Recyclinggedichte.
Gedichte von Samuel
Kiefer (2001, Kiefermedia).
Besprechung von Annette
Gonserowski für für die Rezensionen-Welt,
06/2003:
Es ist schon ein eigenartiges Gefühl, wenn man ein Buch zur Rezension in die Hand gelegt bekommt. Neugier vor dem Aufblättern. Dieses Mal Recyclinggedichte von Samuel Kiefer, erschienen 2001 bei Kiefermedia GmbH. Schon im ersten Gedicht wird das Verständnis des Autors deutlich gemacht, was er unter Recyclinggedichte versteht:
Recyclinggedichte
Worte zum Wieder
verwerten Weiter
verarbeiten und Zurück
gewinnen von Rohstoffen
jederzeit logisch abbaubar
die Rückstände sind so gut
wie unbedenklich
Nun lese ich mal einfach los, lasse mich
überraschen, bin gespannt, ob die Gedichte tatsächlich ohne Rückstände in
meinen Gedanken bleiben. Lese weiter, obwohl der Autor wenige Gedichte weiter
schreibt: Mein Gedicht/
braucht keine Kritiker/ zum besseren Verständnis...
Schon nach dem Lesen weniger Gedichte wirft eines Anker in meinem Kopf:
Montag morgen
erst einmal
die Gedichte abstauben
die über dieses Sommerwochenende
unter dem offenen Fenster lagen
und dann
die Gedanken aufräumen
die dabei
unter den Tisch gefallen sind
Staubig sind Samuel Kiefers Gedichte wahrlich
nicht. Ganz im Gegenteil: locker, flockig, immer die richtigen Worte findend,
schreibt er mit leichter Feder, sein Dichten nicht allzu schwer nehmend, ohne
dass er "schwere"; Themen auslässt. Er schreibt mit einem
Augenzwinkern. Die Gedichte sind erfrischend, wie der Wind, der in seinem
Gedicht "Unverschämt", die
Blätter von dem Tisch weht:
da hat doch tatsächlich
der Wind
einen Stapel Gedichte
vom Tisch geweht
als ob sie für ihn
gar kein Gewicht hätten.
Von Seite zur Seite wird mir das Buch lieber. Es macht fröhlich. Es ist ohne Pathos geschrieben, ohne jemals oberflächlich zu sein. Gerade die verknappte Form der Gedichte besticht. Wenige Worte, die Situationen und Gefühle treffend beschreiben, meisterhaft auf den Punkt gebracht.
Es ist Können, in diesen wenigen Worten ein Gefühl so umfassend zu vermitteln, wie zum Beispiel in
Corinne
mein Herz
ist leicht
seit es
dich trägt.
Oder in:
Für unterwegs
warte noch
hier hast du
mein Herz
behalte das
für dich
Ich könnte hier nun Gedicht an Gedicht reihen und wüsste nicht, welches mir lieber wäre. Worte voller Leichtigkeit und Tiefe, niemals "nur so" geschrieben. Jedes Wort bedeutungsvoll, oft doppeldeutig. Er zieht den Leser mit wenigen Worten mitten in das Geschehen, macht sensibel für Gefühle, Schönheit, Gefährdung und Missstand.
Samuel Kiefer ist ein guter Beobachter, verschließt seine Augen nicht, scheut sich nicht das auszusprechen, was ihm am Herzen liegt.
Smog
die Sonne
bringt nichts mehr
aber wir
machen das schon
wer redet denn
von morgen
wer redet denn
morgen noch davon.
Gerade seine leisen Töne sind es, die
sensibilisieren und so nehme ich ihn gern beim Wort, wie er im Gedicht Sage und
schreibe auffordert. Seine Gedichte sind offen und ehrlich. Dies gilt auch
für seine erotischen Gedichte, die
innige Bilder malen.
Samuel Kiefers Gedichte haben mich berührt, hinterlassen sehr wohl
Rückstände. Diesem Buch wünsche ich sehr
viele Leser.
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