|
|
Pools.
Gedichte von Matthias
Göritz (2006, Berlin Verlag).
Besprechung von Michael Braun in Neue
Zürcher Zeitung vom 2.10.2006:
Wie aber sind Vögel
übersetzbar?
«Pools»: die erstaunliche Verwandlung
des Lyrikers Matthias Göritz
Manchmal genügt die Vertauschung einer unscheinbaren Silbe - und in Gedichten entsteht eine neue Welt. Matthias Göritz vertraut in seinem zweiten Gedichtband auf ein Anagramm, auf den Reiz einer Bedeutungsverschiebung, um die Grenzlinien seiner poetischen Territorien neu festzulegen. Auf sein Débutbuch «Loops» (2001) lässt er nun «Pools» folgen - eine poetische Metamorphose mit gewaltigen Konsequenzen.
In «Loops» hatte der 1969 in Hamburg geborene Autor europäische und amerikanische Metropolen lyrisch kartographiert. «Loops», das waren subtile Spaziergänge durch ein urbanes Dickicht, das der Städtereisende Göritz in längeren Aufenthalten erkundet hatte: Chicago, New York, Paris und Moskau. In seinen Shortcuts städtischer Topographien versuchte der Autor, das Gedicht selbst zu einer betretbaren Landschaft zu machen. Seit dem Erscheinen der «Loops» vor fünf Jahren hat Göritz einen weiten Weg zurückgelegt: vom Grossstadtpoeten, der den Signalen im urbanen «Genesisgelände» nachspürt, hin zum gelehrigen Schüler einer meditativ-spirituellen Dichtkunst, der mit einer Ästhetik der Kargheit die Begegnung mit den Dingen ermöglichen will. Das kleine Titel-Anagramm von «Loops» zu «Pools» signalisiert bei Göritz eine Ausdehnung seines poetischen Horizonts - bei gleichzeitiger strenger Selbstdisziplinierung in der lyrischen Form.
Dieser Wandel ist das Resultat einer intensiven Beschäftigung des Autors mit den Traditionen der chinesischen und der koreanischen Poesie. Vor einem Jahr hat Matthias Göritz als Übersetzer bei der Edition grosser koreanischer Modernisten mitgewirkt. Wer seine Übersetzungen der Gedichte von Kim Chi-Ha («Blütenneid», Wallstein-Verlag) mit seinen eigenen Gedichten vergleicht, dem fallen die offenkundigen Parallelen sofort ins Auge. Eine poetologische Notiz von Kim Chi-Ha könnte den «Pools» geradezu als Motto dienen: «Mein Auftrag des Himmels ist nun, mit der Sprache sparsam umzugehen, um die Lücken zu öffnen. Durch die Lücken möchte ich das Leben ein- und ausgehen lassen.»
In vielen Gedichten der «Pools» ist Göritz dieser Maxime seines koreanischen Kollegen offensichtlich gefolgt. In Elementargedichten wie «Ozeanisch» und «Alchemie der Stimme und des Wassers Alchemie der Stimme» hat sich die Sprache auf ganz wenige fundamentale Basiswörter konzentriert, die wie in einem mystischen Exerzitium um ein Schlüsselwort gruppiert sind. Das Element Wasser - als Motivkern der «Pools» - soll hier unmittelbar als Sprachkörper evoziert werden: «Sprechen heisst / tauche in mich / ein Wasser es gibt nichts anderes als das / Katarakt, einen See.»
Diese Gedichte erscheinen mitunter wie zarte, spirituelle Tuschmalereien, die nach dem Vorbild der chinesischen und der koreanischen Poesie gebildet sind. Andere Texte sind als Künstlerporträts angelegt, in denen das Ich den Geheimnissen des schöpferischen Prozesses auf die Spur kommen will. Eine Komposition Olivier Messiaens, «Der Gesang der Vögel», hat es Göritz besonders angetan. Messiaen entwickelte bekanntlich ein eigenes Notationssystem, um den Gesang der Vögel aufschreiben und möglichst exakt in seiner Musik nachbilden zu können. So verwandeln sich auch im zweiten Teil von «Pools» die Vögel zu magischen Wappentieren. Dem Dichter geht es wie dem Komponisten darum, die Musik der Luftgeschöpfe unmittelbar in Sprache zu übersetzen: «Wie aber (und wohin) / sind Vögel übersetzbar / Noten in einer Sprache, die aufscheint / morgens / das kehlige Klopfen der Blaumeise / Schreie des Silberkopfreihers in / fliegender Fahrt . . .»
Nicht immer vermag der Autor seine meditativen Exerzitien poetisch zum Leuchten zu bringen; manches bleibt in programmatischen Sentenzen stecken. Aber der Dichter der «Pools» hat etwas wiederbelebt, das in der ironisch abgeklärten Bewusstseinspoesie unserer Tage fast verschwunden war: Der Grossstadtpoet entpuppt sich als heimlicher Romantiker, der bei allen skeptischen Vorbehalten den «Mond überm Meer» aufgehen lässt - und unsere Wahrnehmung der Schöpfungswunder wiedererweckt.
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung I home 1206 LYRIKwelt © NZZ/M.B.