PoliFem von Ulrich Schödlbauer, 2005, Edition Zeno

PoliFem.
Gedicht von Ulrich Schödlbauer (2004, Edition Zeno).
Besprechung von Reinhold Stumpf  für die REZENSIONENwelt, 04/2005:

Durch das Dickicht des Niemands-Landes

Mit PoliFem beschließt Ulrich Schödlbauer seine lyrische Trilogie "Lektion des Ich". Wie im ersten Band "Ionas" präsentiert er ein durchgehendes Prosa-Gedicht. Doch war die Einheit des Anfangs dem fulminanten Spiel mit der Vielfalt im zweiten Band "Organum Mortis" preisgegeben, so packt Schödlbauer sofort den roten Faden wieder und führt die Motive der vorangegangenen Gedichte mit der Stimme des "Einäugigen" in das Finale. Die Blindheit heißt hier selbstverständlich mehr als wahres Sehen. Das eine Auge lässt Unwesentliches beiseite und richtet den Blick erst recht auf die dunklen Flecken im Innern der Leser ("ein leeres Auge ist ein geräumiger Ort").

In fünf "Sätzen", die durchaus als dramaturgische Akte zu beschreiben sind, schickt Schödlbauer seinen Polyphemos auf die Reise und verkehrt schon hier das Verhältnis des Höhlenbewohners zu seinem Gast, dem Superstar Odysseus. Auch wenn der Einäugige die Irrfahrten mit allen Sinnen und mit all ihrer Sinnlosigkeit miterlebt, bleibt seine Perspektive konsequent die des überblickenden Riesen. Dabei lässt er die Verse erstaunlich straight und leichtfüßig durch das Dickicht des Niemands-Landes gleiten, wo jeder zum global player geworden ist und die Inflation der Einzigartigkeit gezwungenermaßen in einem Ozean der Leere aufgehen muss. Da helfen weder die Tricks des Abenteurers noch die Verlockungen der weiten Welt. "Was zählt ist die Sicht, sie muss gut sein." 

Dass der Nachfolgegeneration der 68er gerade dieser Blickwinkel abhanden gekommen ist, kritisiert Schödlbauer am Raubbau an der Sprache. Dabei scheut er selbst weder poetische noch intellektuelle Ansprüche. Dazwischen ist immer noch Platz für feine Ironie, die der Dichter in kunstvollen Wortspielen verpackt: "In dieses Tal, hörst du, kamen wir früh. Eine Schlucht meinetwegen, doch man hört keine Schluchzer." Ganz nebenbei stellt er damit einen Dialog zwischen Polyphemos und dessen unsichtbarem Gegenüber her, der den Leser zu amüsieren wie zu beunruhigen vermag. "Was als Aufbruch begann, endet als Flucht. Fluchend bekehrt sich der Neuling, der weiß: jetzt oder nie."

Dem Büchlein ist eine Audio-CD beigelegt, die den kompletten Text, vom Autor persönlich vorgetragen, enthält. Das Hörbuch ist in diesem Fall selbstverständlich nicht als Ersatz der Lektüre sondern als höchst empfehlenswerte Ergänzung gedacht. Immer wieder überrascht Ulrich Schödlbauer mit Betonungen und Nuancen, was dem Werk als Gesamtes eine entscheidende Dimension verleiht.

An dieser Stelle sei auf die immer wieder höchst liebevolle Gestaltung der Bücher der edition zeno hingewiesen. Für die Umschlagmotive der in englischer Broschur erscheinenden Titel zeichnet stets der Grafiker Jürgen Wölbing verantwortlich. So werden die literarischen Kostbarkeiten der Edition insgesamt zu Kunstwerken ersten Ranges.

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Leseprobe I Buchbestellung 0405 LYRIKwelt © Reinhold Stumpf