Putins Briefkasten von Marcel Beyer, 2012, SuhrkampPutins Briefkasten.
Prosa von Marcel Beyer (2012, Suhrkamp).
Besprechung von Roman Bucheli in Neue Zürcher Zeitung vom 28.6.20012:

Wilde Korrespondenzen

In «Putins Briefkasten», dem neuen Buch von Marcel Beyer, versammelt der in Dresden ansässige Autor acht weitläufige Recherchen, die in den letzten Jahren entstanden sind. Er wandelt auf den Spuren anderer – und findet dabei auch sein eigenes Ich.

Man kann nicht umsichtig genug sein bei der Wahl – sofern man denn überhaupt wählen kann – eines Taxifahrers. Auch in solchen Lebenslagen lohnen sich Geduld und angewandte Menschenkenntnis. Das mag vielleicht nicht die wichtigste und auch noch nicht die schönste Erkenntnis sein, die man aus Marcel Beyers anregendem und heiterem Buch «Putins Briefkasten» gewinnen kann. In dem Band versammelt der seit längerem in Dresden lebende Autor manche in den letzten Jahren entstandenen Texte zu acht weit ausgreifenden Recherchen. Diese subtilen und emphatischen Erkundungen berichten von Begegnungen mit Texten, mit Landschaften oder mit Menschen und verdichten solche Erfahrungen zu genauen Impressionen, die nun wiederum Zeugnis geben von heiterer Neugier, von grosser Achtsamkeit und kluger Beobachtung.

Doch erst ganz am Ende – so jedenfalls will es die schöne Dramaturgie dieses Bandes – gelingt es einem Dresdner Taxifahrer, freilich mit Bedacht am Flughafen ausgewählt, dem Autor nun jenes Wort zu entlocken, das unablässig in diesen Texten mitschwingt als bald stille, ruhende Mitte, bald behutsam gemiedene Zone von namenlosen Lockungen wie Gefährdungen. Ob er denn ein Werk von Karl May kenne mit drei Buchstaben, will der Kreuzworträtsel lösende Taxichauffeur wissen, als sich herausstellt, dass sein Fahrgast Schriftsteller ist. Da muss es heraus, das Wort, in einer sanften selbstironischen Volte, die dieses Buch auf einer nun ebenso geheimnisvollen wie hintersinnigen Fermate enden und noch lange nachhallen lässt: «<Ich>, sage ich, <das muss Ich sein.>»

Eine Vorschule der Selbstbiografie

Man könnte nun mancherlei Betrachtungen darüber anstellen, wie denn ein solcher Satz zu verstehen wäre, sähe man einmal davon ab, dass mit «Ich» ein Buchtitel Karl Mays gemeint ist, und verstünde man ihn also, wie man ihn hört: «Das muss ich sein.» Es wäre eine eigenwillige Form der staunenden und verwunderten Selbstvergewisserung: «Ja, das alles, das muss ich sein.» Gemeint wäre, da der Satz ja nun einmal am Ende eines Buches steht, all dies, was in dem fraglichen Buch zu lesen ist, nicht allein über das Ich und was es von und über sich sagt, vielmehr: was hier überhaupt steht. «Putins Briefkasten» und die darin versammelten Recherchen sind in der Tat so etwas wie Exerzitien zu einer ungeschriebenen Selbstbiografie, eine Vorschule der Selbstbeschreibung. Die Gänge übers Land, die Lektüren in Celans oder Walter Benjamins Werken, die Gespräche mit Taxichauffeuren und Pannenhilfen: Aus dem Spiegel des anderen tritt das eigene Ich hervor.

Auf seinen Streifzügen durch die Landschaften – teils sind es imaginierte und teils reale – lässt sich Marcel Beyer, als ginge er in den Spuren W. G. Sebalds, von den Zufälligkeiten seiner Beobachtungen leiten und verführen. Und noch ehe Sebalds Name in diesen Recherchen selbst auftaucht, hört man den melodischen Duktus der Rede und die freien Suchbewegungen im Denken des 2001 verstorbenen Wanderers aus Norwich. Wie dieser in seinen Büchern gerät auch Marcel Beyer fortwährend auf Abwege; was er sieht und hört, erinnert ihn stets an vieles andere und dieses dann wiederum an noch einmal anderes. So verzweigt und verästelt sich sein Denken im Schreiben: «Wohin führt mich die Sprache, wohin treiben wir?», heisst es einmal. Worte und Bilder sind es, die das Denken anregen und ihm die Richtung geben. Wo der Autor sich ihrem sanften Zwang unvoreingenommen anheimgibt, übt er sich auch in einer Form der «mémoire involontaire» Marcel Prousts, von dem sich Marcel Beyer ohnehin zu vielerlei Überlegungen anregen lässt.

«In der Fremde» – und in diesen Recherchen beginnt die Fremde vor der Haustüre, genauer eigentlich: schon am Schreibtisch – «in der Fremde erweist sich die eigene Sprache als der unbezähmbare Löwe selbst.» Zweimal begegnet der Satz dem Leser, als Feststellung ganz zu Beginn und dann wieder am Ende, dieses Mal jedoch in der Form einer Frage. Aber es ist eine rhetorische Frage und das Buch die Antwort darauf. Dass und wie die Sprache immer ihre eigenen Wege geht und die überraschendsten Korrespondenzen zwischen Entlegenem und Disparatem zutage fördert, wenn nur ein hellhöriger, wachsamer Kopf sich ihrer bedient: Davon gibt dieser Band mit seinen ganz unterschiedlichen Blickrichtungen auf Landschaften, Menschen und die Literatur eine erstaunlich präzise und doch ganz sinnliche, im und aus dem Erzählen gewonnene Anschauung.

Am ergiebigsten ist dieses Verfahren dort, wo Marcel Beyer der eigenen Sprache oder auch den Texten anderer nachhorcht. Einmal erzählt er, wie ihm nach seinen ersten (ungedruckten) Gedichten, denen noch jede Bildlichkeit, ja vermutlich Anschaulichkeit fehlte («In meinen frühen Gedichten gab es nichts zu sehen»), nur allmählich und zaghaft der Mut und das Bedürfnis wuchsen, konkrete Wahrnehmungen darzustellen. Nur ahnen kann man, was sich in den dreissig Jahren seither getan haben muss, wenn man nun liest, wie Marcel Beyer über diese frühen unbeholfenen Versuche schreibt, nicht wertend oder herablassend, sondern mit nüchtern robuster Introspektion, vor allem mit virtuoser Beschreibungskunst und -lust, als gelte es nachzuholen, was damals versäumt worden war.

Doch auch auf den Spuren anderer erweist sich Marcel Beyer als ebenso inspirierter wie suggestiver Fährtensucher. Mit Celans Texten in der Hand und im Sinn, mit Gedichten, Briefen und Übersetzungen, folgt er einmal in Saint-Cergue oberhalb von Nyon über dem Genfersee den Wegen, die der Dichter zu Beginn der sechziger Jahre einmal abgeschritten hatte. Und nun schiessen die Eindrücke wie ganz von allein zusammen: Sätze aus Celans Briefen an dessen Frau, Bruchstücke aus den Gedichten, Wahrnehmungen von Landschaft und Menschen, auch Mandelstam und Rilke gehen dem Wanderer nun durch den Kopf, und es geschieht ihm, wovon Celan seiner Frau berichtet hatte: «Ein geheimes Echo» habe die Wirklichkeit hervorgerufen: «Man müsste sich mit dieser Art von Dialog, ein wenig aussermenschlich, zu begnügen wissen, nicht wahr?» Marcel Beyer holt dieses Zwiegespräch, indem er es seinerseits in einem stillen Dialog nachvollzieht, ein wenig ins Menschliche und ins Fassbare zurück.

Poesie der Genauigkeit

Ein letztes Glanzstück wäre zu erwähnen. Es zeigt, dass die Poesie auch im Profanen schlummert, wenn nur «diese Art von Dialog» zustande kommt. Marcel Beyer fällt ein Buch in die Hand, nichts Literarisches – und doch ist es Literatur, mehr, es ist Poesie, wie sich zeigt: «Mein Bienenjahr. Ein Arbeitskalender für den Imker». Nun lässt sich der Leser dieses wunderlichen Buches, als wäre es eine okkulte Wissenschaft, in die Geheimnisse des Bienenstocks einführen und staunt über die Beschreibungsgenauigkeit und die ingeniösen, höchst anschaulichen Wortfindungen. «Die Schärfe der Beobachtung bringt geheimnisvolle Wörter hervor. Hier zeigt sich: das Poetische ist das Präzise.»

Noch etwas geht dem Lyriker Marcel Beyer über dem Bienenkalender auf: «Wie sich Beobachtung und Imagination durchdringen.» In der Wirklichkeit das geheime Echo hören, in der Beobachtung die Imagination erden und über die Genauigkeit zur Poesie gelangen: Das klingt nach einem Programm der Askese. Dieses Buch aber zeigt, mit wie viel Lust und Fülle, mit wie viel ästhetischem und intellektuellem Ertrag solch stille Gänge übers Land verbunden sind. Indessen bei der Wahl der Taxichauffeure sollte man schon achtsam sein.

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