Rave von Rainald Goetz, Erzählung, 1999, Suhrkamp1.) - 2.)

Rave.
Erzählung von Rainald Goetz (1999/2000, Suhrkamp).
Besprechung von Thomas Liehr, Homepage tomliehr
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Goetz orientiert sich wenig an gängigen literarischen Definitionen. Sein nach wie vor bemerkenswertestes Buch - "Irre" - zeugte bereits von substantieller, aber fundierter Ignoranz, kam es in der ersten Hälfte noch als klassischer Erzählroman, um in der zweiten Hälfte ein Maß an Verwirrung zu stiften, das alleine genügt hätte, um den Titel zu rechtfertigen - wäre es nicht außerdem um psychisch Kranke gegangen.

"Rave", wie auch die anderen vier Erzählungen aus dem Zyklus "Heute morgen", setzt der literarischen Mißachtung noch einen drauf. Das Geschehen ist die Handlung, das Gespräch der Dialog, der Verlauf ist der Plot; Gegenwartsliteratur als fotographisches Dokument, als Wiedergabe ohne Kommentar, Gedanken sind, sobald gedacht, auch wert, wichtig, und also Bestandteil des Werkes.

Ein Sammelsurium von Protagonisten wird durch die Nächte und Parties gestoßen, ob in Münchener Nobeldiscos oder Großraumclubs auf Ibiza, der nicht mehr ganz junge Goetz mittendrin, im Hintergrund sein leicht infantiles, drogengeschwängertes Gedankengut, die mittelbare und unmittelbare Reflexion, reduziert wiedergegebenen in fragmentarischen Zwei-, Dreiwortesätzen, gemixt mit essayistischen Betrachtungen etwa zur "Kunst des Auflegens" und darüber, wie blöd es ist, auf Drogen zu verzichten. "Rave" liest sich wie ein Tagebuch, eine Notizensammlung, verzichtet dabei weitgehend auf Spannung und Handlungsabfolgen, Nonkonformismus pur, fast um jeden Preis.

Na ja. Ist das Literatur? Natürlich, ich halte es ja in Buchform in den Händen. Ist es wichtig, ist es ein Dokument, lerne, erfahre ich etwas?
Nein. Letztlich bestätigt "Rave" nur alle Klischees, verfährt wie die geschmähten RTL2-Reporter, fokussiert auf Drogen, DJ-Kultur (scheitert übrigens hier an einer Definition) und oberflächliches Gehabe, skizziert seine Figuren nur ansatzweise, bleibt ohne Essenz und Botschaft. Davon abgesehen bewegt sich das Buch in einem operativen Umfeld, das nicht den eigentlichen Kern der Rave-Gemeinde trifft, sondern die schicken Glanzlichttänzer, die zugekoksten Edelmünchener, und die interessieren ja nun wirklich niemanden.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.tomliehr.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0902 LYRIKwelt © Tom Liehr

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2.)

Rave von Rainald Goetz, Erzählung, 1999, SuhrkampRave.
Erzählung von Rainald Goetz (1999/2000, Suhrkamp).

Besprechung von Stephan Maus auf der Homepage stephanmaus (
junge welt, 12.05.1998):

geil geil geil geil: Suhrkamp goest Party!
Rainald Goetz´ Erzählung Rave

Westbam, Väth, Woody, Hell, Clé. Rainald Goetz. In der Szene herrscht Job-Sharing: „You play the music - I write the book.” Gesagt, geschrieben. „Dieses kleine, schnelle, böse Ding. Über uns. Über das Nachtleben und alles.“ Klein und schnell ist´s schon, besonders böse allerdings nicht.

Goetz hat seine Erzählung „Rave“ in drei Teile gegliedert. Der erste trägt den Titel „Der Verfall“ und ist der Club-Mix: Schnipsel - meinetwegen auch Cuts - aus dem Nachtleben, Gesprächsfetzen, Tanzeindrücke, Bewegungsprotokolle einer Clique, die mit dem morbiden Charme der Dekadenz auftritt: einer geht auf´s Klo, der andere ist schon ziemlich dicht, ja fast sogar schon sternhagelvoll, der Dritte küßt den ersten auf eine schweißnasse Stirn. Die Dialoge sind hier von einer stupenden Leere, einer hypnotischen Banalität, einem ulkigen Minimalismus, was bei 150 Dezibel pro Ohrläppchen nicht verwundert: „`Hey!` `Wie?` `Gut.`“ Beschwörungsformeln, die einzig bedeuten: „We are one family!“ bzw. „Keep on jammin´!” Viele Fragmente verebben in einem „usw usw“, denn es hat keinen Sinn, man hört nichts, man ist breit, und tanzen ist eh viel geiler. Erst denkt der Leser, Scheiße, in mein Assemblerprogramm is´ wohl Duschwasser getropft, warum soll ich den Kram hier lesen, da geh ich doch lieber gleich auf ´ne Party. Aber man gewöhnt sich dran. Besonders wild tobt allerdings der Szenedialekt, das voll krasse, brutal geile, ultimative Ultrabrett, die Prämium-Kiste, die echt absolut coole Textmaschine, das definitiv reale Prosabrett, Alter. Well, muß aber wahrscheinlich aus mimetischen Gründen so sein.

Der Ich-Erzähler, den gute Freunde Rainald rufen, sieht Achselhaare, ißt eine Viertel Pille, steht bebend im erotischen Spannungsfeld tanzender Frauen und spürt seinen Körper: im Kopf rauschen die Drogen, das Bauchfell vibriert im Takt der Baßschläge, und unter dem Gürteläquator herrscht ein besonders interessantes Klima. Vor dem Mysterium Frau steht Goetz mit relativ offenem Mund; - aber wer tut das nicht? „Die Frau. Unglaublich. Das war mir gar nicht so klar gewesen bisher. Das Frauen-Ding. Was das überhaupt für ein tolles Ding ist. Mir war das neu. Ich kannte das nicht.“ Ja, „Frau“ is´ schon geil. Man sollte das Phänomen bei der UNESCO registrieren lassen. Als Weltkulturerbe.

Prinzip Montage, Collage und Cut-up also für den Rausch, die Auflösung, aber auch für den Verfall der Party-People. Kinners, wir sind ja schon ganz schön kaputt. Aber auch weise. Haben halt gelebt. Wir kennen die Wirkung der Drogen. Bacchus duzen wir, in unseren besten Stunden dürfen wir ihn sogar Dionysos nennen. Dann allerdings passieren uns Sachen wie diese hier: „Ich glaube nämlich, daß Prousts Bild von der Liebe, bei aller Verehrung, bei aller feinstziselierten Ausarbeitung, eigentlich so stumpf ist wie das Weltbild einer Elle- oder Brigitte-young-miss-Redakteurin, tut mir leid.“ Rainald, die Musik ist aus! Wir können solche Sätze jetzt hören! Wollen wir aber nicht, tut mir leid, bei aller feinstziselierten Verehrung! Um eine „Proustverbesserung“ zu schreiben, mußt Du ein wenig früher aufstehen, also eventuell vielleicht auch ein wenig früher zu Bett gehen, te coucher de bonne heure sozusagen, compris?

Am Ende des ersten Teils gibt es einen Ausflug in die Ästhetik, und man lernt viel über die Kunst des DJing. Soundcheck: „Man hat die Multidimensionalität der im Publikum augenblicklich wirkenden Reaktionsregeln offenbar doch falsch eingeschätzt.“ Naja, Sigi Unseld is´ halt auch auf der Party ... DJing ist „Augenblickskunst“. DJ Jeff Mills war´s, glaube ich, der sogar jede gespielte Platte über´s Knie gebrochen und einfach fallen lassen haben soll. Da kann man froh sein, daß so einer am Ende der Party nicht noch den Club sprengt. Dagegen: Wer schreibt, der bleibt. Problem: Abfahrtstechnisch gesehen reicht Literatur natürlich an ein ordentliches DJ-Set nicht ran. Frage: Wie nahe kommt man mit einem Buch an den Rausch, an den Beat, an die Musik der Nacht? Mach dich nackig, Sternschnuppe, ich muß mit Dir reden!

Teil zwei trägt den Titel „Sonne Busen Hammer“. Jedem Teil von „Rave“ geht ein Foto voraus. Auf dem zweiten Foto sind 1/30 Strand, 4/30 schäumende Wellenkämme, 1/30 ruhiges Meer und 4/5 Himmel mit aufgetürmten Wolken zu sehen: Teil zwei ist die Chill-Zone des Buches, die After-Hour zwischen den Partys, hier pumpen eher so die Mellow Beats. Man liegt im Gras, sieht schöne Mädchen, hört das Meer. Den Hammer habe ich nicht gefunden. Manchmal scheint es, als käme inmitten all der synthetischen Genüsse eine Sehnsucht nach Natürlichkeit auf. Der Satz, der „Rave“ vorangestellt ist, klingt erstaunlich nach Camping-Poesie: „Heute morgen, um 4 Uhr 11, als ich von den Wiesen zurückkam, wo ich den Tau aufgelesen habe.“ Zum Glück liefert Goetz solche Anflüge von „Hasch mich, ich bin der Frühling“ und Putzigkeiten aus Heinz Sielmanns Schatzkästlein wenigstens etwas gebrochen: „Eine Taube: ´Es soll der heißeste Tag des Jahres werden.´ ´Echt´, sagt die Mittaube und pickt und nickt. ´Ja, der Lindenblütenduft, heute superfrüh am Morgen, hat es mir gesagt.´ ´Sag bloß? So mitteilsam? Das ist ja nett.´“

In der Chill-Zone werden die Fragmente länger, weniger zerhackt, das Stroboskop ist aus, die Sonne scheint, der Ton ist vergnügt. Es gibt sehr komische Szenen in diesem ruhigeren Teil des Buches. Goetz beschreibt sehr gut einen Haufen Zugedröhnter, die inspirierten Quatsch machen, charmante Mädchen, die hervorragend Zigaretten schnorren können, und ein mimisches Talent namens Robert, das als Ägypter ebenso wie als Sexualbelästiger überzeugt. Dann muß der Erzähler kotzen und plötzlich sind wir auf Ibiza, wo es auch sehr schön ist. Es sei denn, das war vorher, diese Pillen bringen einen ganz durcheinander. Goetz streut nun ordentlich Satire ein, was er auch ganz gut kann. Hier kriegt mal einer was auf den Deckel, dort mal einer was hinter die Ohren: Gustav Seibt, Hermann Gremliza, Maxim Biller, die gesamte Lifestyle-Presse, die Medien sowieso, aber auch die Medienkritiker und der Hamburger Pudel-Club, den Goetz überhaupt nicht lustig findet. Grabenkämpfe, Augenzwinkern für die Bescheidwisser.

Der letzte Teil heißt „Die Zerstörten“ und transportiert damit gleich etwas Lost-Generation-Spirit. Der Text zerfällt wieder in kürzere Fragmente, Polaroide aus der Szene, die nacherzählte Foto-Lovestory einer Bravo-Liebe, Abschriften aus dem Raver-Notizbuch, lose gefügte Erzählung einer Drogenübergabe. Auch hier gilt: „Es gab ja keine Handlung, das war ja der Witz.“ Es wird aber u.a. die Geschichte der Clique erzählt: Wie man aus den politischen 80ern in die Neunziger geschlindert ist, in denen sich nun wirklich nur noch alles um den gepiercten Bauchnabel dreht. Menschen, die versuchten, sich die RAF zu erklären, wurden Partysans, deren Programm ein paar Nummern kleiner ist: „Mädchen kennenlernen. / Drogen nehmen. / Musik hören. / Das war doch der Plan gewesen. So hatten wir doch gewettet. Oder etwa nicht, Pascal?“ Man kippt in einen geschichtslosen Rausch: „Immer ohne damals, jeder neue Baß.“ Bzw. 200 Seiten weiter: „Es gibt kein gestern im Leben der Nacht.“ Aber irgendwann wurde die anfänglich so lässige Szene immer uncooler. Auf einmal nehmen die Boys die Girls nicht mehr nur beim Tanzen mal eben einfach so an die Hand, sondern heiraten gleich das gesamte Exemplar. Und werden älter. Ab wann ist man eigentlich Alkoholiker? Plötzlich hat der Körper die Schnauze voll, dauernd als mobiles Laboratorium um den kugelrunden Globus geschickt zu werden, auch noch sofort nach Druckausgleich in der Business-Class des Jumbo-Jets zappeln zu müssen („Camel-Air-Rave“: Ich glaub´, et hackt, Rainald!), und beschwert sich mit einem Herzinfarkt. Statt dieses ganze Koks und den Pattex wegzurüsseln, hätte man doch lieber auf den Rat eines gewissen Schmalschlegers hören sollen: „Ich sollte in den Händen der anderen Frauen schnüffeln, das wäre toll.“ Und bestimmt gesünder. Aber es kann passieren, daß die Frauen unsere Liebe einfach mal mit Ekel beantworten: „Meine Frau: die Pflegerin, der neue Chef. Ich liebe sie, sie ekelt sich vor mir. Wir haben seit vielen Jahren nicht mehr zusammen geschlafen. Sie findet mich angeblich klug. Täglich sage ich ihr, daß sie täglich schöner wird für mich.“

Herr, die Party war groß, aber groß ist auch der Kater.

Doch der Party-Desperado bewahrt die Haltung des Dandys, der schon leicht schwankend auf seinen Silberstock gestützt, immer noch würdig durch seine künstlichen Paradiese schreitet. Der Erzähler begegnet der Dekadenz mit kindlichem Trotz und einem Zitat von Westbam: „We´ll never stop living this way.“ Das hat natürlich den Pathos von „Live fast, die young“, aber egal, denn now, partypeople in the house, „geil geil geil geil geil“: Der Rezensent goes dancing!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.stephanmaus.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0403 LYRIKwelt © Stephan Maus