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Rabenliebe.
Roman von Peter Wawerzinek (2010, Galiani).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ
vom 18.8.2010:
Das Wort kommt ihm nicht über die Lippen. Der 55-jährige Autor redet von „der Begegnung”. Er redet davon, dass er „nur mal die Hand geben” wollte, „das verzeihende Element sein”; doch seinen Sätzen fehlt das Objekt. Erst nach einer langen Weile spricht Peter Wawerzinek sie aus, diese zwei Silben, die die große Leerstelle seines Lebens bezeichnen – „Mutter”.
Wawerzineks autobiografischer Roman „Rabenliebe”, der Donnerstag erscheint, erhielt im Sommer den Ingeborg-Bachmann-Preis sowie den Publikumspreis des Klagenfurter Wettbewerbs; bei der Preisübergabe war die Laudatorin zu Tränen gerührt. Tatsächlich verführt dieses Buch zur ganz großen Gefühligkeit. Es rührt an die Wiege des Menschseins, die Sehnsucht nach Sicherheit, Geborgenheit, Liebe. Im sprunghaften Wechsel zwischen kühler Prosa, Kinderreimen, Gedichten und Zeitungsmeldungen von vernachlässigten Kindern entwirft Wawerzinek das Bild seiner eigenen, gebrochenen Biografie.
Als der Autor zwei Jahre alt war, im Jahr 1956, verließ seine Mutter ihn und die vier Jahre ältere Schwester für immer. Ließ die Kinder zurück in einer verwahrlosten Rostocker Wohnung, floh in den Westen. „Vor wenigen Tagen erst habe ich von Leuten aus dem Fürsorgeamt erfahren, dass sie dies als schlimmsten Fall von Verwahrlosung der damaligen Zeit erinnern. Ich sei voller Ekzeme gewesen”, sagt Wawerzinek. Er selbst weiß nichts mehr von diesem Tag. Sein Lebensroman beginnt mit diesem Satz: „Schnee ist das Erste, woran ich mich erinnere.” Das ist auch ein psychologisches Bild. Wawerzinek beschreibt sich als „das ewige Winterkind”, schreibt: „Es ist so oft Winter in meinem Kopf.”
Wawerzinek wuchs auf in verschiedenen Kinderheimen der DDR; erst mit 14 lernte er die Schwester kennen. Zweimal nahmen ihn Menschen zu sich, zweimal gaben sie ihn zurück. „Sie nehmen mich her, um mich zu testen, mit mir ein seelisches Casting abzuhalten”, beschreibt er die „Fleischbeschau”. Das „wehe Herzkind” richtet sich ein im Heim, leidet es auch „am Verlust weiblicher Wärme”. Die spät noch glückende Adoption durch ein Lehrerpaar ist keine glückliche: „Ich wurde in die vier Jahre der Adoption gezwungen”, schreibt er. „Ich klage ein, von meiner Adoptionsmutter aus egoistischen Gründen für erzieherische Versuche missbraucht worden zu sein.”
So bleibt die mütterliche Leerstelle ein Phantomschmerz, ein Leben lang. Als junger Grenzsoldat denkt Wawerzinek an eine Flucht zur Mutter, sie scheitert schon im Ansatz. Warum wartete er bis vor wenigen Jahren, die Begegnung endlich zu suchen? „Mir hat der Mut gefehlt,” sagt er.
Tatsächlich bleibt es bei einer einzigen, enttäuschenden Begegnung: „An ihrer Schande ist nichts gut- und wieder wettzumachen.” Dennoch sei „eine kleine Jubelstimmung” in ihm gewesen. Acht Halbgeschwister lernte er kennen, deren „eigene Dramen” ihm einen seltsamen Gedanken nahelegten: „Gottseidank bin ich zurückgelassen worden, und nicht ältester Bruder in dieser Familie gewesen.” Damit endet Wawerzineks Muttersehnsucht, damit endet sein Lebensroman. Damit beginnt, vielleicht, eine Debatte, angestoßen von vielen Vorwürfen: Gegen den Westen, der mit seinen Verheißungen die Mutter lockte. Gegen jene im Osten, die Kinderrechte missachteten. Gegen alle, die heute Kindern Leid antun. Wawerzinek stößt uns auf die empfindlichste Schwachstelle unserer Gesellschaft, die doch so sozial zu sein glaubt: Er erzählt vom „Drama eines Kindes, das sich nicht wehren kann.”
Möglichen Abwehrreaktionen begegnet der Autor unter dem Schutzschild der Literatur. Wawerzinek beschreibt radikal subjektiv seine eigenen Erinnerungen und Empfindungen. Er erkennt bereits im Buch, dass er manches offenbar falsch erinnerte – und geht im Gespräch davon aus, dass „noch mehr Dinge aufgeklärt werden, wo ich mich getäuscht habe.” Um objektive, historische deutsch-deutsche Wahrheiten geht es ihm also nicht. Sondern? „Ich dachte, wenn ich mich exemplarisch ausstelle, mich hineinbegebe in die eigene Biografie, könnte ich anderen Mut machen. Dass Leute das lesen, ihren inneren verschlossenen Kasten aufmachen, das Vögelchen flattern lassen.
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2.)
Rabenliebe.
Roman von Peter Wawerzinek (2010, Galiani).
Besprechung von Roland Mischke in den Nürnberger
Nachrichten vom 21.08.2010:
Betroffenheitsprosa gibt es viel in der deutschsprachigen
Literatur. Aber so radikal hat noch selten einer seine Biografie literarisiert
wie Peter Wawerzinek (55), der in Berlin lebt. Als er im Juni in Klagenfurt zum
Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb
aus „Rabenliebe“ las, erhielt er gleich zwei Preise: den der Jury und den des
Publikums.
Eine Mutter verlässt ihre Kinder, einen zweijährigen Jungen und dessen
Schwester, noch ein Baby. Man schreibt das Jahr 1956, die Frau flüchtet in den
Westen. Ihr Mann, Vater der Kinder, war bereits abgetaucht. Die Frau zieht in
Rostock die Wohnungstür zu, der kleine Peter hat keine Chance, sie zu öffnen.
Die Kinder warten, weinen, verstehen nicht, was geschieht. Nach Tagen brechen
Nachbarn die Tür auf. Im letzten Moment, fast wären die beiden verhungert. Nun
gerieten sie in „Inobhutnahme“, werden als vernachlässigte, verwahrloste Kinder
in ein Kinderheim gebracht. Das Mädchen war so schlecht versorgt worden, dass es
sich nicht normal entwickelte. Peter hatte Glück, er kam schnell wieder zu
Kräften.
Aber es war Glück im Unglück. Er sah seine Mutter erst
wieder, als er Anfang fünfzig war. Zwischendurch musste er eine Odyssee der
Ablehnung absolvieren, zu „Adoptionsmüttern“ und „Adoptionsvätern“. Erst wollten
sie ihn, dann nicht mehr. Fast hätte es seinen Lebensmut gebrochen. Da war
zunächst Glück verheißend die Köchin des Kinderheims, die an dem Jungen Gefallen
fand. Eines Tages nahm sie ihn an der Hand und ging mit ihm durch den Wald zu
ihrer Wohnung. Sie hätte ihn gern adoptiert, doch ihr Mann war dagegen. Der Weg
zurück zum Heim war für Peter der schwerste seines Lebens. Später nannte er sich
ein „Winterkind“, er fror ständig, nur schwer lernte er das Sprechen.
Er landete schließlich bei einem Lehrerpaar, der „Adoptionsvater“ ein
überzeugter SED-Mann. Peter passte sich an, seine Leistungen in der Schule waren
gut. Erwachsen nahm er Abstand zu den Adoptionseltern, ging nach Berlin und
wurde einer der vielen Bohème-Dichter am Prenzlauer Berg. Seinen Lebensunterhalt
verschaffte er sich als Briefträger, Totengräber, Kellner, Karikaturist und mit
anderen Gelegenheitsjobs.
Gelernt hat er Textilzeichner, doch er blieb ein
Außenseiter ohne geklärte Vergangenheit. Seine Adoptivmutter hatte erzählt,
seine Mutter lebe im Westen. Kurz nach der Wende machte er sie ausfindig,
stellte sie. Die Mutter hatte im Westen noch acht Kinder bekommen und erinnerte
sich kaum an ihn. Sie zeigte keinerlei Reue. Es muss der Schock seines Lebens
gewesen sein, wieder fror er, er konnte das nur schriftlich verarbeiten.
„Rabenliebe“ ist ein erschütterndes Buch. Wie Wawerzinek gelitten hat, zeigt
sich schon in den Bezeichnungen für seine Erzeugerin, die er mal Frau, mal
Person nennt. „Das Wort Mutter ist ein meine Person nicht erregender Begriff“,
hat er geschrieben. Sie erzählte ihm mitleidlos, dass sie den Verwandten im
Westen erzählt hatte, sie habe in Rostock zwei Totgeburten zurückgelassen. Im
Roman steht das Bekenntnis: „Ich habe gedacht, wenn ich mich schreibend
verschenke, entfliehe ich dem Teufelskreis der Erinnerung. Schreibend bin ich
tiefer ins Erinnern hineingeraten, als mir lieb ist.“
Peter Wawerzinek hat die fast unmögliche Aufgabe übernommen, für den Schmerz
seines Lebens eine angemessene Sprache zu finden. Es ist ihm gelungen, die
existenzielle Verunsicherung aufzuschreiben, über die Zeit zu berichten, in der
er nicht wusste, woher er kommt und wohin es mit ihm geht. Als es noch unklar
war, kam er vom Saufen nicht los, war ein Getriebener, heiratete eine Frau mit
zwei Kindern, war unglücklich, ruhelos und arbeitete lange in einer
Trinkerheilanstalt.
Nebenher schrieb er, veröffentlichte sogar („Nix“ 1990, „Moppel Schappiks Tätowierungen“ 1991, „Das Kind, das ich war“ 1994), wurde besprochen, selbst im Spiegel. Doch er fremdelte im Literaturbetrieb. Bei Schriftsteller-Treffen fühlte sich der nur 1,60 Meter große Mann nicht zugehörig. Seine Mutter braucht er nun nicht mehr, das Winterkind hat sich warmgeschrieben. Wir dürfen auf kommende Bücher gespannt sein.
Die vollständige Besprechung mit Abb. von Roland Mischke finden Sie unter Nürnberger Nachrichten
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