Reigen.
Theaterstück von Arthur
Schnitzler (1897/1903).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ
vom 14.3.2009:
Der Reigen
„Der Reigen" ist das bekannteste Werk Arthur Schnitzlers.
Es ist gültig bis heute, obwohl es ganz altmodisch scheint; süße Mädels und
junge Herren gibt es nicht mehr, aber die gesellschaftskritische, tief
pessimistische Geschichte um Sexualität und Macht ist nicht zu Ende.
In zehn Szenen kommt je ein Paar sexuell zusammen; aus jeder Szene wandert einer
in die nächste. So trifft die Dirne den Soldaten, der Soldat das Stubenmädchen,
das Stubenmädchen den jungen Herrn, der junge Herr die verheiratete Frau. Die
begegnet ihrem Mann; da liegt ein Schlüssel. Es folgen: Gatte und süßes Mädel,
süßes Mädel und Dichter, Dichter und Schauspielerin, Schauspielerin und Graf. Am
Ende trifft der Graf die Dirne – der Reigen geht immer weiter.
Die Idee ist genial, und Schnitzler, der auch Arzt war, führte sie weiter: Der
Zeitgenosse Freuds reflektierte, was auch die Psychoanalyse gerade freilegte.
Das schaffte Wut und sorgte für einen Skandal schon bei der Buchveröffentlichung
1903. Das Tabu Geschlechtlichkeit und Verdrängung war berührt, doch der Vorwurf
lautete vordergründig: Pornografie. Die war auch bei der Uraufführung 20 Jahre
später natürlich nicht auf der Bühne zu sehen, dennoch wurden die Darsteller
wegen „Unzucht und Erregung öffentlichen Ärgernisses" angeklagt. Die Zeit war
nicht reif für ein Stück, das Triebbefriedigung, Rituale der Verführung und die
Ehe als Institution der Pflichterfüllung thematisierte.
Schnitzler untersagte die Aufführung, erst 1982 wurde das Stück wieder gezeigt.
Heute regt es nicht mehr auf, weil wir ständig mit Sexualität konfrontiert
werden. Doch das Thema darunter: die menschenverachtende Benutzung anderer um
der eigenen Lust willen – ist so stark wie vor 100 Jahren.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]
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