Reiche Mädchen von Silke Scheuermann, 2005, SchöfflingReiche Mädchen.
Roman von Silke Scheuermann (2005, Schöffling&Co.).
Besprechung von Roman Luckscheiter in der Frankfurter Rundschau, 16.3.2005:

Junge Damen in Not
Geistige Leere als Wirklichkeitszuwachs: Silke Scheuermann schreibt über "Reiche Mädchen"

Vermutlich ist Lizzy die programmatische Hauptfigur des Buches. Als die Begegnung mit einer alten Schulfreundin sie aus der Lethargie ihrer Existenz herausreißt und Auskunft über die Nichtigkeiten ihres Lebens geben darf, stellt sie erfreut fest, dass erzählte Langeweile gar nicht mehr langweilig ist: "Das Überraschende: Obwohl nämlich genau dies die Dinge waren, die mich schon vor längerer Zeit unendlich zu langweilen begonnen hatten, kam es mir jetzt vor, als besäßen sie dadurch, dass ich von ihnen erzählte, mehr Wirklichkeit als zuvor."

Der Leser freut sich für die Erzählerin, doch fragt er sich schon bald, ob denn die narrative Potenzierung der geistigen Leere auch für ihn selbst einen überraschenden Wirklichkeitszuwachs bedeutet. Von der Antwort auf diese Frage hängt letztlich die Einstellung zu Silke Scheuermanns erstem Erzählband Reiche Mädchen ab, den die Autorin nun nach zwei erfolgreichen Lyrikbänden vorgelegt hat. Die mehr oder weniger jungen Damen, um die es in den sieben kurzen Prosatexten geht, sind nämlich weder im Finanziellen so umwerfend reich, dass man sich an den Ausschweifungen ihrer Dekadenz ergötzen könnte, noch sind sie besonders reich an Erfahrungen, die das Lesen ihres Lebens richtig spannend machen würde. Statt dessen gehören sie tendenziell jenem Milieu des noch aufstrebenden akademischen Mittelstandes an, das den zunehmend akademisch vorbelasteten Autorinnen und Autoren der Nachwuchsgeneration ganz besonders ans Herz gewachsen zu sein scheint - und sei es, um seine Marotten und Routinen, seine Identitätskrisen und Heimatlosigkeiten vorzuführen.

Doch das klingt viel zu komplex in Anbetracht der konkreten Figuren, die sich (wie in der Erzählung "Krieg oder Frieden") zwischen Sektempfang und Tagungsreise ins Bett plaudern und dabei völlig missverstehen. Die Wirklichkeit, von der die symptomatische Lizzy in der Erzählung "Die Übergabe" spricht, scheint trostlos und besteht einzig und allein aus einer von konstanter Enttäuschung gekennzeichneten Beziehung zu einem erfolgreichen Mann. Am Ende kann nur noch eine Katze vor dem Sprung von der Autobahnbrücke bewahren. Das traurige Leben, das Silke Scheuermann präsentiert, ist immer nur Beziehungsleben, meist vermittelt aus der Sicht eines Erzählerinnen-Ich. Diese pathologische weibliche Fixierung auf den Mann wird in "Lisa und der himmlische Körper" dann zugespitzt: Hier erfährt die naive Sehnsucht eine läuternde Desillusionierung, als sich der nette Mensch von der Kontaktanzeige als abgebrühter Widerling entpuppt. Das Universum der glücklosen, resignativen Frauen (Lisa trägt immerhin einen Revolver in der Handtasche und meint, sich wenigstens "theoretisch immer" wehren zu können) wird in diesem Buch erweitert um durchaus komische Verstrickungen in einer Badewanne und um einen einfühlsamen, geradezu hoffnungsvollen Ausblick auf die wahre Liebe im Alter.

Die gesammelten Privatgeschichten, deren betuliche Kuschelmoral irgendwo zwischen dem Spätwerk von Siegfried Lenz und Brigitte zu verorten wäre, haben allerdings insofern einen eigentümlichen Reiz, als sie mit sprachlicher Raffinesse und psychologischem Witz daherkommen. Wenn junge Leute vor der Diskothek von einem Bein aufs andere treten, als "wünschten sie sich ein drittes" oder wenn Lizzy der Freundin ihr Leben "hinhält wie einen Mantel", der ihr "längst abgetragen vorkommt", der Freundin aber "ausgezeichnet gefällt", dann glänzt eine sprachliche wie bildliche Kunstfertigkeit durch den Text, die von lyrischer Schulung zeugt. Sie trägt den Leser immer so lange souverän durch die ironischen Kammerspiele, bis die Fokussierung auf die minutiösen Selbstmeditationen der jeweiligen Hauptfiguren in gespreizte Geschwätzigkeit umkippt. Dann verfällt der Leser wieder in Reflexionen über die Langeweile als literarischen Gegenstand und wird ganz melancholisch über den offenkundigen Mangel an epischem Material, der die poetische Energie und Intelligenz der Autorin auszuzehren droht. Möge die Zukunft sie mit knackigeren Themen segnen.

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