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really ground zero.
11.september und folgendes.
Aufzeichnungen von Kathrin
Röggla (2002, S. Fischer TB).
Besprechung von Christian Thomas in der Frankfurter Rundschau, 21.2.2002:
Mit
dem Zweifel sieht man besser
Die Wahrnehmung unter Beobachtung stellen:
Kathrin Rögglas "really ground zero. 11. september und folgendes"
Angesichts von Manhattan wird die Wahrnehmung, wenn sie aus der guten alten europäischen Stadt eingeführt wird, immer schon in einen Ausnahmezustand versetzt. Die Erzählung, wenn sie nicht von Vorurteilen zehrt, gerät nicht nur ins Grübeln, sie verspürt ein Unbehagen im Zeichen der Megalopolis. Eine leise Panik grundiert jede Reflexion. Und die Ironie, mit der die Verunsicherung überspielt werden soll, wird zum sichersten Beweis für eine Beklemmung, die der Europäer mitgebracht hat, in diese einzigartige Stadt, unbemerkt von den grimmigen Grenzern, die den Zugang gewähren in eine immerfort neue Welt.
Ist der Stadtforscher dann drei, vier Stunden später - denn wohin sonst soll der erste Abenteuer führen - mit dem Times Square konfrontiert, sieht er sich, nach wenigen Minuten nur, am Nullpunkt der Aufnahmefähigkeit. Schnurstracks ergänzt: auf dem really ground zero der Kulturkritik. Der Anblick sehnt sich nach Komplexreduzierung - wie auch gar nicht anders als beim Blick von der Aussichtsplattform des Empire State Building (dafür haben wir schließlich bezahlt). Aus der touristischen Perspektive handelt es sich um eine lustvolle Tätigkeit. Für den Scout des Urbanen wird die atemberaubende Ansicht jedoch zu einer echten Mutprobe. Man könnte das Bild, das sich, hoch droben über der Stadt, ergibt, auch als Endlosschleife betrachten.
Die Metropole als Medium einer totalen Mobilmachung der Wahrnehmung. Und Manhattan als deren weltweite Kapitale. Um so spannender erscheint deshalb ein Bericht Kathrin Rögglas, einer Schriftstellerin, deren Autoren-Ich sich immer schon selbst gleichsam über die Schulter geschaut hat, wie auch jetzt wieder: "einen tower haben wir hier eben brennen und einstürzen sehen, ca. einen kilometer entfernt von unserem platz an der ecke houston / wooster street mit ziemlich guter perspektive auf das, was man euphemistisch ,geschehen' nennen könnte und was doch weitaus zu groß zu sein scheint, um es zu integrieren zu können in eine vorhandene erlebnisstruktur."
Kathrin Röggla, aufgrund eines Stipendiums hält sie sich in der Stadt auf, hat die Ereignisse des 11. September und die Folgen in zweiundzwanzig Kapiteln geschildert und reflektiert, die ersten Reaktionen, die sich an historische Vergleiche halten, an "Pearl Harbor" als Metapher klammern, wie um sich zu vergewissern im bereits bekannten Schrecken. Rasch folgen die ersten Solidaritätsbekundungen in den Straßen Manhattans, die Autorin sieht die TV-Bilder von den Pressekonferenzen Bushs und Rumsfelds, sie beteiligt sich an den ersten Demonstrationen gegen den Krieg. Ihr Bericht really ground zero ist jedoch alles andere als ein Tagebuch, denn nicht unter dem Diktat der Aktualität sind die Miniaturen entstanden, sondern weisen über den Reflexionsgehalt, den die Bilanz zum Tage üblicherweise mit sich bringt, hinaus. Mit einigen Szenen, vor allem dann, wenn sie von Vorurteilen absehen, sind Denkbilder entstanden. Sie führen dem Leser die Erkenntnis vor Augen: In der ersten Reihe sitzt man angesichts eines epochalen Ereignisses nicht besser. Sie legen nahe: Nur mit dem Zweifel sieht man besser. Er gilt dem "medienamerika", er richtet sich gegen das "geheimamerika" (der Militärs). Was der Bericht aber vor allem in Augenschein nimmt, ist der "haufen authentizität".
Dazu gehört auch eine so ungeheure Erfahrung wie "das geräusch des ascheregens, dieses pfeifen", wie es heißt, doch statt es zu beschreiben, hat die Autorin dafür ein passendes Bild parat, ein medienkritisches einmal mehr: "das geräusch des ascheregens, dieses pfeifen, kommt in kleinformat noch mal in mein nächtliches zimmer." Die leise Panik, anders als sonst in der Prosa Kathrin Rögglas, scheint angesichts der von der Protokollantin festgehaltenen Hysterie, auf den Straßen, auf den TV-Kanälen, wie weg gesperrt aus den Sätzen. Das ergibt ein gewiss unaufgeregtes Schildern von Szenen. Und dazu zählen solche Handlungen des Alltags, zu deren Ironie es gehört, dass sie der symbolischen Bedeutung Rechnung tragen müssen, darunter der Kauf von Sauerstoffmasken ebenso wie das betriebsame Flagge zeigen.
Über jede alltägliche Regung scheint die Bürde der Beobachtung verhängt. Röggla sieht ihn in einem anderen Zusammenhang, als politische Strategie - aber erklärt die Bürde des Handelns nicht auch den "jingoism"? Von dieser "vermischung von politischem und religiösen sprechen" fühlt sich die Autorin bestürmt. Den TV-Bildern und -Stimmen, die der Minidiscrecorder aufnimmt, fühlt sie sich vogelfrei ausgesetzt - ein Gedanke, den wir bereits aus Rögglas Roman Abrauschen kennen. Mit really ground zero wird deutlich: Die Entrechtung des Zweifels ist ein Anliegen der Authentizitätswahns.
Wie den Endlosschleifen der sinnentleerten Bildern begegnen? Die Großstadtprosa der 1971 in Salzburg geborenen Kathrin Röggla war bisher von einer hybriden Geistesgegenwart. Sie setzte die konventionelle Wahrnehmung einem Crossover aus Alltagsstimmen und Lyrismen aus. Phrase und Poesie, Wortspiel und irrwitzige Metaphern brachten die Anschaung der Realität aus der Balance. Hier nun, kein Sprechen in Bildern - vielmehr ein Misstrauen, das bereits die Buchdeckel dokumentieren. Darauf zwei Fotos, beinahe aus derselben Perspektive. Einmal brennt das World Trade Center, auf dem zweiten: keine Türme mehr. Der weiße Lieferwagen, auf dem hinteren Buchdeckel nur unwesentlich in den Vordergrund herangerückt, suggeriert keine Nachzeitigkeit, sondern eine beunruhigende Gleichzeitigkeit.
Bereits angesichts der Buchdeckel ereilt den Leser eine erste Irritation. Fotos, heißt es in Rögglas Roman Irres Wetter, "seien auch fiktion". Alles, heißt es in really ground zero, "bekommt den irrealis aufgesetzt". Warum also keine durchaus weiter reichende Attacke auf das schlichte Schildern, auch hier, wo die erkenntniskritische Perspektive häufig aufgerufen wird, auch mit Namen dann, die wie Leuchttürme im Rögglatext auftauchen, darunter Thomas Pynchon und David Lynch. Am Siedepunkt des Authentischen hält sich die Wahrnehmungspartisanin Röggla an konventionelle Sätze, gegen die nur einzelne Wörter aufbegehren, verrückte Wortkombinationen, darunter das "schweigegerangel", das sich hurtig um Bush schart.
Den Präsidenten sah die Welt immer wieder auf dem Bildschirm, und was die Welt immer wieder auf dem Bildschirm sah, war auch, einmal mehr: Weltgeschichte ist Großstadtgeschichte. Was die Welt vor dem Bildschirm sah, war eine Metropole als das Medium einer totalen Mobilmachung. Aber das war New York nicht erst seit dem 11. September. Zu dessen Folgen gehörte, dass die amerikanische Politik geneigt war, eine apokalyptische Bedrohung an die Wand zu malen. Dagegen verzeichnet dieser spröde Text - zwischen den Zeilen - nicht zuletzt eine Vertreibung. Es ist eine aus dem Medienparadies des amerikanischen Armageddon.
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