es dieser Denkfehler, der bewirkt, dass der Leser merkwürdig unberührt bleibt von den Schicksalsschlägen, die das Romanpersonal erleidet. Die Erzählstränge laufen zwar vielversprechend dick und prall (fast möchte man sagen: russisch) nebeneinanderher, sie werden aber nicht so zusammengeführt, dass sich ein klares Bild von Moskau, vom Leben in der Sowjetunion oder nur vom Jungsein unter der Herrschaft von Stalin, Chruschtschow und Breschnjew einstellt. Am Ende bleibt trotz der Farbigkeit des Erzählten das Gefühl eines blässlichen Mangels. Ljudmila Ulitzkaja, deren 1999 erschienener Erzählband Olgas Haus zurecht große Aufmerksamkeit erregte, hat mit der Reise in den siebten Himmel viel gewagt, aber nicht alles erreicht. Sie hat einen Roman geschrieben, in dem vor lauter Liebe zu wenig Platz für Russland und seine Wirklichkeit geblieben ist.
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