Tagebücher.
1982-2001 von Fritz J. Raddatz (2010,
Rowohlt).
Besprechung von Bernd Noack in den Nürnberger
Nachrichten vom 11.11.2010:
Einsamer Zeitkritiker im Fegefeuer der Eitelkeit
Ansichten eines literarischen Pfaus: Die
entlarvenden Tagebücher des deutschen Kultur-Publizisten Fritz J. Raddatz
Als literarisches Ereignis
werden die Tagebücher aus den Jahren 1982 bis 2001 gefeiert, die Fritz J.
Raddatz, ehemaliger Feuilletonchef der „Zeit“, der Öffentlichkeit jetzt
zugänglich gemacht hat. Das Geheimnis, was das „J“ in seinem Namen bedeutet,
lüftet „FJR“ aber auch darin nicht.
Am 30. September 1992 sitzt Fritz J. Raddatz im Frankfurter Parkhotel. Er kommt
von der Buchmesse, die „knarzt und raschelt wie altes Laub, das ich auf einem
Friedhof zusammenharke“, und auf der er wieder einmal nur „alte Lemuren, alte
Literatur, alte hasbeens“ wahrnahm. Er setzt sich an seinen Hotel-Sekretär,
öffnet sein Journal und notiert: „Dass wir uns nun immer alle noch nächtens oder
spätestens am nächsten Morgen per Tagebuch aufspießen wie Schmetterlinge und
unter dem Glas-Sturz bösartig-lauernder Eitelkeit fixieren – hat ja auch was
Komisches.“
Dieser Eintrag, den man in der jetzt gedruckt vorliegenden Form des Diariums auf
Seite 454 findet (da hat man dann gut nochmal soviel Lektüre vor sich), enthält
(bis auf Sexualität) so ziemlich alles, was dieses Buch ausmacht: die Notiz
spricht von Literatur, von Einsamkeit, Eitelkeit, Endzeitstimmung,
Selbstbezichtigung, sie enthält Beschimpfung von Kollegen ebenso wie die
Genugtuung darüber, dazuzugehören. Sie ist komisch und traurig zugleich – und
sie wirft vor allem eine Frage auf: warum sollte uns das eigentlich
interessieren?
Die Tagebücher des einstigen Zeit-Feuilletonchefs, Groß-Kritikers und nur
kurzfristig erfolgreichen Romanciers („Kuhauge“) Raddatz wurden von den
Kulturredaktionen schnell als ein einzigartiges, schillerndes Kaleidoskop der
intellektuellen deutschen Szene gefeiert. Viele Kollegen von Raddatz gingen die
Sache gleichwohl vorsichtig an, schließlich kamen sie oder zumindest ihr
Presseorgan nicht selten selber auf den Seiten vor – und wenn, dann meist wenig
schmeichelhaft porträtiert. Allein in seinen Wohnungen in Kampen oder Hamburg
und in den Luxusherbergen der ganzen Welt, im Lichtkegel der Schreibtischlampe
und in gepflegter Stimmung bei bestem Wein, wird Raddatz nämlich gnadenlos.
Einmal gegen sich selber. Er schaut sich angeekelt beim Altern zu (wobei
natürlich mindestens Dorian Gray als Vor-Bildnis herhalten muss) und bemitleidet
sich wie eine abgetakelte Diva, wenn Erfolg und Anerkennung ausbleiben; er
räsoniert geckenhaft über seine Rolle als Literaturermöglicher und schwuchtelt
sich im selben selbstverliebten Schreibzwang durch seine Abstürze mit sehr
jungen Jungs; er hat die Sorgen eines geplagten Menschen, der schon alles und
alle hatte: „Ein neuer, Nutria-gefütterter Mantel, aber innen zitternd.“ Das ist
in dem nun öffentlichen Intimbericht so sauber, (nachträglich) geschliffen und
effekthascherisch auf Zeile gebracht, dass es mit der Zeit so öde wird wie das
endlose Befindlichkeitsgeplapper, mit dem etwa ein
Thomas Mann seine Tagebücher füllte.
Genau das aber will Raddatz so peinlich offensichtlich: sich in die Reihe mit
den ganz Großen stellen, denen all das Kleine des Alltags so lästig wie
feindlich ist. Raddatz hat sein Leben für die Nachwelt redigiert. Daneben die
anderen: niemand schmälert die Verdienste, die sich der Journalist Raddatz
innerhalb seiner Karriere als wacher Geist und perfekter Stilist erworben hat
mehr als der Tagebuchschreiber Raddatz selber. Denn seine Notate zum korrupten
Literaturbetrieb und zu den Abgründen der abgehobenen Gesellschaft sind nichts
anderes als berechnend böser Klatsch, der seitenweise aufgewärmt und mit ständig
gleichlautenden Beschimpfungen lesewirksam aufgemotzt bald nurmehr wie
gickerndes Gören-Gekeife nervt und vor allem langweilt.
Die weltumwälzende Zeit (immerhin fällt 1989 die Mauer) bleibt bei alldem in der
Regel außen vor. Wenn sie doch den „Pfau“, als den Raddatz sich gerne sieht, bei
seinem Habitus- und Seelenputz einmal stören sollte, dann plustert er sich
gleich als Klassiker auf, der zwar dabei war, als die Zeitläufte verrückt
spielten, dem all das Profane, das Volk und die Welt (hieß so nicht noch der
Verlag, den er einst in der DDR leitete?) letztlich nur unangenehm sind. Hätte
Kafka seinerzeit nicht schon geschrieben
„Weltkrieg ausgebrochen – war im Schwimmbad“, so ein Satz müsste von ihm
stammen. Meint Raddatz – und ist davon absolut überzeugt: „...da könnte ich
Proust und
Joyce zusammen sein...“
Ist er aber nun mal nicht. Diese Tagebücher sind wie ein nicht enden wollender
Dia-Abend, bei dem sich Motive in einer lähmenden Endlosschleife verlieren. Nur
einer hockt wach da, der Gastgeber, und ist hin und weg: „...erschüttert über
die eigenen Worte."
Die vollständige
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