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Radio Heimat.
Geschichten von zuhause von Frank Goosen (2010,
Eichborn).
Besprechung von Henrike Heiland aus dem
titel-magazin,
22.3.2010:
Wenn der Begriff „Heimweh“ extra für jemanden erfunden wurde, dann vermutlich für die Bewohner des Ruhrgebiets. Dass sie nicht besonders schön wohnen, wissen sie, aber eins ist mal klar: „Woanders is auch scheiße“. Das gilt im Übrigen auch für Frauen: „Mit ner andern wär doch au nich besser.“ Das sollen Liebeserklärungen sein? Das sind Liebeserklärungen. Die hört man da an jeder Ecke. Ob man will oder nicht. Und Frank Goosen hat ein bisschen was gesammelt, um es als Erzählband mit dem hübschen Titel Radio Heimat rauszubringen.
Es gibt so einiges zu lachen bei den Geschichten von zu Hause. Da geht es um die Schrebergartenweisheiten des Schrebergartennachbarn Theo, da geht es um die kläglichen Versuche, mit den Kumpels Mücke, Spüli und Pommes eine Band zu gründen und berühmt zu werden, um Weiber abzugreifen, da geht es um Saufgelage und gescheiterte Auswanderversuche, um Fußball und Selterbuden, Onkel Joseph und Tante Henni, damals und heute.
Bemerkenswert auch die Ermahnungen von Tante Martha, immer saubere Unterwäsche zu tragen, man könnte ja unterwegs einen Unfall haben, und was sagen denn dann die Sanitäter, wenn man keine saubere Unterwäsche trägt. Das hat wirklich sehr viel Schönes. Die Erzählungen sind noch mal thematisch unterteilt in „Land und Leute“, „Kinderstube“, „Fakten für Verbraucher“, „Unterhaltung am Wochenende“ und schließlich „Nachrichten, Wetter, Verkehr“. Das klingt schön übersichtlich und verspricht dem Leser umfassende Einblicke in das Ruhrpottleben.
Die Sache ist nur, dass man die meisten Geschichten schon irgendwie kennt. Von sich selbst (und dazu muss man überhaupt gar nicht aus dem Ruhrgebiet stammen), von Bekannten, von anderswo. Wenn Goosen einem Sechzehnjährigen versucht zu erklären, dass es früher einmal so was wie Sendeschluss und Testbild im Fernsehen gab, wenn er versucht, sich gegen den Paybackkartenwahn zu stemmen, oder wenn von den Partykellern der schulkameradlichen Eltern erzählt wird, ist das ebenso universell wie die Beziehungskisten, mit denen sich der Pubertierende seinerzeit herumplagte, oder wie die Anekdote über den Umzugsstress. Das könnte so auch anderswo in (West-)Deutschland passiert sein. Nur mit einem anderen Dialekt.
An sich ist das nicht schlimm, es ist ja nur halb Etikettenschwindel, zwischendurch hat man wieder viel Bochum. Und schließlich kommt es doch immer auf das Wie an, wenn sich schon mal etwas auf Papier gedruckt zwischen zwei Buchdeckeln befindet. Die netten kleinen Details peppen Altbekanntes ganz hübsch auf, aber mehr als nur einmal seufzt man, wenn sich der Autor um eine Abschlusspointe bemüht, die dann auch leider nur nach dem klingt, was sie ist: aufgesetzt.
Natürlich schwankt bei Erzählbänden die Qualität immer, und nähme man nur die wirklich guten Geschichten, wäre so ein ohnehin schon dünnes Bändchen eindeutig zu dünn für eine Veröffentlichung. So oft, wie die Pointe danebenhaut, so oft stimmt sie ja auch wieder. Die Bandbreite der Erzählform ist überraschend breit: Es findet sich etwas Gereimtes, eine Utopie, natürlich maßlos überzogene Satire, am meisten aber eben die Geschichten aus der Heimat, die durch ihre Protagonisten und deren trockenen Humor leben.
Also, Spaß macht es schon. Gelesen bzw. vorgetragen wirkt es mit Sicherheit um ein Vielfaches besser. Wer Goosen-Fan ist, wird es vermutlich lieben, wer aus Bochum kommt wahrscheinlich auch, wer ein gutes Stück unterhaltender Literatur sucht, könnte ob der aufgezeigten Mängel enttäuscht werden, und wer was über die Kulturhauptstadt 2010 lernen will, ist hier ganz falsch. Das Buch beginnt mit einem kleinen Dialog: „Sag mal, Omma, stimmt das denn alles, was du da so erzählst?“ Und die Omma antwortet: „Hasse dich gelangweilt?“ – „Nö.“ – „Na also.“ Man langweilt sich ja auch nicht immer. Es ist halt nur nicht wirklich neu, das alles.
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