Polterabend.
Roman von Alfred
Komarek (2003, Haymon).
Besprechung von Anita Pollak im Kurier,
Wien, 18.02.2003:
Simon
contra Simon – ein Vergleich
Krimiszenen
aus Österreich: Wolf Haas’
und Alfred Komareks jüngste Abschiedsromane
Simon, der
Heilige, ist den Märtyrertod gestorben. Simon, der Brenner, ist von den Toten
auferstanden und zum ewigen Leben verurteilt. Simon, der Polt, nimmt seinen Hut,
bzw. er gibt ihn ab. Schon eigenartig, dass beide Kommissare, von denen sich
Österreichs Krimi-Leser jetzt gleichzeitig verabschieden sollen, Simon heißen.
Die Ladenpreise sind gleich, die Verlage verschieden, sonst hätte man sie im
günstigen Abschieds-Doppelpack anbieten können.
Lokal-Helden
Simon Polt führt zum vierten und letzten mal durch’s Weinviertel, ober- und
unterirdisch, durch Keller und Kellergassen. Simon Brenner in seinem sechsten
und letzten Fall erstmals durch Graz, wobei sein heimatliches Puntigam schon
allein durch den Ohrwurm Lustig samma, Puntigamer zum lästigen Leitmotiv wird.
Sehr lokal sind beide Helden auch, was die Lokalszene betrifft. Hier siegt Polt
rein statistisch wirtshausmäßig eindeutig.
Für alle, die bis jetzt nur Bahnhof verstehen (auch dieser ist ein Schauplatz):
es handelt sich hier um die jüngsten Krimi-Würfe von Wolf
Haas (Das ewige Leben) und Alfred Komarek (Polterabend), mit denen die
beiden Lokal-Matadore von ihren bestsellenden Serien-Helden angekündigten
Abschied nehmen wollen. Ihre neue unideologische Kombination von „Blut und
Boden“ ist auch in der filmischen Nachnutzung ein Serien-Erfolg. Auf Polt
wartet Erwin Steinhauer, auf Brenner wahrscheinlich
Josef Hader.
Neunzig Prozent aller Morde rein privat klärt der sachkundige Erzähler den
Haas-Leser auf. Und: Das Private kann man ganz leicht daran erkennen, dass einem
meistens schlecht davon wird. Schlecht kann einem schon werden bei der
unappetitlich zugerichteten Leiche im Grazer Stadion, der eine unrunde Kugel aus
einer alten Walther das Aug heraus geschossen hat. Da steht der erst kürzlich
wundersam aus dem Koma auferstandene Kommissar Brenner vor einem Rätsel. Hat
ihm doch ein zum Verwechseln ähnliches Geschoß nahezu das Hirn ausgeblasen.
Noch ungustiöser ist die Männerleiche in der Weinpresse, deren Blut in die
Eiswein-Maische tropft, eine grausige Entdeckung, die sogar den abgebrühten
Inspektor Polt erschauern lässt. In beiden Fällen ist’s das verflixte
Private, sind’s alte, offene Rechnungen, die spät, aber doch beglichen,
sind’s Untaten aus der Vergangenheit, die gerächt werden. Und schuld sind
jedes Mal eher die Ermordeten als die Mörder, weshalb die Gerechtigkeit –
welche auch? – nicht wirklich obsiegen kann ... Und natürlich sind Frauen im
tödlichen Spiel. Ein bisschen Mafia, ein bisschen Dealerei und nervende
Kripo-Bosse sind da wie dort die obligaten Zutaten der eher atmosphärisch als
kriminalistisch dichten Handlungen.
Geschmacksfragen
Es ist dann Geschmacksache, ob man’s rustikal mag – das ganze Dorf ... wie
ein Klodeckel. Oben sauber, unten stinkts – oder gedämpft urban in der
Kulturhauptstadt Graz, die Brenners letzte Ermittlung bei Haas beauftragt hat.
Eine Frage des Stils und des Humors (Komarek hat keinen) ist die Sprache, sind
die Sprachen, denn es handelt sich kaum um dieselbe. Was Komareks Weinviertler
gar noch im Vollrausch so von sich geben, lässt sich ohne Übersetzung nach
Deutschland verkaufen. Haas hat hingegen für seinen Erzähler eine Art
kabarettistisches Neusprech erfunden, einfach und lakonisch bis zum dings –
Lieblingswort Hilfsausdruck.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter kurier.at]
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