Polar.
Gedichte von Albert
Ostermaier (2006, Suhrkamp).
Besprechung von Christoph Pollmann aus der titel-magazin,
2006:
Aufgewärmte Tiefkühlkost
Auf dem Cover der Himmel scheint soeben gestorben. Wie eine Nebelbank über
die ganze Breite das Wort POLAR. Vorne letztes Rücklichtrot.
Ansonsten tote Bläue... Selten wurde in einem Gedichtband so viel
geraucht und so wenig gesagt, so viel durch die Straßen gestreunt,
ziellos, verloren, liebesuchend. Und? Was bleibt uns außer nachgeäfften
Gesten?
Suhrkamp, Gedichte – geht´s noch feiner?
Sinkt einem da nicht gleich Knie und Rezensentenmut? (Das eine geht zu
Boden, das andere in die Hose.) Und Albert Ostermaier ist ein echter Star
auf der äußerst dünnbesiedelten Szene des lyrischen Erfolgs. Was er mit
seinem neuen Band Polar allerdings im Sinn hatte, begreifen wir
aber nicht ganz. Eine Reminiszenz an den französischen Film – okay.
Geht das nicht auch privat? Alain Delon anschauen und ihm dann ein ganz
persönliches Gedicht zueignen? Aber einen ganzen Band damit zusammenzuquälen,
der uns nur lauter alte Pistolen an die Schläfen setzt? Gelänge
Ostermaier etwas Neues, ein spangroßer Abgewinn nur von den so
wunderbaren Filmvorlagen, stattdessen kritzelt er ihnen hinterher. „Aber
Subtilität! Die ist doch sicher vorhanden?“ Diesem Hoffnungssuchenden
wollen wir ein Original unter die schnüffelnde Nase reiben:
das ist nicht ganz das leben / von dem ich geträumt habe / das ist nicht
ganz dieses beben / weil ich was zählt versäumt / habe das war ein
sinnloses / streben weil ich nie etwas / von mir selbst gegeben habe / das
war nicht ganz vergebens / aber zeit meines lebens eine / narbe quer über
dem herzen (Aus: cahiers)
Würde man dieses Poem nicht geostermaierstylt haben (punkt-, komma-, großschreibungslos),
so sähe es wahrscheinlich folgendermaßen aus:
Das ist nicht ganz das Leben, von dem ich geträumt habe.
Das ist nicht ganz dieses Beben,
weil ich – was zählt – versäumt habe.
Das war ein sinnloses Streben,
weil ich nie etwas von mir selbst gegeben (habe).
Das war nicht ganz vergebens,
aber zeit meines Lebens (bleibt)
eine Narbe quer über dem Herzen.
Ein echter Poesiealbumklassiker! Und liest unser Schnüffler mit der
poetischen Trüffelnase das Gedicht dann weiter, so wird er mit echter
Rap-Poesie belohnt, voll krasskowskimäßig. (Wer gesunde Ohren hat, der höre
allerdings lieber weg.) Es gibt natürlich Besseres in diesem
140-Seiten-Band als das oben zitierte. Aber selbst das Bessere genügt
nicht zum Guten. Es bleibt statisch, ja starr, versatzstückhaft,
ausschnittsbetont, frostig. Und selbst wenn das alles einer ausgeklügelten
Poetik entspringen sollte, so bleibt da - außer Atmosphärenkult -
nichts, was man stundenlang lesen wollte. Wird durch die Ostermaier-Ästhetik
die Stumpfsinnigkeit und Monotonie des Satzbaus noch einigermaßen
kaschiert, so bricht sie inhaltlich dann umso deutlicher als das Gähnen
hervor, das uns Lesern so unschön das Gesicht verzieht. Napiert werden
diese lyrischen Tiefkühlblöcke mit musealen Fotostrecken und einem
Nachwort, das das Schlucken dieser Überflüssigkeiten vereinfachen will.
Aber es hilft ja nichts... Unser Rat: Einfach Le Samouraï als
Video besorgen und das Plappermaul mit einer filterlosen Zigarette
pfropfen.
[...diese
und weitere Besprechungen finden Sie unter
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