Raumforderung von Thomas Melle, 2007, SuhrkampRaumforderung.
Erzählungen von Thomas Melle (2007, Suhrkamp).
Besprechung von Katrin Hillgruber in der Frankfurter Rundschau, 28.3.2007:

Maligne Metaphern
Es wuchert sehr in Thomas Melles Erzählungen "Raumforderung"

Raumforderung - das bedeutet meistens eine bedrohliche Volumenzunahme durch einen Krankheitsprozess, weniger eine Kategorie der Innenarchitektur. Doch gleich im ersten Satz des Prosadebüts von Thomas Melle ertönt fanfarengleich die Synthese aus beiden Bereichen: "Ediths Wohnung hat Krebs, die Metastasen treiben Plastikblumen, Goldherzen, Blumenkränze in die Ecken und Augenwinkel". Krebs wird als Metapher für grassierenden Geschmacksverfall, als Dekorations-Overkill gebraucht oder zum Stilmittel geadelt, um als "Krebsbarock" in der sarkastischen Lebensbeichte eines fiktiven Erfolgsschriftstellers aufzutauchen, dem sich die Welt nur noch als "Gewebe und Vernetzung" und der Nationalsozialismus als "schlimmster Weltkrebs" darbieten.

Blutspur und Bundesbahn

Melle setzt diese "Wuchernde Netze" betitelte Erzählung praktisch in das Futur II, denn jener Schriftsteller, der unter einer Schirrmacher-Phobie leidet, debütierte einst mit einem Werk namens "Raumforderung". Jetzt hat ihn offenbar selbst das Leiden ereilt, das ihm so reichhaltig maligne Metaphern lieferte. Währenddessen macht ihm sein Sohn, an jugendlicher Schizophrenie erkrankt, als Autor Konkurrenz: "Die Psychosen-Geschichte nun, die meinen Sohn und mich entzweien sollte, konzipierte ich als strukturelle internetanalog. Ich betone: strukturell, als Gewebe ohne Mitte, als unkontrollierte Wucherung ohne Anfang und Ende." Der Vergleich der Gehirnstruktur mit der des virtuellen Netzes und das Ganze zu einem Text im üppigen "Krebsbarock" verarbeitet: Da lässt Gilles Deleuzes überstrapazierte Rhizom-Theorie noch einmal aufs herzlichste grüßen.

"Raumforderung" kann aber auch - wie in der Titelerzählung - die Wünsche eines überdrehten Pärchens in Berlin bezeichnen, das bei der samstäglichen Besichtigungstour fünf Zimmer mit Parkett für sich beansprucht. Im Bad der Traumwohnung drehen die beiden zum Entsetzen der Makler und Mitinteressenten durch, bis die Intensivstation winkt. Thomas Melle fiel beim letzten Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb durch seine hochtourige Metaphorik auf. In der Erzählung "Nachtschwimmen" leuchtete er das Seelenleben von Studienstiftlern aus, die sich zu einem Russisch-Intensivkurs in der Idylle des sauerländischen Brilon treffen. Latent glimmen in der Gruppe sich höchst elitär gebender junger Leute sexuelle Spannungen sowie ein unausgesprochener Ost-West-Konflikt vor sich hin. Später ereignet sich ein Mordversuch im nächtlichen Swimming Pool. Der Autor, der selbst ein Jesuiteninternat besuchte, übernimmt in perfekter Mimesis die Perspektive einer affektierten Westdeutschen, wenn er sie daherplappern lässt: "Die ästhetische Erfahrung eines Swimmingpools konnte mich schon immer begeistern."

Thomas Melle, 1975 in Bonn geboren, hat als Theaterautor angefangen. Letztes Jahr war er für seine Übertragung von William T. Vollmanns weitschweifig wüstem Roman Huren für Gloria, die zugleich seine komparatistische Magisterarbeit darstellte, für den Leipziger Buchpreis in der Kategorie Übersetzung nominiert. Ein Jahr später nun wurde er zusammen mit Ariane Breidenstein, Paul Brodowsky und Kevin Vennemann für eine Suhrkampsche Jugend-Frühjahrsoffensive rekrutiert. Emphatisch propagiert die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz, dass es in der deutschen Literatur "endlich wieder um Sprache geht und um die Sprachlosigkeit in der Sprache". Das revolutionäre Quartett der "Aufständischen, Einzelgänger, Reizfiguren" erzähle nicht nach, sondern vor - was immer das bedeuten mag.

Ähnlich unausgegoren wie diese Ankündigung liest sich leider ebenso mache Erzählung in Raumforderung. Das Niveau des Buches ist starken Schwankungen ausgesetzt. Da fallen Sätze ins Auge, die originell und einprägsam wie Songtexte der Neuen Deutschen Welle sind: "Speed in den Bahnen, innen und außen, von Geburt an: Blutspur und Bundesbahn." Mitten in das "schreckliche Gelächter über den unendlichen Masterplan" kann sich die jähe Melancholie des jungen Erwachsenenlebens mischen. Als Prosaautor verfügt der Wahl-Berliner Melle über Fähigkeiten, die sowohl einem Chamäleon als auch einem Schaufensterdekorateur zur Ehre gereichen würden. Eine große Lust an Farben und Formen, an Oberflächenstrukturen und den spezifischen "Benutzeroberflächen" der jeweiligen Protagonisten prägt seine Texte. Diese recht einsamen, Beziehungen gegenüber misstrauischen Multimedia-Fetischisten erliegen dem Rausch des Kontrollverlusts - die meisten am PC, wenige in der Wirklichkeit. Zwischendurch kommt überraschend ein Kind zur Welt. Mancher verheddert sich in einem banalen Psychoslang ("Der Ken"), andere Nachwuchsdenker erliegen den Versuchungen des Abendlandhasses im Geiste des Dr. Benn, was sich hier aber nur spätpubertär liest. Dennoch - sei es die psychedelische Schönheit einer Schimmelwucherung, die gleich zweimal beschrieben wird, oder die Zerstörung einer Beziehung via Internet: Voller Sprachlust und nervöser Zeitgenossenschaft stellt Thomas Melle ein gleißend buntes Jetzt aus, das in seiner Hybris vom Verfall bedroht ist.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0407 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau