Post bellum von Bei Dao, 2001, HanserPost bellum.
Gedichte von Bei Dao (2001, Hanser
- Übertragung Wolfgang Kubin).
Besprechung von Hugo Dittberner aus der Frankfurter Rundschau, 5.5.2001:

Aufbruch und Vergeblichkeit
Der Abendhimmel steht auf dünnen Beinen oder Im Exil der Worte bahnt sich die Hoffnung den Weg: Bei Dao und sein jüngster Gedichtband "Post bellum".

Seit zwölf Jahren nun lebt Bei Dao im Exil, inzwischen in Davies, Kalifornien. Zur Zeit des Juni-Aufstands 1989 hatte der 1949 in Peking geborene Dichter ein Stipendium des DAAD in Berlin - und war doch auf dem "Platz des himmlischen Friedens" dabei, denn Studenten hielten auf Transparenten auch seine Verse den Machthabern entgegen.

Die Erfahrung des Dissidenten hat sein Leben und sein schriftstellerisches Werk geprägt. Er hat als Herausgeber der Zeitschrift Jintian ("Heute"), die er im Exil wiederbelebt hat, und als Mitglied des "Internationalen Schriftsteller-Parlaments" repräsentativ für ein anderes China gewirkt und wird überall in der Welt empfangen, nur eben in seiner Heimat nicht. Man lässt ihn nicht wieder einreisen; und so ist sein Spott bitter geworden. Das Nachwort seines Übersetzers Wolfgang Kubins lässt viel Unglück und Enttäuschung ahnen, wozu immer wieder und letztlich nur die Literatur und zumal die Dichtung als Bereich der Hoffnung oder jedenfalls als Terrain der eigenen Existenz aufgeboten werden kann. Bei Dao hatte sich bald nach 1970 einem von der westlichen Moderne inspirierten avantgardistischen Dichtungskonzept verschrieben, das dem traditionellen chinesischen Verständnis den Rücken zukehrt. Dies sollte ihn aus der (auch eigenen!) sterilen Barbarei der Kulturrevolution führen.

"Obskure Dichter" nannte sich eine Gruppe von Autoren, die im ersten "Pekinger Frühling" (1978-80) bekannt wurden - nicht zuletzt wegen ihres emphatischen Zugriffs aufs Gedicht. Bei Daos grandioser Roman Gezeiten, der aus mehreren Perspektiven die Geschichte einiger durch die Kulturrevolution zusammengewürfelter Menschen erzählt, enthält als inspirierendes Zentrum den Blick auf die junge Heldin, die, als Angebot ihrer Liebe, ein Lorca-Gedicht aufsagt, in dem alles Lebendige grün ist. Diese metaphorische Vision bahnt der Hoffnung den Weg - einer augenblicklichen jedenfalls.

Es ist also in dem Aufbruchston zugleich ein trauriger, melancholischer (und deshalb auch unerbittlicher) Anderton zu hören, der etwas von Vergänglichkeit und Scheitern weiß: Aufbruch einer Lost Generation. Diese Verbindung von Aufbruch und Vergeblichkeit kommt uns, als Signatur eines Teils der Moderne, bekannt vor. Und Bei Dao hat in Interviews gerade auch deutsche Dichter der Moderne als Anreger genannt, neben Rilke besonders Paul Celan. In den Gedichten des jüngsten Bandes Post bellum erscheint (neben Bach und, im letzten Gedicht, Goethe) Kafka, und eines heißt "Für Tomas Tranströmer" (den Metaphernreichen unter den lebenden Dichtern).

Notizen vom Sonnenstaat ist der sprechende Titel des 1991 in Deutschland erschienenen ersten Gedichtbands Bei Daos. Es sind freie, an Surrealismus und Hermeneutik, am Absurden gewitzte Verse, die in ein Spannungsverhältnis zum Ganzen - und als auch zum Geschlossenen des autoritären Systems geraten. Jeder Vers, jede Formel, ja fast jedes Wort will die eigene Erfahrung - sei sie noch so fragmentarisch, dunkel oder flüchtig - behaupten und ist als ein Appell an den Freiheitssinn zu lesen. Ein moderner chinesischer Dichter im Zeitalter der Globalisierung also, eine Stimme der Weltliteratur, nun in Kalifornien angesiedelt, könnte man meinen. Aber so einfach ist das nicht.

Das Exil treibt auch in diesem Fall die an ältere Traditionen und Vokabeln gebundenen Sehnsüchte hervor; es gibt Titel wie "Vaterland" und "Heimatklänge" und manchen Ton, den man dem alten deutschen Wort "Wehmut" zuordnen würde - wären diese Motive und Anklänge nicht, jedenfalls in Wolfgang Kubins schlackenloser Übersetzung, Teil einer ungemein lakonischen, konzentrierten Poesie, wie sie gegenwärtig nicht viele Lyriker zu schreiben vermögen.

Bei aller persönlichen Diskretion gibt es doch Gedichte, die in besonderem Maße Selbstaussagen enthalten: nämlich jene Gedichte, die zum Titel "Ohne Titel" haben. Im ersten Band waren es zwei, nun sind es schon fünf, die das Prekäre des Exils andeutend. Zwei davon leiten Post bellum ein. Das erste lautet:

"Ohne Titel // Fremder als ein Unfall / vollkommener als eine Ruine // Einmal ausgesprochen / geht dein Name von dir für immer // Was bleibt, ist in den Uhren / der Zement der Jugend". Das Vokabular spricht, und seine Ordnung zum Bild oder Bildbruch, als Annäherung oder Überschreitung, spricht. Das anschließende "Ohne Titel"-Gedicht endet mit den Versen: "Ich drehe mich durch Straßenwinkel / Der Staub auf dem Weg in die Heimat / verhüllt den Himmel". Begrenzung und Entgrenzung verkünden das Unverhältnis, das Herausgefallensein aus dem traditionellen Maß der Welt.

Die Verhältnisse sind aberwitzig, unpassend, grotesk - wie der Anfang von "Prag" (eine Station des Exils) zeigt: "Ein Schwarm Motten greift vom Land die Stadt an / die Straßenlampen, Totengesichter / Auf dünnen Beinen steht der Abendhimmel gestützt // Wo Totenseelen sind, ist auch Geschichte". Zeit und Welt sind aus den Fugen, von einem Krieg gegen Freiheit und Maß der Menschen lädiert, in Bildsplitter der Wahrnehmung zersprengt; in einer Unterwelt versiegelt, wie Bei Dao im dritten "Ohne Titel"-Gedicht schreibt (ein "Er" schon: "Er sitzt in enger Kajüte unter Wasser / ergeben wie Ballast"), die in der Heimat Lebenden den Herrschenden ausgeliefert, selbst in ihren Hoffnungen: "Wer hinter Megalithen Schlange steht / hofft einzugehen / ins Gedächtnis der Herrscher". Und das Gedicht endet: "Begonnen hat das Exil der Worte." Nachgeschichte, auch Vorgeschichte?

Von Wort zu Wort wird dies Exil erschrieben, mit großer Prägekraft, so dass es universelle Gültigkeit erlangt. Die Spannung zwischen Formel und Bildbruch im Maß eines Verses oder zweier Verse eröffnet den spezifischen Gebärdenraum von Bei Daos Sprechen - und birgt Definitionen des Zeitalters: "Wir erwachen wie aus Wunden", "Ich habe es zu was gebracht, ich bin sublimiert", "Endstation: ein vorbestelltes Zimmer", "Jeder Augenblick ist eine Abkürzung", "Juni ist eine schwarze Liste". Nicht immer ist ein diskursiver Sinn zu ergänzen, die Abbreviaturen wirken bisweilen übermächtig; und selten ergeben sich die Einzelheiten in ihren Zusammenhang, die Verse und Strophen (und das sind sie doch) in das eine Gedicht. Es kann zu heilen Gedichten nicht kommen.

Wie im ersten Band besteht auch hier die Gliederung aus Zeitphasen (1989/90; 1993; 1995; 1998/9), die man als poetische Erkenntnisschübe wahrnimmt. Die Signale des Verlusts, seine metaphorischen Inszenierungen werden dringlicher - und nonchalanter. Man ermüdet ein wenig im Unerbittlichen und vermisst Bei Daos Landschaftskunst, die Pinselstriche liebender Malerei, das Grün der frühen Jahre. Mit ihm sind wir im Exil, das streng ist und wohl nur streng bestanden werden kann.

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