Prægnarien.
Künstlerbuch von A.
J. Weigoni (2011, mit Haimo Hieronymus)
Besprechung von Matthias Hagedorn für die REZENSIONENwelt,
09/2011:
Wortkompositionen
Ein Formerfinder trifft auf einen
Allegorienschöpfer. Als gegenseitig befruchtender Dialog zwischen bildender und
lyrischer Kunst sollte man das neue Künstlerbuch »Prægnarien« verstehen. Hieß es
früher „Wer nicht hören will, muss fühlen.“, könnte man jetzt einfach behaupten
„Wer nicht fühlend sehen will, muss lesen.“
Idiosynkrasie, schrieb Jürgen Habermas in seiner "Theorie des kommunikativen
Handelns", ist privatistisch und irrational. Letzterem zumindest scheinen A.J.
Weigoni und Haimo Hieronymus zuzustimmen, wenn sie über ihr neues Künstlerbuch »Prægnarien«
sagen, es habe nichts mit Logik zu tun.
Hieronymus mag das Individuelle des Strichs, empfindet im Glattgebügelten reiner
Ideenkunst beliebige Langeweile und gähnende Austauschbarkeit. Weigoni verachtet
die Bewertungskultur der Medien. Beide Artisten wollen als Künstler nicht
bewundert, sondern in treusorgender Ironie betrachtet werden, ein Augenzwinkern
nicht ausgeschlossen.
Als Formenfinder verknüpft Hieronymus bei dem Künstlerbuch »Prægnarien«
Drahtzeichnungen von formierten und deformierten Figuren mit Prägedrucken.
Bilder sind für ihn taktiler Stoff, kein abstraktes Anschauungsmaterial.
Material, das zerstört werden kann, um es neu zu fügen, andere Gedanken zu
formulieren, neue Zusammenhänge zu erschließen. Hieronymus zerlegt den Wert des
Authentischen und differenziert klar nach dem, was anwesend und was anschaulich
ist. Dabei entsteht ein subtiler Dialog zwischen Bild und
Betrachter, zwischen Materie und Fügung. Anstatt eines beliebigen Dekors der
Geschwindigkeit entsteht eine leise Schwingung, eine Vibration in der Oberfläche
von Bild und Text. Diese fügt das Bild zusammen, nicht Linien oder
Linienkonstrukte für sich: Sie sind eingebunden in eine Gesamtabsicht der
Komposition. Aufgelöste Flächen in beständigem Schwingen, im Gespräch mit den
Lineaturen.
Weigoni veranstaltet in diesen »Prægnarien« ein furioses Stimmenkonzert aus
Reimen und Kalauern, den Tücken der deutschen Grammatik und ihren
Wortzusammensetzungen. Es gibt in diesen Gedichten Buchstaben als etwas Hörbares
und Buchstaben als etwas Sichtbares. In der künstlerischen Auseinandersetzung
treffen sich Weigoni und Haimo Hieronymus regelmäßig an der Grenzlinie, dort, wo
Schrift in Zeichnung übergeht und dort, wo der Zeichenstift in die Notate
übergeht. Unser Visualisierungssystem benutzt Linien, um die Dinge zu begrenzen
und damit zu zeigen, dass sie da sind. Aber wenn das System nicht weiß, was
etwas ist, dann kann es das auch nicht erkennen und dir sagen, was es ist. So
ergibt sich für den Nutzer des Buches die Notwendigkeit der Begreifbarkeit eines
Schattens
Weigoni und Hieronymus gehen daran, dass Exotische zu vereinnahmen und das
Randständige in die Lyrik des 21. Jahrhundert in Form des Künstlerbuches
»Prægnarien« einzugemeinden. Ausnahmeweise gaben sie Habermas Recht, die
Exekutive einer auf den privaten Raum ausgerichteten bürgerlichen
Distinktionsmaschinerie hört gemeinhin auf den Namen "Guter Geschmack".
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