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2.)
Redner rund
um die Uhr.
Eine Sprechsonate von Gert
Jonke (2003, Jung und Jung).
Besprechung von Zsuzsanna
Gahse in der Stuttgarter Zeitung
vom 5.9.2003:
Reformstau statt Morgentau
Jonke redet rund um die Uhr
Ist der Redner der Herr oder sein
Diener? In Gert Jonkes jüngstem Buch ist die Hauptfigur ein Redner; schon im
Titel tritt er auf, und bis zum Schluß gibt er den Ton an. Den Ton angeben, das
ist in diesem Fall wörtlich gemeint, denn der musikalisch hoch begabter Autor
nennt dieses Werk im Untertitel ausdrücklich eine Sprechsonate. Somit geht es
hier über die Sprache hinaus eindeutig um Musik. Wie sich allmählich
herausstellt, ist das Nervensystem des Redners ein Musikinstrument, und wäre da
nicht ein Gegenspieler, ein Verhinderer, könnte diese Körpermusik jeder
deutlich vernehmen.
Der Gegenspieler ist der eigene Mund. "Er hetzt mich an Stammtische, wo ich
die größten Erfolge feiere, obwohl mir dabei ekelt, und wenn ich irgendwo
einen feinsinnigen Vortrag zu halten wünsche, zwingt er mich, plötzlich über
die dringenden Reformen der Müllabfuhr zu reden statt über kleine Regenböglein
im Morgentau." Folglich sind der Mund und der Redner zwei verschiedene
Personen, sie haben unterschiedliche Absichten und Ansichten, "mein Mund
ist ein ganz primitiver, wenn auch raffinierter Behautpungsaufsteller", erzählt
der Redner seinem Zuhörer, dem Horcher, der dritten wichtigen Figur der
Sprechsonate.
Längst hatte sich der Redner vom verräterischen Mund trennen wollen. Grund:
"der Rufmord des Mundes hat mich ja völlig fast ruiniert", sagt er,
und mit solchen kauzigen Sätzen erinnert er beispielsweise an Nestroy,
an nestroysche Herren und ihre Diener, die auf Gedeih und Verderb miteinander
verbunden sind. Wunderbar linkisch und klug streiten sich die beiden abstrakten
Wesen, und wunderbar steht der Horcher neben ihnen, auch er abstrakt, zugleich
aber gut vorstellbar, wie manch eine Figur von Beckett
oder Natalie Sarraute.
Gert Jonke hat seine Sprechsonate wohl so komponiert, daß einem die eben
genannten Autoren einfallen müssen, auch Borges geistert zwischen den Zeilen,
und gewidmet ist die Sonate ausdrücklich Ernst
Jandl. Damit hat Jonke seinen Redner in eine sympathische und zu ihm
passende Gesellschaft gestellt. Dabei zitiert oder wiederholt er die herbeigewünschten
Schriftsteller keineswegs, er erinnert an sie.
Jonkes Herr und Diener haben viele Fehden auszutragen, beispielsweise will der
Mund einmal bei der Nahrungsaufnahme für den "Durchzugsverkehr" einen
Zoll verlangen, in einem Gasthaus spuckt er "das Achtel eines Leberknödels"
dem Ober ins Gesicht, und als der Redner endlich einmal seine wirklich nicht
alltägliche Geliebte trifft, beißt sich der Mund an ihrem Mund fest, anstatt
sie zu küssen, sodaß die Geliebte verständlicherweise für immer davonrennt.....Fortsetzung
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.stuttgarter-zeitung.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0903 LYRIKwelt © Stuttgarter Zeitung
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2.)
Redner rund
um die Uhr.
Eine Sprechsonate von Gert
Jonke (2003, Jung und Jung).
Besprechung von Clemens
Berger, 2003:
Ein Dichter von Gegenwelten
"Das ist doch schon gleich was ganz
anderes." So lautet der letzte Satz in Gert Jonkes Novelle Geblendeter
Augenblick. Anton Weberns Tod. Der Bombardierung Wiens zu entgehen, war der
Komponist, vier Monate nach Ende des Zweiten Weltkrieges, nach Salzburg
geflohen. Dort wurde er, der zum Schutz der Enkelkinder seine Zigarren vor dem
Haus rauchte, von einem Koch der US-Army erschossen. Raymond Bell war betrunken,
fühlte sich vom Aufflackern des Streichholzes bedroht, schoß, tötete, kehrte
in die Vereinigten Staaten zurück und starb zehn Jahre nach Webern. Ohne auch
nur geahnt zu haben, wen er da ermordet hatte. Jonke aber erzählt beiden ex
post ihre Geschichten. Und als es soweit ist, daß Raymond schießen sollte,
redet er ihm zu, eindringlich, mit der leisen Stimme der Vernunft, nicht zu
schießen. Und er bittet den Komponisten mit der Zigarre ins Haus zurück: Er
soll seinen Enkeln Rauchkringel in die Luft blasen, auf daß sie staunen.
In dieser dichten Figur blitzen Grundmomente im Werk von Gert Jonke auf. Die
Sensibilität dessen, der die Verstümmelung unserer Augen, Ohren, Nasen und
Zungen weder verwinden kann noch mag, pocht auf eine andere Geschichte. Denn der
da erschossen wurde, steht in der Tradition Schönbergs und der Zwölftonmusik,
die Jonke wie Adorno
als die große Revolution in der Musikgeschichte versteht. In der souveränen
Verfügung über das tradierte Material macht Adorno
die Autonomie des radikalen Kunstwerks fest. Und der da schoß, der Soldat,
kennt das alles nicht und soll auch nichts anderes kennen als Marschmusik und
die jeweils aktuellen Hits. In Jonkes Kunst aber darf alles anders sein. Und
dieses anders heißt stets: richtig, oder: das Angebot einer möglichen
Richtigkeit. Er fordert innezuhalten, durchzuatmen, zu sein, und das dergestalt
Wahrgenommene selbst zusammenzusetzen, um sich einen eigenen Reim zu machen. Das
Staunen der Enkel ist Jonkes eigenes Programm. Seine bescheidene Macht sei es,
sagte er kürzlich, das Publikum vor seiner Kunst zum Staunen zu bringen.
Gert Jonke ist ein Dichter von Gegenwelten. In ihnen schwingt eine mehr erfahr-
als beschreibbare Ahnung von Freiheit und Leichtigkeit. Der sinnliche Mensch
wird entfaltet. Er ist nicht reduziert auf jene eingeschliffenen, von der
Kulturindustrie, deren Äther wir nicht entrinnen sollen, produzierten
Wahrnehmungsweisen. Eine Rückeroberung von verschütteten Empfindungs- und
Erfahrungsmöglichkeiten wird in diesen Welten unternommen. Der Natur wird
zurückgegeben, was ihr vom Verwertbarkeitsdogma der "instrumentellen
Vernunft" (Horkheimer) angetan wurde. Steine singen, und Berge wehren sich
aufeinmal, die immer gleichen Rufe von Bergsteigern, Hallo! oder Echo!, einfach
so zurückzuwerfen. Sie schreien selbst zurück: Anderes. Die linke Kritik der
70er Jahre schalt Jonke gern einen unpolitischen Schriftsteller. Ihr Irrtum, und
der einer auf den offenkundigen politischen Ertrag abstellenden
Literaturverkürzung, ist heute offensichtlich. Gerade die radikalen Gegen- und
Anderswelten verweisen auf die Welt, wie sie ist, und läßt sie in einem
unheimlicheren Licht erscheinen, als je der Holzhammer es könnte. In Jonkes
labyrinthischen Sätzen, wie Partituren lesbar, die von mal zu mal anders
klingen können, im Irrwitz, Grotesken und allzuoft einfach Wunderschönen
steckt jener Stachel, der jede Herrschaft in Frage stellt.
Redner rund um die Uhr ist ein durchgehender Monolog, der einen Scheindialog mit
dem Leser oder der Leserin unterhält, um barsch zu enden: "Sie halten
sofort Ihren Mund!/ Und zwar sehr wohl ‚gefälligst'!/ Denn alles andere wäre
ja noch schöner!" Bis dahin aber konnte man, natürlich, nichts sagen,
höchstens nicken, lachen oder den Mund verziehen - den man am Schluß halten
soll, weil es sein könnte, daß der Mund des Redners sich über den eigenen
gestülpt hat. Der Text entzieht sich jeder schlüssigen Interpretation. In ihm
spiegelt sich die Brüchigkeit der Welt wider. Nur aus ihm heraus wird klar,
daß Zartheit und Rohheit durchaus fließend ineinander übergehen können. Da
ist ein Ich, das unentwegt einspricht auf den Leser und der Leserin seine
Geschichte aufdrängt: die Geschichte seines Mundes. Der spricht stets das
Gegenteil von dem, was das Ich eigentlich sagen wollte, macht ihm das Leben
schwer, wenn er, der Mund, etwa in Bierzelten brüllt. So aber spricht der Mund
erst nach einer psychiatrischen Behandlung. Kein gutes Zeichen für eine Welt,
in die zu schicken und fügen die traditionelle Behandlung will. Die
inkriminierte Bierzeltrede klagt die Herrschaft über die Natur an und endet
jäh am rassistischen Gleis. Auch vor den anderen Partien des Texte wird jede
Eindeutigkeit zuschanden.
Ein dichtes Wortgemälde eher: Bilder von zarter Schönheit - über eine
nichtgelebte, aber unbedingt nachzuholende Kindheit, über das Verwachsen in
halluzinierter Liebe - stehen neben Gemeinheiten. Einer ist verletzlich und
macht sich zum Brüller. Oder wird dazu gemacht: so gewiß ist das nicht. Und
all das inszeniert als eine Mischung aus Selbstanklage und Narzißmus.
"Verwischung" heißt das im Text. In dieser Widersprüchlichkeit
findet sich unsere Zeit. Da ist die Unterdrückung durchs Wort, daß die andern
nicht sprechen läßt und deren Beschränktheiten weidlich ausnützt. Es stellt
Bohnenstangen entlang der Straßenbahnlinien auf. Trotzdem oder deswegen wird
angehalten und eingestiegen. Und da ist die Rebellion: Sie entspringt dem
In-sich-hineinhorchen. "Das alles bis jetzt durchzustehen habe ich nur die
Kraft aufbringen können, indem ich mich immer wieder auf jenes glitzernde
innere Schimmern besinne, das sich in mir versteckt und das ich eher hören als
sehen kann, wenn ich manchmal kopfabwärts schräg in mich einwärts blicke und
aus mir heraus dieses blinzelnde Schimmern vernehme, das ganz stark mit mir zu
tun hat." Das, "eine Art von Glitzern, Blinzeln oder auch Schimmern
von sehr sehr vielen sehr sehr kleinen beinah unzähligen aus mir heraus
blinkenden Taschenlampenbirnen" ist, was sich nicht unter die fertigen
Schubladenbegriffe subsumieren läßt. Es ist das Eigene, Irreduzible, das
Besondere, das, einmal erkannt, im Widerspruch steht zu den herkömmlichen
Identitätszuschreibungen.
Nicht davonlaufen von sich, wenn man einmal getroffen hat, was das Eigene sein
könnte, und daraus eine Welt erschaffen, in die andere gerne eintreten: dafür
kann man Gert Jonke nur dankbar sein. Staunend und lächelnd.
Leseprobe I Buchbestellung 1003 LYRIKwelt © Clemens Berger