Ramses
Müller.
Roman von Tex Rubinowitz (2009,
Eichborn).
Besprechung von Jobst-Ulrich Brand aus dem FOCUS,
14.8.2009:
Speichellecker
und Spucknäpfe
Wenn Heinz Strunk Barabara Becker
befummelt und Gregor Gysi Schießscharten-Augen kriegt: In einem herrlich
schamlosen Roman verulkt Tex Rubinowitz die Berliner Partyszene.
Schubal heißt der Mann. Wie der Heizer in
Franz Kafkas „Amerika“. Schubal ist eine der
Hauptfiguren im Roman „Ramses Müller“ des Zeichners, Musikers und
Nun-auch-Romanciers Tex Rubinowitz. Er könnte der kleine Bruder von Herrn
Lehmann sein, dem schrulligen Schluffi in Sven
Regeners Bestseller-Trilogie. Wie der dauerverdatterte Bierzapfer ist
Schubal aus der norddeutschen Provinz nach Berlin geflohen. Und wie Frank
Lehmann legt er Wert darauf, dass jeder meint, er sei schon immer da gewesen. Er
gehört zu den Zugereisten, die sich bis zur Unkenntlichkeit ans Milieu angepasst
haben. Assimilierungs-Asseln heißt dieser Typus im Roman.
Schubal ist ein Meisters des Irgendwies. „Sein Wesen, seine Art, sich zu kleiden
und zu bewegen, alles passte irgendwie, und zwar überallhin, das universelle
Aussehen, seine Brille, eine sogenannte Kreml-Pilotenbrille (benannt nach
Mathias Rust, dem irren Kreml-Flieger), kommt nie aus der Mode, weil sie nie in
Mode war und sein wird, der Anorak, die Jeans, ihr Schnitt, die Schuhe, ihre
Farbe, seine Größe, sein Gewicht, seine Haarfarbe, alles dazwischen, womit man
ja eigentlich nie falsch liegt, ein Distinktionsverweigerer, den ‚Spiegel’ liest
er jeden Montag, die wohltuende Wiederkehr des Ewiggleichen, die macht ihn
froh.“
Ausgesprochen
promigeil
Dieser Unauffälligkeits-Virtuose ist ausgesprochen promigeil.
Sein größtes Ziel ist, einmal in den Danksagungen auf der CD irgendeines
Pop-Trällerers aufzutauchen. Um die richtigen Leute zu treffen, die ihm dabei
helfen könnten, lungert er eines abends vor der Tür der Paris Bar rum, in der
gerade die Premiere des neuen Leander-Haußmann-Stücks gefeiert wird.
„Draußen wie drinnen viel Volk, geladene Gäste, ungeladene, Freunde, Idioten,
Speichellecker, Spucknäpfe, Auslaufmodelle, Lemuren, Gaukler, Phantasten,
Eierdiebe, Winkeladvokaten, Fifty-Fifty-Clowns, Kofferfische,
Ersatzschlingensiefs, Spastiker, Amöben, Glücksritter, Geckos, frisch
geschlüpfte Truthähne, Hütchenspieler, schlecht gefickte Brotspinnen.“ Viele
haben es reingeschafft in die Bar an diesem Abend, Schubal natürlich nicht. Und
das, obwohl er Stein und Bein schwört, dass er im Abspann vorkommt. „Theater hat
keine Abspänne“, erkennt der Türsteher leider messerscharf. „Vorhang vielleicht,
hast du den Vorhang genäht?“
Szene-Tour durch die Nacht
Vor dieser knallharten Tür trifft Schubal auf Armin, einen
anderen Szene-Mitgänger. Die beiden ziehen weiter ins White Trash – und von dort
durch die Nacht. Ihnen begegnen allerlei Berühmtheiten der großen
Berliner-Mitte-Melange: Noch im White Trash
Benjamin von Stuckrad-Barre (der
aber eigentlich ein Enkel von Heiner
Müller und Marlene Dietrich ist), später, auf einer Party bei
Christoph „Die Schlinge“ Schlingensief,
noch Ralf Zacherl, Charlotte Roche, Blixa
Bargeld, Matthias Matussek, Niels Ruf, Roger
Willemsen und wer sonst so zum Inventar gehört.
Verloren im
Gruselkabinett
Barbara Becker ist da (von Heinz Strunk unappetitlich
befingert), Bud Spencer (gehört neuerdings auch zur Schlingensief-Familie),
Jonathan Meese (der in Bud Spencers Schwitzkasten quiekt wie ein Gibbon) und –
mit Augen wie Schießscharten auf der Suche nach Anschluss – Gregor Gysi.
Es ist ein Berliner Gruselkabinett, in dem sich unsere
Helden hoffnungslos verlieren. Am Ende ist nicht ganz klar, ob sie sich
eigentlich noch in der Realität bewegen oder sich nicht längst in einen ihrer
promigeilen Träume verabschiedet haben. „Ramses Müller“ ist eine
herrlich-respektlose Verulkung der Berliner Spaß-Republik – nur haarscharf an
der Wirklichkeit vorbei. Und die Wirklichkeit, so erfährt der Leser mittendrin,
ist eben auch nur aus Butter. Fettig, ranzig – und ganz leicht verformbar.
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