Prosperos Land von Peter Waterhouse, 2001, Verlag Jung & JungProsperos Land.
Gedichte von Peter Waterhouse (2001, Jung & Jung).
Besprechung von Guido Graf in der Frankfurter Rundschau, 2001:

Das Gedicht ist ein Geher
Peter Waterhouse' neuer Gedichtband "Prosperos Land"

"Nachts leuchtet alles", als würden wir alles nur von innen sehen, wenn wir mit Peter Waterhouse auf schmalen Buchstabenfüßen an grauen mitteleuropäischen Rändern entlang gehen, durch Prosperos Land. Die Seiten des Buches, wie die Felder links und rechts des schmalen Wegs, an dessen Rand der "Sprachspaziergänger" Waterhouse buchstäblerische Brosamen verstreut und sammelt - und verharrt: Die Seiten sind wie geweißt, Löcher in der Welt. Ihr beiläufiger und grundsätzlicher Rhythmus aus drei Dreizeilern je Seite formt das Buch und umreißt die Spanne jeden Lektüreschritts.
Darin finden sich Wunder, so marginal und so schrecklich, wie die letzten Spuren eines Sturms, von dem nicht sicher ist, wie lang er schon zurückliegt. Dort im Sturm sind das Land und die Welt, in die Prospero einst geworfen wurde und die er nun neu entwirft und zeigt, vor allem für Miranda, die immer erst nur schaut und sich wundert, die bewundert, was sie überhaupt zu sehen bekommt, etwas, das zum ersten Mal sichtbar wird. Das Neue ist das, was sie nicht weiß.
Als sie, die außer Prospero und Caliban, dem Wilden, niemanden zuvor kannte, den Ankömmlingen begegnet, sagt Miranda: "Brave new world that has such people in't!" Prosperos Land bei Shakespeare ist eine Projektionsfläche und auf den Wegen ziehen Marionetten dahin. Die Fäden hält allein der Autor in Händen und wenn er die eine Welt mit der anderen verwechselt, endet es wie bei Aldous Huxley. Peter Waterhouse hat die Nachkommen von Shakespeares Protagonisten aufgesucht, zu Fuß und ohne Zorn und Absicht: So hat Waterhouse in einem Text von 1993 die Haltung Shakespeares beschrieben; und Shakespeare war für ihn auch die Antwort auf die Frage: "Ein Mensch aus Erinnerung, wer könnte das sein?" Prosperos Land ist eben auch das, was er verloren hat.
In dem Gedichtroman Sprache Tod Nacht Aussen von 1989 erzählt Waterhouse von der Konstante, die sich auch durch Prosperos Land hindurchzieht: "Ich hörte in dem Gedicht die Pausen. Ich hörte in dem Gedicht den wiederkehrenden Übergang. Ich wußte nicht, was im Gedicht in was überging. Ich hörte das Abstand-Ereignis. Ich erkannte im Abstand die Möglichkeit der Verbindung, die Möglichkeit der Sprache, die Möglichkeit der Ordnung, die Möglichkeit der Vergewisserung, die Möglichkeit der Erschaffung, die Möglichkeit des Anderen. Das Gedicht ging ins Ungewisse. Ich versuchte mitzulesen. Das Ungewisse vergrößerte sich mit jeder Zeile."
Peter Waterhouse geht und schaut, steht still und wartet und schaut. Was ihm in Kärnten und Slowenien, im Friaul in den Blick kommt, dringt in ihn ein. Die Wege, die er geht, sind Erinnerungen, die sich entgrenzen. Verknappt, wie sie da auf dem Papier zurückstehen, sind die gefundenen Wörterspuren alle wie fremd und neu. In der Resonanz von Gehen und Stehen in diesen peripheren Landschaften und Orten mischt sich die eigene mit der Erinnerung jedes Wegs, jedes Hauses oder Baums, jeder Blume, jeder Silbe und jedes Wortes. "Das Gedicht ist auch ein Geher; geht den Feldweg entlang, stapft am Wald hinauf und wirft einen Schatten." Mit äußerster Behutsamkeit geht hier ein Übersetzer im eigentlichen Sinne vor, der die Stimmen einer wie leeren Landschaft kartographiert. Das hervorstechendste Merkmal dieser dichterischen Schreib- und Gehbewegung ist das Warten. Ein notwendiger Widerspruch.
"Ich habe gewartet auf das Nachbild" heißt es einmal in Waterhouse' Spazier- und Lesebuch Die Geheimnislosigkeit (1996) und: "Die Kunst ist Zeitpunkt und Stelle." Wenn man lange wartet und schaut, einen Ort fixiert, im Gehen die Schritte vergisst und die Wörter dabei einsammelt, bleiben irgendwann Nachbilder stehen. Je für sich wären sie verloren und unmöglich, doch jetzt liegen sie in einem schwebenden Regelmaß im Buch, und wir können die Bewegung als Intensität der Langsamkeit nach- und mitvollziehen.
Der Gang von Lesen und Schreiben zieht die gleiche Spur und nicht nur das: Die schöne leichte Radikalität dieser Haltung von Peter Waterhouse verweist hier auf eine nicht nur im romantischem Sinne längst verloren geglaubte Einheit von Dichtung und Lebenspraxis. Inmitten von Prosperos Land wird klar, dass es sich dabei nicht um einen hortus conclusus handeln kann. Ein Berg, eine Radfahrerin, der Name eines slowenischen Orts, "die Grüblein in eines / wachenden lachenden Menschen Wangen", eine "Geräuschkugel" neben dem Salat, die Primeln und der "Röntgenbildträger", dies alles und die Kinder und jeder Augenblick sind wie durchsichtig und durchlässig zueinander.
Ihre Geste entleihen Waterhouses sparsame Dreizeiler natürlich auch den Haikus eines Matsuo Basho aus dem 17. Jahrhundert. Vor diesem Hintergrund verlieren die Notate alles Fragmentarische und zeigen sich vielmehr unwillkürlich und formvollendet als inwendige Konzentrationen einer Wort für Wort ertasteten, buchstäblichen Weltoffenheit.
Das große Weiß zwischen den Zeilen dieses Buches ist das Himmelblau des Notatespazierers Waterhouse, nachdem er geschrieben hat, was er gesehen, gehört, gerochen, als er stand und wartete, als er ging, um - unter anderem - die "apfelinneresweiße" Sonne einzufangen, ein Lachen, ein Licht, das in der Wiese schläft und träumt, von Wegen, deren Kreuzungspunkt die Stimme markiert, die spricht und notiert.
Verschwinden lässt sich gut in diesem Weiß. Von Verschmelzen ist die Rede, von einem ortlosen Gang, auf dem ein Haus nur noch eine Spur sein kann: Zeilen für kontemplative Nomaden, die sich versöhnt wissen mit dem, was den anderen nunmehr vorstellbar scheint als Verlust. Hier aber, an den Rändern, erleben wir die sparsamen Ausdehnungen einer bescheidenen "Weltstimme". Unterwegs durch sein Land, wird jeder Größenwahn porös, Prosperos Zauber ist ohne Geheimnis. "Wir sind aus solchem Stoff wie Träume sind", hören Miranda und Ferdinand von ihm, nie geschützt vor einem Einbruch der Gewalt. Die Zuversicht, die Prospero ihnen mit auf den Weg geben kann, ist allein das Paradox der Schutzlosigkeit. Auf dem Weg durch die Dörfer ist Miranda für Waterhouse nur ein Name unter vielen, die er von den Kindern im Vorüber aufschnappt. Und die Kette dieser Namen und Stimmen lenkt die Aufmerksamkeit auch auf die nahen Kriegsverheerungen in Bosnien. "Jetzt / gehe ich auf das Feld / und stehe in meinem Traum" und mit seinem "Schattenbleistift" zeigt uns Peter Waterhouse, wie viele Wege möglich sind, Wege aus nichts und Wege aus dem Nichts.

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