Rehe am Meer von Ralf Rothmann, 2006, Suhrkamp1.) - 2.)

Rehe am Meer.
Erzählungen von Ralf Rothmann (2006, Suhrkamp).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ, vom 23.10.2006:

Die sechste Geschichte
Ralf Rothmann hat einen neuen Erzählungsband vorgelegt: "Rehe am Meer". Er erinnert an die frühere Sammlung "Ein Winter unter Hirschen" und an Schuberts Liederzyklus "Die Winterreise"

Ralf Rothmann ist einer, an dem man verzweifeln kann, wenn man ihn nicht liebt. Er ist bitter. Er ist sentimental. Er ist dunkel verführerisch und so ehrlich, dass es in der Herzgrube sticht; Ralf Rothmann ist der Erzähler des Alltags, aber er erzählt nicht alltäglich, sondern mit sanfter Wut und störrischer Melancholie. Er lockt in Irrgärten, und am Ende steht man verschlungen in Dornenranken und weiß nicht, wie rauskommen.

Der neue Band, "Rehe am Meer", reiht Erzählungen aneinander, scheinbar wahllos. Doch der erste Blick trügt. Wie ein wehrhafter Kranz umringen elf Texte den einen, sechsten: "Gethsemane". Um dieser erschütternden Geschichte willen werden alle die anderen erzählt; belanglose, rätselhafte, himmelschreiende Geschichten, aus dem Menschenleben herausgerissen, manchmal ohne Anfang und Ende wie "Stolz des Ostens", oder mit einer herben Pointe. Das am ehesten.

Es sind Geschichten wie ein Liederzyklus, mit Sätzen wie Melodien. ". . . das Wasser, das nicht kalt ist und nicht warm, nicht klar und nicht trüb, das überhaupt kein Wasser ist in diesem Moment, sondern irgend etwas Gleißendes, so wie der Schrei auf der anderen Seite nichts als die Stille im Herzinneren ist, sternweiter Raum, in dem eine zarte Stimme verklingt." Das ist so ein Satz aus "Gethsemane"; der da spricht, ist ein Mann, der schmerzhaft wartet und den Zwängen des Lebens verhaftet bleibt, während die Frau stirbt, die er liebt.

Der Band beginnt derb. Mit einer Geschichte von ehrbaren, rotzigen ostdeutschen Bauleuten: die erst sorgfältig mauern und verputzen und kacheln und dann, nachts, die Neubauten der Geldprotze zerhacken wie in Trance.

Es folgt viel Ost-Westliches. Eine fast schwebende Erzählung, in der Ostfrau und -sohn in einen Wohnwagen im eigenen Garten ziehen, um das Haus an Westgäste zu vermieten; aber die Westler haben es gar nicht besser, sie sind längst auf verschiedenen Wegen. Die Zeichen der Entfremdung beachten sie nicht.

Ungewöhnliche Geschichten, und ein ungewöhnlicher Erzähler. Praktische, handfeste, raue Menschen, und eine Sprache wie Spinnweben. Nur einmal wird es unfreiwillig komisch: wenn Rothmann sich als 12-jährige Icherzählerin ausgibt. Das sollte der Mann mit dem Faible für fremde Blickwinkel lieber lassen.

Wunderbar träumerisch ist das Stück, das von der Flucht eines Zirkusmannes mit seinen Tieren erzählt. Da klingt leise, in einer Nuance Schuberts "Leiermann" an, und plötzlich fügt sich alles; in diesen Erzählungen findet sich manches Gefühl aus der "Winterreise", und wer nachschaut, findet in der Mitte des Zyklus´ "Einsamkeit".

Unendlich anrührend sind die Geschichten vom Tod. Die von Gabi, die im Sterben zu ihrem eigenen Abfall wurde. Die von Andrea, die neben ihrem toten Mann erwachte und sich vom Klempner Spagetti kochen lässt. Und die eine, schwer erträgliche; von dem Mann, der nicht mit seiner totkranken Frau wachen konnte und sie am Ende nur im Umriss des eingedrückten Kissens fand, als man sie schon weggebracht hatte.

Das ist eine Geschichte, ganz nackt; der Erzähler ist wehrlos wie der Leser - deshalb geht es weiter mit "Rehe am Meer"; auch das eine Geschichte, die schmerzhaft von fernen Träumen erzählt, aber nicht so hoffnungslos. Sacht erinnert Rothmann an seinen eigenen Erzählungsband von 2001: "Ein Winter unter Hirschen". Auch da dienten die Tiere als starkes Gegenbild zur Wirrnis in den Beziehungen der Menschen.

Ralf Rothmann ist ein sensibler Erzähler, er kann tief anrühren. Das ist auch gefährlich; gelegentlich schrammt er am Kitsch entlang, dass es nervt wie ein hintergründiger Zahnschmerz. Aber so ist das wohl, wenn man von großen Gefühlen erzählt.

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Rehe am Meer von Ralf Rothmann, 2006, Suhrkamp2.)

Rehe am Meer.
Erzählungen von Ralf Rothmann (2006, Suhrkamp).
Besprechung von Thomas Kraft in freitag 16 vom 20.4.2007:

Stolz des Ostens
In Ralf Rothmanns Erzählungsband "Rehe am Meer" bewegt sich ein silberner Fisch

"Man braucht ein Profil. Jedenfalls auf dem Arbeitsmarkt. Und ich hab inzwischen so viel davon - aus mir kannst du n´Satz Winterreifen machen." Saloppe Sprüche wie dieser tauchen immer wieder in Ralf Rothmanns letztem Erzählband Rehe am Meer auf. Mit Lakonie und einem gewissen Proll-Charme leuchtet Rothmann jene Milieus aus, die die Politik zur Zeit als "Unterschicht" neu entdeckt hat. Wenn er von Günther Sobotzkis Polterabend erzählt, vom "zweibeinigen Bäcker" oder vom arbeitslosen Richard, der seiner Frau hinterherspioniert, von Baustellen, Schichtarbeit und sozialem Abstieg, dann tut er das mit einer sehr subtil ausbalancierten Mischung aus sozialem Interesse und poetischem Blick; daraus entsteht eine literarische Melange, die in der deutschen Literatur dieser Zeit ihres Gleichen sucht.

Ralf Rothmann ist mit Romanen über eine Kindheit und Jugend im Revier bekannt geworden, aber auch mit Texten aus der Mitte Berlins - topographisch und sozial gesehen. Das ist aber, um Missverständnissen vorzubeugen, keine neue Literatur der Arbeitswelt, die hier entsteht, auch kein Bericht über den Zustand unserer Republik, sondern Ausdruck eines Interesses, das fragt, was soziale Veränderungen aus Menschen machen, wohin und wozu sie sie treiben. Rothmann setzt direkt bei den intimen Beziehungen und in den Familien an, um zu erspüren, wie Menschen auf Trennung und Tod, auf den Verlust von Arbeit und sozialem Halt reagieren. Das wird aber nicht knallhart registriert und dokumentiert, sondern fast schwebend und nur vorsichtig andeutend in Szene gesetzt. Hier ist kein literarischer Sozialarbeiter, sondern ein großer, weil mit ungeheurer Sensibilität ausgestatteter Autor am Werk.

Denn die Situationen, die Rothmann beschreibt, sind eigentlich nicht überraschend und neu. Aber die Art und Weise, wie er es versteht, mit einem Halbsatz, einem Hinweis oder auch mit einer Szene ganze Schicksale anzudeuten, ist schon grandios. So zum Beispiel in der ersten Erzählung, Nasse Spatzen, als der Handlanger Manni, der die Geschichte erzählt, nach einer Feier zurück auf die Baustelle geht und seinen von Termin- und Überlebensdruck gepeinigten Chef entdeckt, der in einem geradezu furiosen Anfall dabei ist, die Baustelle zu demontieren. Was sich hinter diesem Ausbruch von Gewalt und scheinbar sinnloser Zerstörungswut an Erschöpfung und Verzweiflung verbirgt, kann man nur ahnen, denn nirgendwo wird es expressis verbis berichtet. Aber Rothmann versteht es, mit wenigen Handstrichen, einem harten Tempowechsel und einem guten Gefühl für Spannungserzeugung die ganze Tragödie so aufscheinen zu lassen, dass man mehr zu verstehen glaubt, als wenn hier ausführlich erzählt würde. Diese Gabe macht ihn zu einem der bedeutendsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur.

Überzeugend vor allem auch das Ende der Erzählungen: nie wirklich final, immer über sich selbst hinausweisend, neues Konflikt-, Erfüllungs- oder Sehnsuchtspotenzial andeutend. Beispielhaft die Schlussszene in Stolz des Ostens, als eine junge Mutter plötzlich entdecken muss, dass - während sie vor einem Campingmobil steht - drinnen ihr Mann mit einer anderen Frau schläft: "Ich fühlte meinen Puls in der Kehle und starrte auf den Schlüssel an der Tür des Wohnmobils, auf den silbernen Fisch, der sich leicht bewegte, immer wieder. Er glitzerte im Licht, und mein Baby schlug die Augen auf und lächelte." Das lässt Deutungen offen und ist emotional, ohne kitschig zu sein. Diese verletzten Seelen haben es Rothmann ohnehin angetan, Menschen, die betrogen, allein gelassen und herumgeschubst wurden, ihnen gibt er ein Gesicht und vor allem eine Sprache, die sie lebendig werden lässt.

Die schönste Geschichte in diesem Band heißt Tausend Mönche und erzählt von einer Begegnung im Zug. Dr. Carst wird von der etwas naseweisen Citha Maria, einer zwölfjährigen Göre mit 33 Zähnen und dem poetischen Blick, angesprochen. Sie findet, dass er "umgestülpt" durchs Leben laufe, verwickelt ihn in ein langes Gespräch und erzählt ihm - auch metaphorisch zu verstehen - vom schönen Glücksburger Wasserschloss, das auf einem Friedhof gebaut sei, auf dem tausend Mönche begraben seien. Am Ende kippt diese kleine Koketterie jäh in eine Totenszene, die - in ihrer Anbindung an den Beginn der Geschichte - etwas Grusliges, Mysteriöses hat. Genau in diesem Umschlagen und den darin verborgenen Verbindungen liegt die besondere Qualität dieses großartigen Erzählens.

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