|
|
1.) - 2.)
Ravel.
Roman von Jean
Echenoz (2007, Berlin
Verlag - Übertragung Hinrich Schmidt-Henkel).
Besprechung von Steffen Richter aus der
NRZ vom
16.03.2007:
Ein Buch im Rhythmus des Boleros
Der Franzose Jean Echenoz erzählt
fabelhaft vom Leben des Komponisten Maurice Ravel.
Ganz leise, kaum hörbar setzt die Melodie ein. Mit jeder Wiederholung der immergleichen Takte steigt die Lautstärke. Am Ende gibt es für das Orchester kein Halten. Maurice Ravel hat das Stück, das ihm Weltruhm bescherte, stets misstrauisch beäugt. Gewiss, der "Bolero" sei sein Meisterwerk, "schade nur, dass er überhaupt keine Musik enthält." Diese Gelegenheitsarbeit - hingeschrieben in nur einem Monat für die Tänzerin Ida Rubinstein - steht im Mittelpunkt von Jean Echenoz biographischem Roman. Er leuchtet die letzten zehn Lebensjahre seines Landsmannes Ravel aus.
Der Komponist steigt aus der Badewanne
Wir sehen den bereits berühmten 52-jährigen Ravel, wie er an einem Tag des Jahres 1927 fluchend seiner Badewanne entsteigt und sich zu einer viermonatigen Amerika-Tournee rüstet. Ravel, der kleinwüchsige Pariser Salonlöwe, der ohne seine Lackschuhe zu keinem Auftritt zu bewegen ist, steht inmitten einer rauschenden Moderne: Er reist im Automobil, auf einem Ozeanriesen und mit der Eisenbahn. Die andere Seite dieser modernen Halt- und Rastlosigkeit dürfte die Langeweile sein, die ihn immer wieder befällt. Nach dem Erfolg des "Bolero" 1928 scheint er unantastbar. Ein paar Jahre später wird es ruhig um ihn. Ravel leidet an einer Gehirnerkrankung, sein Körper gehorcht ihm nicht mehr, das Gedächtnis setzt aus. Im Dezember 1937 wird ihm von einem berühmten Chirurgen der Schädel geöffnet. Wenige Tage darauf stirbt er.
Selbst wenn Echenoz Bücher nur vom Wetter handeln würden - allein ihr Ton, seit Jahren von Hinrich Schmidt-Henkel in funkelndes Deutsch gebracht, wäre die Lektüre wert. Der Erzähler operiert gelassen aus der Höh, niemals aber besserwisserisch. Er spricht den Leser an, klopft ihm aber nicht auf die Schulter. Er begegnet seinem Personal mit höflicher Distanz und ist ihm doch fast zärtlich zugetan. Das Ravel-Büchlein schmiegt sich zudem ganz virtuos der Musik an. Es beginnt ganz langsam, nimmt Fahrt auf und gerät am Ende in einen wahren Geschwindigkeitsrausch - ganz wie der "Bolero".
Dass Ravels Meisterwerk "keine Musik" enthalte, mag man bezweifeln. Echenoz Roman jedenfalls steckt von der ersten bis zur letzten Zeile voller feinster Literatur. (NRZ)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0307 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung
***
2.)
Ravel.
Roman von Jean
Echenoz (2007, Berlin
Verlag - Übertragung Hinrich Schmidt-Henkel).
Besprechung von Steffen Richter aus der Frankfurter Rundschau, 28.3.2007:
Ganz leise, kaum hörbar setzt die Melodie ein.
Mit jeder Wiederholung der immergleichen Takte steigt die Lautstärke, neue
Instrumente kommen hinzu. Am Ende, beim explosiven Finale, scheint es für das
Orchester kein Halten zu geben. Maurice Ravel hat das Stück, das ihm Weltruhm
bescherte, stets misstrauisch beäugt. Gewiss, der Boléro sei sein
Meisterwerk, "schade nur, dass er überhaupt keine Musik enthält".
Diese Gelegenheitsarbeit - hingeschrieben in nur einem Monat für die Tänzerin
Ida Rubinstein, "es soll ja bloß vertanzt werden" - steht im
Mittelpunkt von Jean Echenoz' kleinem biographischen Roman, der die letzten zehn
Lebensjahre seines Landsmannes Ravel ausleuchtet.
Die Quellen zu Ravels Vita sprudeln nicht eben heftig. Bekannt sind seine
Auftritte als Pariser Dandy, der stets größten Wert auf eine exaltierte
Garderobe legte. Ohne Lackschuhe war Ravel zu Auftritten nicht zu bewegen, ohne
seine Gauloise ging er nicht aus dem Haus. Bekannt ist auch, dass der junge Mann
fünfmal beim Wettbewerb um den renommierten Prix de Rome durchfiel, dass die
Kompositionskünste des Perfektionisten oft seine Fähigkeiten als Pianist überforderten
und es mit seiner Arbeitsmotivation oft nicht zum Besten bestellt war.
Klangvermehrung
Bei Echenoz sehen wir den bereits berühmten 52-jährigen
Ravel, wie er an einem der letzten Tage des Jahres 1927 fluchend seiner
Badewanne entsteigt und sich zu einer viermonatigen Amerika-Tournee rüstet.
Ravel steht inmitten einer rauschenden Moderne - in all ihren Facetten: Gerade
ist der erste Tonfilm abgedreht, die Voraussetzungen des Fernsehens sind
erfunden, Sacco und Vanzetti wurden auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.
Ravel reist im Automobil, auf einem Ozeanriesen und mit der Eisenbahn. Die
andere Seite dieser modernen Halt- und Rastlosigkeit dürfte die Langeweile
sein, die Ravel, zurück in der Heimat, befällt - bis ihn der
Kompositionsauftrag für Ida Rubinstein erlöst.
Nach dem Erfolg des Boléro scheint er unantastbar. In Oxford wird ihm
ein Doctor honoris causa verliehen, für Ludwig Wittgensteins Bruder Paul
schreibt er das "Klavierkonzert für die linke Hand" und beschimpft
seinen Auftraggeber ("Interpreten sind Sklaven!"), weil der - um die
eigene Virtuosität zu demonstrieren - das Werk mit Verzierungen aufhübscht.
1932 hat Ravel in Paris einen Autounfall. Danach wird es ruhig um ihn. Er leidet
an einer Gehirnerkrankung, sein Körper gehorcht ihm nicht mehr, das Gedächtnis
setzt aus. Im Dezember 1937 wird ihm von einem bekannten Chirurgen der Schädel
geöffnet. Wenige Tage darauf stirbt er.
Es ist nicht das erste Mal, dass Echenoz mit seiner Literatur der Musik zuleibe
rückt. In Am Piano war es der Konzertpianist Max Delmarc, den er durch
Fegefeuer, Himmel und Hölle scheuchte. Schon dort konnte man bewundern, was
diese Bücher so unwiderstehlich macht: ihren Ton. Die Erzähler des Jean
Echenoz sind gelassene Zeitgenossen. Meist operieren sie aus einer gewissen Höhe,
niemals aber besserwisserisch. Sie sprechen den Leser an, klopfen ihm aber nicht
auf die Schulter. Sie begegnen ihren Figuren mit höflicher Distanz und sind
ihnen doch fast zärtlich zugetan.
Vergessen sollte man freilich nie, dass es Hinrich Schmidt-Henkel ist, der
diesen phantastisch leichten Echenoz-Ton seit Jahren in funkelndes Deutsch
bringt und mit Ravel zu Recht für den Preis der Leipziger Buchmesse in
der Kategorie Übersetzung nominiert war. Selbst wenn Echenoz' Bücher nur vom
Wetter handelten - allein ihr Ton wäre die Lektüre wert. Für Ravel aber
scheint sich der Meister einen besonderen Clou ausgedacht zu haben.
Echenoz kommt literarisch vom Experimentellen her. Seine Bücher erscheinen in
den Éditions de Minuit, dem ehemaligen Stammhaus des Nouveau Roman. Alain
Robbe-Grillet hat Echenoz einst als würdigen Fortschreiber des
avantgardistischen Projekts bezeichnet. Das bedeutet nicht, dass er zu
selbstreferentiellen Spielchen unter Ausschluss der Wirklichkeit neigte. Im
Gegenteil, seine Romane sind ausgesprochen leserfreundlich und sogar populär -
wie der Prix Goncourt für Ich gehe jetzt (1999) bezeugt. Aber es
bedeutet, dass Echenoz über ein gesteigertes Bewusstsein von literarischer Form
verfügt. Sein Ravel-Büchlein, könnte man sagen, schmiegt sich der Musik des
Helden regelrecht an.
Nun kann ein Text schwerlich laut oder leise sein. Leitmotive - wie Ravels
Schlaflosigkeit, die Echenoz entsprechend inszeniert - besitzt er durchaus. Und
er hat einen Rhythmus und verschiedene Geschwindigkeiten, die sich leicht
bestimmen lassen: als Verhältnis zwischen jener Zeit, die in der Geschichte
vergeht und dem erforderlichen Platzaufwand in Seiten und Zeilen.
Ravel beginnt ganz langsam, als Stillleben mit Komponist beim Bade. Ewige
Seiten dauert es, ehe der Mann aus der Wanne ist und im Auto sitzt, um seine
Reise anzutreten. Die nur einwöchige Atlantiküberquerung beansprucht mehr als
ein Viertel des Buches. Man erfährt, dass einer der vier Schornsteine des
Dampfers "France" nur dekorativ ist und Ravel sechzig Hemden, zwanzig
Paar Schuhe, fünfundsiebzig Krawatten und fünfundzwanzig Pyjamas mit sich führt.
Langweilig ist das nie - es ist nur quälend langsam erzählt. In Amerika kommt
die Geschichte in Schwung, Ravel hetzt zu Konzerten und Empfängen. Daheim in
Montfort-l'Amaury folgt eine retardierende Phase, in der er den Boléro
komponiert. Sobald aber die Krankheit einsetzt, gerät das Erzählen in einen
Sog, der sich auf den letzten Seiten zum Geschwindigkeitsrausch steigert. Ravel
trifft die Surrealisten, macht eine Plattenaufnahme, muss ins Sanatorium, reist
wiederholt in die baskische Heimat seiner Mutter, dann nach Tanger, nach
Marrakesch… Immer mehr vollzieht sich sein Leben in der Wiederholung:
"jeden Tag zu Fuß in den Wald von Rambouillet" - "jeden Tag um fünf
Uhr nachmittags empfängt er Jacques Zogheb" - "jeden Tag dasselbe
Gespräch". Dann, ehe man es sich versieht, ist Ravel tot. Echenoz aber,
der diese Tragik diskret und voller Anteilnahme begleitet, hat der Literatur
eine Art Boléro geschenkt: "eine Sache, die sich selbst zerstört
… ein Selbstmord mittels reiner Klangvermehrung."
Dass Ravels Meisterwerk "keine Musik" enthält, mag man bezweifeln.
Wie der Einsatz der Instrumente aufeinander abgestimmt ist, wie Ravel neue
Klangfarben generiert und bis zum Schluss die Spannung hält - all das ist äußerst
subtil. Nicht weniger subtil aber ist Echenoz' Roman - von der ersten bis zur
letzten Zeile feinste Literatur und fraglos ein Meisterwerk.
[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 0407 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Frankfurter Rundschau