Regentonnenvariationen von Jan Wagner, 2014, Hanser1.) - 4.)

Regentonnenvariationen.
Gedichte von Jan Wagner
(2014, Hanser).
Besprechung von Matthias Engels auf seinem Blog Dingfest, 19.11.2014:

Jan Wagners “Regentonnenvariationen”
Seit Langem hat mich kein Band mit Gegenwartslyrik so beeindruckt wie Jan Wagners neue Regentonnenvariationen.

Wagner, 1971 in Hamburg geboren und seit 1995 in Berlin ansässig, studierte Anglistik und Amerikanistik in Hamburg und Dublin (am Trinity College übrigens, wo schon Oscar Wilde studierte- das nur am Rande).
Ich verfolge Wagners Schreiben bereits seit seinem allerersten Band: Probebohrung im Himmel, der 2001 im Berlin Verlag erschien. Die Regentonnenvariationen zeigen meines Erachtens, wie weit sich der Autor seitdem vorgewagt und entwickelt hat und heben sich angenehm ab von vielem, was momentan an moderner Lyrik geboten wird.
Recht umfang- und abwechslungsreich, das Ganze. Kurze, mittlere und lange Texte wechseln sich ab, was inmitten der vielen kurzatmigen, hektischen Lyrik schon einmal positiv auffällt. Unterschiedliche Rhtythmen, unterschiedliche Strukturen und Tempi werden durchgespielt. UND DANN: die Themen.

Der Band imaginiert eine Art verkommenen Garten; ein brachliegendes Grundstück- vielleicht das der Großeltern oder eines in einer entlegenen Straße eines weniger hippen Viertels. Hier gibt es Unkraut und Unrat; Schrott und Ödnis. Viele der Gedichte greifen Vergangenes auf, merkwürdig von Melancholie angegraute Individualgeschichte, Familienmythologien- und ein anderer guter Teil davon sind Naturgedichte- die bekanntlich nicht unbedingt zu den Lieblingsgenres jüngerer, großstädtischer Dichter gehören.
Bei Jan Wagner findet man Gedichte über den Giersch, über Zäune, Vögel und Bäume- und das so klug und unaufgeregt, dass es eine große Freude ist, der leisen Kunst des Autors zu folgen, auch dort, wo er in einzelnen Texten, das gewählte Setting der Gedichte verlässt und sich anderen Sujets zuwendet.
Allzu oft empfinde ich das obligatorische Fach- und Fremdsprachenbombardement anderer Lyriker, ihre manchmal scheinbar zwanghafte Zersplitterung der Form und Syntax als anstrengend bis nervtötend- was nicht heißt, dass es sich bei Jan Wagners Gedichten um altmodische Texte handelt! Gedanklich und in ihrer Handlung sind sie hochmodern und Intelligenz und Horizont können meiner Meinung nach niemals altbacken sein! Immer wieder fällt auf, wie virtuos der Dichter mit den überlieferten Formen spielt, sie bricht und bereichert.
Einige Beispiele möchte ich anführen:

Nehmen wir einmal das Gedicht laken, hier verlassen wir das Regentonnengrundstück und wenden uns einem Innenraum (in doppelter Hinsicht zu). Es beginnt skurril:

großvater wurde einbalsamiert
in seines und hinausgetragen,
und ich entdeckte ihn ein jahr später,
als wir die betten frisch bezogen,
zur wespe verschrumpelt, winziger
pharao eines längst vergangenen sommers.

Natürlich ist der Großvater ordnungsgemäß bestattet worden- keine Sorge! Er wurde weder vergessen und zur Mumie- noch mutierte er zum Kerbtier! Legen wir als Verständnis-Messlatte einmal einen kindlichen Geist an: ein Jahr nach dem Tod des Opas beschließt ma, das Bett wieder zu nutzen- als Schlafmöglichkeit für Gäste oder ähnliches. Verschrumpelte und dehydrierte Insektenleichen in dunklen Ecken und Nischen kennen wir alle- um eine solche wird es sich hier ganz real handeln, allerdings vom eventuell beim Bett beziehen helfenden Kinde geistig mit (oft in Leinen/Leichentücher gehüllte) Mumien und Toten überblendet.
Weiter geht es:

so faltete man laken: die arme
weit ausgebreitet, daß man sich zu spiegeln
begann über die straffgespannte fläche
hinweg; der wäschefoxtrott dann, bis schritt
um schritt ein rechteck im nächstkleineren
verschwand, bis sich die nasen fast berührten.

Eine wunderbare Beschreibung des Faltvorgangs, für alle die, die nur noch zusammengeknüllte, weil unfaltbare Spannbettlaken im Schrank haben. Zum Spiegel wird hier nicht etwa das gestärkte Leinen an sich, das so straff und blank ist, dass es refelktiert- vielmehr muss man sich wohl das an zwei Enden gehaltene Tuch als Spiegelachse zwischen den zwei Beteiligten vorstellen, die spiegelbildlich exakt die gleichen Bewegungen vollführen- herrlich als wäschefoxtrott beschrieben.
Die 3. Strophe listet nun Dinge auf, die in den gefaltenen Laken im Schrank gefunden werden können, darunter:

ein leerer flakon mit einem spuk parfum, das wurde, wie ich mir habe sagen lassen, gern gemacht: die eigentlich leere 4711-Flasche, in der Hoffnung, noch die allerletzte Ausdünstung mitzunehmen, um die Wäsche zu parfümieren- ein Spuk: jeder kann es sich vorstellen, was gemeint ist: praktisch nicht wahrnehmbarer und dennoch zielsicher zu erschnüffelnder Restgeruch.
Weiterhin finden sich im Text dann Lavendelblüten zwischen den Laken, Wiesenblumen sowie
ein Wurf Mottenkugel. Man würde sagen: eine Hand voll….ein paar….oder einige Mottenkugeln- der Wurf stammt aus dem Tierreich: ein Wurf Ferkel, Katzen oder Mäuse. Dennoch weiß man: es sind mehr als zwei oder drei, aber sicher kein Dutzend Kampferkugeln, die hier verstreut sind und sie liegen achtlos, verstreut dort -die Laken werden zum Nest, was wiederum ins Bild passt.

Nach der absurden Kindheitserinnerung in Strophe 1, dem Vorgang des Faltens in der Zweiten und der Möglichkeitsform des Was-sich-darin-finden-könnte in Strophe 3 geht Wagner nun in der letzten Strophe zum JETZT über:

fürs erste aber ruhten sie, stumm
und weiß in ihren schränken, ganze
stapel von ihnen, eingelegt in duft,
gemangelt, gebügelt, gestärkt,
und sorgfältig gepackt wie fallschirme
vor einem sprung aus ungeahnten höhen.

Wer eine dieser sehr peniblen Großmütter hatte, wird das Bild der akkurat, Kante auf Kante liegenden Stapel kennen und den Vergleich mit stramm gepackten Fallschirmen als gelungen erkennen. Mit äußerster Genauigkeit, als ginge es um das eigene Leben, wird hier ein Alltagsgegenstand verwahrt; wie für Sprünge aus ungeahnten Höhen– dem Fallenlassen aus dem anstrengenden Tagesgeschehen in die weichen Tiefen des Schlafs, des Kontrollverlustes? -Scheint mir stimmig. Und schön!

Ein gutes Beispiel für die Texte dieses Bandes. Thematisch profan, sicher! Sprachlich nicht allzu experimentell, ja!- Kein Metaphernfeuerwerk, keine außergewöhnlichen Wendungen, die einem erst mit dem Fach- oder Fremdwörterlexikon verständlich werden. -Aber: in den herausgehobenen Stellen fällt auf, welches Stilmittel Wagner mit eindrucksvoller Perfektion und Einfallsreichtum beherrscht: das BILD! Der Pharao, Wurf Mottelkugeln, der Spuk Parfum, der Fallschirm….das alles sind sehr mächtige Bilder.

Aber wenden wir uns noch einem zweiten Text zu- einem von mehreren Tiergedichten in dem Band. Welcher jüngere Lyriker aus Berlin schreibt sonst noch welche?, möchte ich kurz zu bedenken geben!

Zwei Vierzeiler, zwei Dreizeiler. Wa rufen wir da alle ganz laut?- Genau!
Wagner benutzt hier die klassische Form des Sonettes, aber in seiner ganz eigenen Weise: die Silben über die Zeilen- und Strophenenden hinweggezogen, ohne es als zwanghaft modernen Bruch des Leseflusses zu benutzen, vielmehr: spielerisch.

eule

still wie eine urne- bis die rufe
hoch über den köpfen
uns stocken lassen, sonderbar, als rufe
etwas durch sie hindurch; im braunen oder kupfern-

en federkleid zwischen den zweigen sitzend,
mit einem weißen schleier, zart wie mehltau
und brüsseler spitze,
verstreut sie die grazilen amulette

ihrer gewölle,….

Da sind sie wieder: die Bilder! Die Eule als stille Urne, das Gefieder wie Mehltau oder Spitze. Und wer je ein Gewölle in der Hand hatte, weiß wie treffend das Bild des Amulettes ist! Grazile Gebilde sind das, wahrlich!
Im Weiteren wird die Eule im Geäst des Baumes zum:

schlußstein in dem großen laubgewölbe; –und Jeder kann sich vorstellen, wo genau sie sitzt.
ein gelber spalt und noch ein gelber spalt,
zwei augen hinter den tapetentüren
aus borke, dann der wald. der wald. der wald.

Das Sonett verlangt ja im letzten Vers sozusagen eine Quintessenz des gesamten Textes: was könnte da besser taugen als das dreifache der wald, das sich noch dazu so wunderbar harmonisch auf spalt reimt, wie Wagner hier sowieso sehr gekonnt mit dem verpönten Stilmittel Reim und Binnenreim spielt: köpfen/kupfern, sitzend/Spitzen, Gewölle/..gewölbe, ..türen/..spüren.

Neben diesem Eulen-Gedicht gibt es noch eines über einen erlegten Elch, dessen Geweihschaufeln sich um die Luft legen:
wie hände eines champions am pokal.
Vielleicht kann ja der ein oder andere meiner Begeisterung folgen und die entspannte und nicht auf schnellen Effekt abzielende Kunst des Autoren ähnlich stark genießen.
Mein Fazit über diesen Band ist jedenfalls: Wenn mich in näherer Zukunft -wie es ab und an mal vorkommt- fragt, welche zeitgenössichen deutschen Dichter man lesen sollte, dann weiß ich, wen ich nenne!

Noch einmal zum Verfasser:
Jan Wagner ist außerdem als Übersetzer und Literaturkritiker tätig. Er verfasst Rezensionen für die Frankfurter Rundschau und andere Zeitungen, Literaturzeitschriften sowie für den Rundfunk. Als Herausgeber publizierte er gemeinsam mit Björn Kuhligk 2003 im DuMont Verlag die Antholgie Lyrik von Jetzt. 74 Stimmen, eine umfassende Sammlung junger und jüngster deutschsprachiger Lyrik, zu der Gerhard Falkner das Vorwort verfaßte. Ein Nachfolgeband erschien unter dem Titel Lyrik von Jetzt zwei. 50 Stimmen 2008 im Berlin Verlag. Seine Gedichte wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter ]

Leseprobe I Buchbestellung 0815 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Matthias Engels

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Regentonnenvariationen von Jan Wagner, 2014, Hanser2.)

Skizze vom Gras.
Gedichte von Silke Scheuermann
(2014, Schöffling&Co.).
Besprechung von Beate Tröger in freitag vom 10.12.2014:

Störrisch, sperrig, gut
Lyrik Die wichtigsten deutschsprachigen Neuerscheinungen haben viel mit dem Jahrhundertdichter Georg Trakl zu tun
 
„Poesie war Widerstand“, lautet der vielleicht meistzitierte Satz aus Kruso, Lutz Seilers Debütroman, der in diesem Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Seiler ist bislang vor allem als Lyriker hervorgetreten, seine Hauptfigur, Ed Bendler, verehrt besonders den Dichter Georg Trakl, „der am unerbittlichsten tönte mit seinen Versen aus Laub und Braun“.

Die Verse Trakls, dessen Todestag sich am 3. November zum 100. Mal jährt, zählen in der Tat zum Widerständigsten, was die deutschsprachige Lyrik des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Obwohl ihr Vokabular überschaubar und eingängig ist, sperren sich diese so fremdartig wirkenden Gedichte gegen ihre Vereinnahmung. Das kann man an dem soeben erschienenen Band Trakl und wir. Fünfzig Blicke in einen Opal gut nachvollziehen. Unter dem Dach der Münchner Stiftung Lyrik Kabinett und herausgegeben von Mirko Bonné und Tom Schulz haben sich 50 Lyrikerinnen und Lyriker mit einem bestimmten Gedicht Trakls auseinandergesetzt, unter ihnen so bekannte wie Friederike Mayröcker und Durs Grünbein. Herausgekommen ist eine anregende, nicht selten zum Widerspruch reizende Aktualisierung von Trakls Dichtung, deren Wucht nicht nur Ed in Kruso, sondern auch der Leser von Trakl und wir umso heftiger spürt, je blasser der zeitgenössische Gegenentwurf ausfällt.

Aber es gibt genauso die Begegnung auf Augenhöhe. Das Renitente in Trakls Sprache findet sich in anderer, nicht minder wuchtiger Gestalt in den Versen des 1965 geborenen Romanciers und Lyrikers Marcel Beyer. Von „Verklirrter Herbst“, Beyers schräger Anverwandlung von Trakls „Verklärter Herbst“, die 1997 in Beyers Band Falsches Futter erschien, führt eine Linie zu Graphit, dem neuen Lyrikbuch von Beyer. Er enthält das in Trakl und wir abgedruckte Gedicht „An die Vermummten“, das auf Trakls „An die Verstummten“ antwortet. Doch auch das dreiteilige „Alphabet Oberlippe“ bezieht sich vermittelt auf den Jahrhundertdichter, genauer: auf eine Fotografie, die Georg Trakl im Sommer 1913 auf dem Lido von Venedig zeigt. Trakl war mit dem Herausgeber der Zeitschrift Der Brenner, Ludwig von Ficker, sowie dessen Frau und Karl Kraus nach Venedig gereist. Venedig, mutmaßt Trakls Biograf Gunnar Decker, muss Trakl ambivalent gestimmt haben. Auf besagtem Foto jedenfalls schaut er ziemlich grimmig drein.

Gnocchi mit Hummel

In Beyers Gedicht wird die Fotografie zur Vorlage, ein Verfahren, das sich bei ihm häufiger findet. „Das Leibchen. Ein Salzwasser, / ein Kälteschockgesicht am / Strand, das Schwimmkleid / schwarz. Die Beine und sein / Hals: ein Bauer, der mit Sand / nichts anzufangen weiß. / Schwimmkleid Venedig. Hat / ihn nicht dauerhaft aufheitern / können, dieser Ausflug, nein. / Das Schwimmkleid Limanowa. / Das Schwimmkleid Krakau. / Und das Schwimmkleid Salz.“

Dass Trakl nach seinem Venedigaufenthalt in einen Rausch des Dichtens geriet, ehe er 1914 als Militärapotheker ins Heer einberufen wurde und die Schlacht bei Grodek miterlebte, beschreibt Beyer im dritten Teil des lyrischen Triptychons. In Grodek musste Trakl viele Verwundete allein versorgen. Zwei Tage und zwei Nächte arbeitete er im Lazarett. Bei Beyer liest sich das so: „Vers für Vers kroch ich durch den Saal, man kratzte sich, man hing in Scheiben, es wurde operiert. Alphabet Oberlippe, Alphabet Unterleib, und das Gejammer“. Dichten, Wahrnehmen, Bezeugen verschmelzen zu einer Bewegung.

Die imaginierte Wahrnehmung Trakls überlagert sich mit dem erlebten Kriegsszenario und mit der inneren Bewegung seines Dichtens. Beyers Band Graphit verweist schon im Titel, abgeleitet aus dem altgriechischen Wort graphein für „schreiben“, direkt auf die dichterische Arbeit und auf die Materialität der Sprache.

Widerständig wie das Sprachmaterial können auch die Dinge sein, die in der Lyrik Gestalt annehmen sollen. In den Regentonnenvariationen, dem nunmehr sechsten Gedichtband des 1971 in Hamburg geborenen Jan Wagner, konzentriert sich der Autor auf die Gegenkraft im Marginalisierten und Geringgeschätzten, etwa im „Giersch“, jenem Unkraut, das „bis hoch zum giebel kriecht bis giersch schier / überall sprießt, im ganzen garten giersch / sich über giersch schiebt, ihn verschlingt mit nichts als giersch“.

Man muss diese Verse laut sprechen, um das Insistierende, Renitente der Pflanze in den Konsonanten zischeln zu hören, das Wachsende, sich Dehnende in den Vokalen. Wagners Gedichte sind eingängig und unaufgeregt in ihrem Gestus. Es gibt bei ihm häufig ein lyrisches Wir, das nicht genauer bestimmt ist, den Leser aber in eine freundliche Vertrautheit lockt und ihm dort, mit meist munterem Unterton, Phänomene neu zu zeigen weiß.

Bei aller Freundlichkeit versteht Wagner auch zu irritieren. Das Gedicht auf den Cremoneser Cellisten Giovanni Gnocchi mit dem Titel „giovanni gnocchi am violoncello“ schildert die akustisch-genussvollen Eindrücke beim Besuch einer hochsommerlichen musikalischen Darbietung in der Stadt, die durch eine Hummel gestört werden. Eine kurze Irritation. Heraus kommt eine szenisch-narrativ-lyrische Miniatur, wie Jan Wagners Werk viele kennt. Sie machen süchtig.

Am gelungensten zeigt sich Widerständiges in „drei esel, sizilien“. Prosaisch ausgedrückt: Drei Esel stehen auf einer sizilianischen Straße, und es dauert eine Weile, bis das Hindernis, das sie bilden, überwunden ist. Poetisch wirkt die Erinnerung an die Szene so: „und sie noch immer regungslos, ein riegel / aus grau, wir selbst mehr narren als heroen / und längst vergessen und verdrängt, während im spiegel / jenes beharrlich sanfte V der ohren noch serpentinenlang zu sehen war, / ein victory, vittoria, victoire.“

Jenes „beharrlich sanfte V der Ohren“ ist nicht nur eine Hommage an die Gattung der Esel. Man kann das Gedicht auch lesen als Verbeugung vor der Lyrik selbst, wo nicht selten eine bestimmte Anordnung weniger Worte sich dem Leser recht sperrig in den Weg stellt und noch lange Zeit nachwirkt.

Auch in Silke Scheuermanns neuem Lyrikband Skizze vom Gras ist Widerständigkeit ein zentrales Thema. Mehrere der zumeist in freien Versen geschriebenen Gedichte widmen sich ausgestorbenen Tieren, wie dem Dodo, dem Höhlenlöwen oder der Wandertaube. Martha, die letzte ihrer Art, starb 1914 in einem Zoo von Cincinnati, zufällig im gleichen Jahr wie Georg Trakl. Und wie Trakls Verse lebt Martha 100 Jahre später fort.

Nach Marjana Gaponenko, die mit ihrem Roman Wer ist Martha? (2012) dieser Taube ein Denkmal setzte, lässt auch Silke Scheuermann sie noch einmal auferstehen, hinein in eine Welt, in der das Überleben noch schwieriger geworden ist: „Hundert Jahre später ist diese Welt eine andere. Erstickender Waldduft ist Chemiegerüchen gewichen, die singende Liebe der Flüsse dem Kreislauf von Kraftwerken, unsichtbar. Wenn du, wie jeher, der brennenden Sonne entgegengleitest, wirst du die neue Gegenwart spüren – ohne hinabzugleiten in Trauer?“

Wer hier den leicht ranzigen Muff von Ökolyrik wittert, sei beruhigt. Scheuermanns Gedicht wächst darüber hinaus, wird zu einer melancholischen Reflexion über die Zeit. Der Dodo dagegen schafft es, anders als die Taube, nicht zurück auf diese Welt, ihm steht in Scheuermanns Versen die Wiederkehr erst noch bevor.

Am Alltäglichen reiben sich die Arbeiten von Katharina Schultens, die 2013 in Darmstadt den Leonce-und-Lena-Preis gewann. Nach ihrem Erstling gierstabil (2011) ist in diesem Frühjahr der Band gorgos portfolio erschienen. Schultens’ Gedichte sind angesiedelt in der heutigen Arbeits- und Finanzwelt, schildern die modernen Arbeitssklavinnen, die müde Laborantin taucht ebenso auf.

Sich Luft machen

Die Frau in diesen Werken ist nicht selten eingepfercht zwischen den Idealbildern der Weiblichkeit, sie erscheint mal als coole Wilde (in „crude“), dann als väterliche Grabpflegerin (in„vater“). Das sprechende Ich bleibt dabei stets kühl und entlarvt in seiner Coolness die Hohlheiten und Absichten des Betrachters: „ich kann sehen wann du mich liest“.

Zugleich bleibt das sprechende Ich von einer Unsicherheit gezeichnet, die stärker ist als der Verstand, chaotischer als die mühsam etablierten, hart verteidigten Ordnungen. Sie kann sich Luft machen in einer Zeile wie dieser: „So lass mich dennoch nicht allein“ oder in den Versen aus dem Gedicht „insider trading“, in dem es heißt: „ich kann was ich sagen will verschlüsseln damit mans sicher findet im großen netz. es gibt eine technik für alles es gibt auch eine der unterlassung bitte entlass mich in methodenlosigkeit bitte erlaube mir ein ungewaschnes kind missversteh meine bilder zu identität finde mich: bitte finde mich nicht“.

Seltsam, dass Katharina Schultens’ Lyrik noch keine breitere Resonanz gefunden hat. Es mag an ihrer Widerständigkeit liegen. Wer gute Gedichte will, muss sie auch aushalten können.

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Regentonnenvariationen von Jan Wagner, 2014, Hanser3.)

Regentonnenvariationen.
Gedichte von Jan Wagner
(2014, Hanser).
Empfehlung von Heinrich Detering, März 2015:

Jan Wagners jüngstes Gedichtbuch ist (was einiges heißen will) sein bisher schönstes. Wieder zeigen uns diese Gedichte die Wunder einer Welt, die so nahe ist wie der Giersch im Garten und die Seife im Badezimmer, wie Brunnen oder Regentonne. Wieder präsentieren sie uns Unerhörtes, diesmal etwa den Kentaurenblues, und lassen Ungesehenes sehen, wie die Vögel über der Waratah Street oder das »sanfte knausergesicht« der »zerzausten stoiker« und »verlausten buddhas«, die im Eukalyptusbaum wohnen und Koalas heißen. Unermüdlich wach ist ihre Aufmerksamkeit, unerschöpflich die Erfindungskraft, mit der verbrauchte Wörter und Reime, ganze Vers-, Strophen- und Gedichtmaße so erfrischt und verjüngt werden, als hörten und sähen wir sie zum ersten Mal. Es sind, mit anderen Worten, abermals Gedichte, wie nur Jan Wagner sie schreiben kann. Aber jetzt umfassen sie eine Spannweite der Sujets, der Einfälle und Tonfälle, die diejenige seiner früheren Bände noch übertrifft, und zeigen einen außergewöhnlichen Dichter auf der Höhe seiner Kunst.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.lyrik-empfehlungen.de/Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und die Stiftung Lyrik Kabinett präsentieren ihre Lyrik-Empfehlungen]

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Regentonnenvariationen von Jan Wagner, 2014, Hanser4.)

Regentonnenvariationen.
Gedichte von Jan Wagner
(2016, Hörbuch Verlag)
Besprechung von LvG in der WAZ vom 30.03.2016:

Der Dichter spricht - sogar von Unkräutern und Moorochsen
Jan Wagner ("Regentonnenvariationen") spricht seine Lyrik laut und genüsslich

Dem alten Verlegerwitz, Echo auf einen Lyrikband zu erwarten, käme der Wartezeit auf das Geräusch gleich, das ein Herbstblatt im Grand Canyon erzeuge, hat Jan Wagner souverän das Lachen genommen. Der Mann holte 2015 den Leipziger Buchpreis und plötzlich sprach die Kulturwelt wieder auf- und angeregt über Gedichte - und zwar über Wagners originelle, kluge, fröhliche, die ihrem Schöpfer nicht mal eben beim Poetryslammen herausgerutscht waren. Ihre schlicht anmutende Raffinesse, ihre lustvolle Sinn- und Klangverschränkung offenbart sich in voller Pracht erst ausgesprochen. Jan Wagner selbst hat eine knappe Hundertschaft seines verbalen Bestariums, in dem er Unkräutern nicht weniger Raum zugesteht als Moorochsen, zur CD gemacht.

Wagner ist ein feiner Interpret seiner Miniaturen, sie zergehen ihm genüsslich auf der Zunge. Unser Rat: Nie mehr als einen Text pro Tag genießen, aber den zum Frühstück und zur Nacht. Sie werden staunen, wie das dem Alltag die Versen gibt!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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