1.) - 2.)

Proleterka.
Roman von Fleur Jaeggy (2002, Berlin-Verlag - Übertragung Barbara Schaden).
Besprechung von Jochen Kelter aus der Wochenzeitung, Zürich, 6.3.2003:

Die Schweiz der sechziger Jahre: ein gelähmtes Land unter einem Brennglas.

Fleur Jaeggy lebt in Mailand und schreibt italienisch. Aber die literarischen Stoffe ihrer ins Deutsche übersetzten Bücher sind ausnahmslos schweizerisch. Das gilt für die Personen und Orte ihres Erzählungsbands «Die Angst vor dem Himmel» (1997), für die Novelle «Die seligen Jahre der Züchtigung» (1996), in der das Leben in einem Mädchenpensionat im Appenzell der sechziger Jahre seziert wird, und das trifft auch für ihr neues Buch zu, in dessen Mittelpunkt die Kreuzfahrt einer Heranwachsenden mit ihrem Vater steht, mit dem sie nur dieses eine Mal eine längere Zeit zusammen verbringt. So viel wird die Literatur wohl mit dem Leben zu tun haben, dass man die These wagen darf, die in Zürich geborene, in der Schweiz aufgewachsene Autorin sei aus der helvetischen Enge und der emotionalen Eiseskälte ihrer Gesellschaftsschicht in die italienische Sprache geflohen, zu der sie familiäre Bande bereits besass.
Fleur Jaeggy macht, wie andere Autoren vor ihr, ihr Leben, zumindest ihre Jugend, zum Gegenstand ihrer Literatur, sie spielt sprachlich virtuos auf dem erfahrenen Unglück. Alle Handlung, alles Gefühl scheinen wie in Formalin getaucht durch ihre einfache, von einer magischen Leere traumatisierten Sprache.
Der seiner Tochter beinahe unbekannte, von seiner Frau getrennte, um sein Vermögen gekommene Vater Johannes, der mit dem eigenen Tafelsilber in einem Hotel logiert, ein wenig versehrt, ein wenig sehr hilflos, ist seit seiner Jugend Mitglied einer Zürcher Zunft. Beim «Sechseläuten» treffen sich Vater und Tochter jeweils. «Es war der Abschied vom Winter. Mir kam es vor, als verabschiedete ich mich von etwas, das ich nie gehabt hatte. Die Flammen zogen mich an. Das ist alles lang her.» Eines Tages, ebenfalls in den sechziger Jahren, chartern die Herren der Zunft ein jugoslawisches Schiff, die «Proletarierin» – die Distanz zu den Gästen aus Zürich und ihrer Wirklichkeit könnte grösser kaum sein – und besteigen es samt Damen in Venedig zu einer Kreuzfahrt durchs Mittelmeer. Die Stationen der Reise, Venedig, Rhodos, Mykonos, Istanbul, bleiben weitgehend unsichtbar. Die Tochter gibt sich den Seeleuten hin. Den Vater genierts, aber er zeigt auch dieses Mal weder Regung noch Reaktion, und in der gemeinsamen Kabine ist seine Anwesenheit beinahe körperlos.
Normalerweise lebt «Johannes’ Tochter», wie sie sich bisweilen selbst nennt, bei der Mutter ihrer Mutter. Letztere hat offenbar Besseres zu tun, als ihre Tochter grosszuziehen. Das Wort Grossmutter wird nicht gebraucht. «Orsola und ich sind allein in dem grossen Haus. Sie will nicht, dass ich auf der Strasse mit anderen Kindern spiele.» Sie ist auch dagegen, dass ihr Vater, der um Erlaubnis zu fragen hat, wenn er seine Tochter besuchen will, sie in das Haus eines aus dem Gefängnis entlassenen Muttermörders mitnimmt, des einzigen Menschen, für den er sich wirklich zu interessieren scheint. Im Verwandtenkreis, den das Mädchen vorzugsweise bei Beerdigungen zu Gesicht bekommt, ist das Thema von allgemeinem Interesse der Selbstmord respektive die misslungenen Versuche, sich ums Leben zu bringen. «Alles andere entlockte uns nur höfliche Gleichgültigkeit. Die Verwandten interessiert nichts anderes.»

Das Bürgertum stellt sich tot

Fleur Jaeggys neues, kalt bitterböses und himmeltrauriges Buch zeigt «die Welt» als «eine immer währende Krankheit», deren Bewohner «nur dank» ihrem «fehlenden Willen» überleben. Es zeigt ein Bürgertum, das zum Schluss gekommen ist, es könne nur überleben, seinen Lebensstandard und -stil nur bewahren, indem es sich tot stellt, sich jegliche Emotion und Kommunikation verbietet. Schliesslich zeigt es uns ein bleiernes, ein gelähmtes Land, die Schweiz der sechziger Jahre, unter einem Brennglas, das nur wenige Personen und deren Umgebung erfasst. So erinnert es daran, dass Schweizer Literatur immer auch eine Literatur der Krankheit ist – von Robert Walser bis zum autobiografischen Bericht «Mars» jenes anonymen Autors Fritz Zorn aus den späten siebziger Jahren. Mit dem früh verstorbenen Zeitgenossen teilt die Protagonistin in «Proleterka» die gesellschaftliche Schicht. Aber Jaeggys Sprache ist dichter, knapper, überzeugt durch Reduktion und den Kunstgriff des scheinbar nicht reflektierenden «Eins-zu-eins»-Erzählens.
Die deutsche Übersetzerin Barbara Schaden stand vor der nicht einfachen Aufgabe, den Text in die ursprüngliche Sprache der auftretenden Personen und der meisten Schauplätze zu transponieren. Sie hat sie, zum dritten Mal bereits, mit beachtlichem Erfolg bewerkstelligt. Unterdessen sollte sie aber wissen, dass sie durch die Stadt Zürich unmöglich die, sondern nur das Tram fahren lassen kann.

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2.)

Proleterka.
Roman von Fleur Jaeggy (2002, Berlin-Verlag - Übertragung Barbara Schaden).
Besprechung von mos in der
Neue Zürcher Zeitung vom 12.4.2003:

Geisterschiff Proleterka

Unter den alten Herren einer ehrwürdigen Zürcher Zunft auf einer Ägäis-Kreuzfahrt befindet sich auch einer, der nicht mehr recht dazugehört: Johannes, der Absteiger, geschäftlich wie privat. Mit ihm ist seine Tochter, die er als geschiedener Vater ab und zu sehen darf. Ihrer Reiseerinnerung leiht die in der Ostschweiz aufgewachsene Italienerin Fleur Jaeggy ihre ebenso ton- wie gnadenlos harte Sprache, die in der deutschen Übersetzung von Barbara Schaden in die Fremdheit «zurückübersetzt» zu sein scheint, die Fleur Jaeggys Sprache immer schon eignete. Eine Unnahbare beschreibt einen Unnahbaren. Gerade so aber öffnet sich der Blick auf eine «tiefe, fatale Nähe» in den Rissen zwischen Tochter und Vater. Keine nachgetragene Liebe also: In der Erinnerung der «Tochter des Johannes», wie sie sich selber nennt, sind die vierzehn Tage verpasster Nähe auf dem Geisterschiff «Proleterka» eine Wunde, die nicht heilt - und nicht blutet. Es bleibt nichts als die Fremdheit...Fortsetzung

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