1.) - 4.)
Pokorny
lacht.
Roman von Frank
Goosen (2003, Eichborn).
Besprechung von Ela Angerer im Kurier,
Wien, 18.02.2003:
Friedrich
Pokorny, von Beruf Komiker, versteht sich als Dienstleister der
Spaßgesellschaft und verdient damit gutes Geld. Privat vermeidet der Held aus
dem Roman „Pokorny lacht“ die Komplikationen des Lebens durch coole Sprüche
und selbstgewählte Einsamkeit. Bis zu jenem Tag, als sich sein ehemals bester
Freund aus Kinder- und Jugendtagen wieder meldet.
Zacher und er waren zusammen verprügelt worden. Zacher hatte seine Hand
gehalten, als seine Mutter gestorben war. Das bedeutete etwas. Ein kurzer Brief
wühlt Pokornys ambivalente Gefühle zu Zacher wieder auf, ewig schwankend
zwischen Rivalität und Treue. Dazu kommt die Erinnerung an ihre gemeinsame
große Liebe Ellen, für deren Tod sie sich gegenseitig verantwortlich machen.
– Als Sohn eines Schrottplatz-Besitzers fühlte sich Pokorny während seiner
Schulzeit als Außenseiter. Nur bei Zacher konnte er mit einem alten
pinkfarbenen Cadillac punkten. Und Jahre danach, spätnachts dann bei Ellen, die
eigentlich die Freundin von Zacher war. Ellen staunte, als hätte sie noch nie
alte, kaputte Autos gesehen, aber so ging es wohl allen, die nicht hier
aufgewachsen waren. Ein einzelnes Wrack war nichts besonderes, eintausend waren
Poesie.
Autor Frank Goosen tingelte als Kabarettist mit einer Nummern-Revue durch
Deutschland, bevor er vor zwei Jahren mit „Liegen lernen“ sein erstes Buch
und damit gleich einen Bestseller schrieb. Nach der ironischen Beschreibung
einer Jugend im Ruhrpott der 80er-Jahre wirft der 36-Jährige jetzt in seinem
zweiten Roman einen Blick hinter die brüchige Fassade einer intensiven
Freundschaft, die das Leben zweier Männer bestimmt. Mit wunderbarem Witz, wenn
auch manchmal etwas zu pathetisch, erzählt Goosen von ernsten Dingen wie Liebe,
Verrat und Tod. Sein Erstlingswerk „Liegen lernen“ würde übrigens gerade
mit dem österreichischen Theater-Star Sophie Rois verfilmt.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter kurier.at]
Leseprobe I Buchbestellung 0203 LYRIKwelt © Kurier, Wien
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2.)
Pokorny
lacht.
Roman von Frank
Goosen (2003, Eichborn).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ
vom 26.2.2003:
Frank Goosens Debütroman "liegen lernen" war nicht vom Mantel der Literatur-Geschichte umweht, aber immerhin vom Zeitgeist-Jäckchen der 80er Jahre. Darin hatte von Bäckerhosen über Hanutas bis zu halblinken Gesinnungsmustern alles Platz, was zur Wiedererkennungswertschöpfung taugt. Und als der Ossi Thomas Brussig (der von der Sonnenallee) im "Spiegel" über Goosens Roman aus dem flachen Westen staunte, war der Erfolg da: 50 000 verkaufte Bände in zwei Jahren, die Taschenbuchausgabe rotiert, der Film zum Buch ist abgedreht (sowieso) und kommt im Sommer in die Kinos.Und jetzt? Jetzt gibt es Pokorny, den Komiker, der Geld ausgerechnet mit dem verdient, was Spaß macht: Freche Antworten geben auf Fragen, die keiner gestellt hat. Vor einem Publikum, das sich von den eigenen Dummheiten gefangen nehmen lässt und den Pointenpeitscher auf der Bühne dafür bezahlt. Pokorny würde selbst bei 365 Auftritten im Jahr fragen, ob er nicht noch ein paar Matineen geben darf. Man könnte ihn mit dem Ex-Tresenleser und Großkleinkünstler Frank Goosen aus Bochum verwechseln. Dabei gibt es Pokorny erst, seit Goosen seinen zweiten Roman geschrieben hat: "Pokorny lacht". Der beginnt damit, dass Pokorny nichts zu lachen hat: Er, der Sohn vom Schrottplatzbesitzer, der damals noch Klüngelskerl hieß, wird vermöbelt von Sonderschülern. Der Außenseiter der Außenseiter schließt sich mit Zacher, dem Sohn einer Säuferin, zusammen - auf dem Weg in die Neue Mitte. Zacher, die analytische Intelligenz, rackert sich zum Einserjuristen hoch; Pokorny, die anarchische Intelligenz, stolpert auf die Kabarettbühne, auf der politisierende Altmeister wie Korff zur aussterbenden Art geworden sind. Doch die Freunde sind auch Rivalen, sie schnappen sich die Freundinnen weg. Bis Ellen, die in jeder Hinsicht zwischen ihnen steht, vom Lkw überfahren wird. Aber die Moritat vom Überholzwang der testosterongeplagten Menschheitshälfte geht versöhnlich aus. Erst fährt Pokorny mit Zacher eine Friedens-Runde im 56er-Cadillac, der den Roman im Geleitzug einiger tiefer gelegter Kalauer leitmotivisch flankiert - und dann mit seinem Sohn, um den er sich nach vierzehn Jahren mal kümmern will, nach Italien.
Zeitgeist in der Nebenrolle
Also noch ein Roman über das Abnabelungsverhalten drogenabstinenter, heterosexueller Nichtdemonstrierer, die zwischen Pubertät und Midlife-Crisis höchstens einen Tag Zeit haben. Vielleicht interessiert man sich deshalb mehr für die anderen, den Klüngelskerl, die Säuferin. Selbst der Zeitgeist spielt nur eine Nebenrolle. Schrottplatzexperten würden monieren, dass die Ringelsocken fürs Auto gar nicht "Weißbandreifen" heißen, den Lifestyle-Chronisten stieße auf, dass der Prosecco bei Pokorny ein paar Jahre zu früh getrunken wird. Aber da beide Berufsgruppen keine Romane lesen, erfreuen wir uns lieber an dem ein oder anderen Kabarettstückchen: "Sie sah genau so aus, wie er sie am liebsten beschrieben hätte, wenn ihm dafür die richtigen Worte eingefallen wären." (NRZ)[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0303 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung
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3.)
Pokorny
lacht.
Roman von Frank
Goosen (2003, Eichborn).
Besprechung von Frank Schorneck aus dem titel-magazin:
Ansichten eines Clowns
In seinem zweiten Roman kann Frank Goosen mühelos
die hohen Erwartungen erfüllen, die sein erfolgreicher Erstling "Liegen
lernen" geweckt hat. Wieder einmal gelingt ihm die feine Balance zwischen
Tragödie und Komödie mit einer Leichtigkeit, die im deutschen Sprachraum eher
selten ist.
Nachdem "Liegen lernen" über weite Strecken an Figuren aus seinen Bühnenprogrammen
angelehnt war, durfte man nun gespannt sein, wie sich Goosen vom Kabarett löst
und auf dem weiten Feld der Fiktion bewährt. Eine definitive Antwort auf diese
Frage bleibt jedoch auch der zweite Roman schuldig, denn der Bochumer scheint
Gefallen daran zu finden, mit autobiographisch anmutenden Anspielungen seine
Leser zu verunsichern: Friedrich Pokorny, die Hauptfigur des neuen Romans, ist
Komiker mit ausgedehntem Tourplan – und man braucht kein besonders
aufmerksamer Leser zu sein, um in den Andeutungen zu Pokornys Bühnenprogramm
Goosens Klassiker "Always kill your Darlings" zu erkennen. Dieses
Spiel mit ineinander greifenden Rollen, das den Zuschauer nach einer gelungenen
Pointe mit bösen Wendungen aus dem Lachen reißen kann, beherrscht Goosen auf
der Bühne zur Perfektion – und er überträgt dieses Prinzip nun auf seinen
Roman. Wenn sich nun Leser auf die Suche nach dem autobiographischen Gehalt des
Buches machen, sind sie dem Autor bereitwillig in die Falle gegangen.
Goosen meets Pokorny
Friedrich Pokorny kommt nach einer dreiwöchigen Tournee nach Hause und findet
in dem Poststapel einen Brief, der ihn aus der Bahn wirft. Es ist eine Einladung
zum Abendessen, ausgesprochen von seinem Jugendfreund Thomas Zacher, den er seit
Jahren aus gutem Grund nicht mehr gesehen hatte: „Er konnte nicht zu Zacher
gehen, sich mit ihm an einen Tisch setzen und essen, als sei nichts gewesen.
Immerhin war Zacher dafür verantwortlich, dass Ellen nicht mehr lebte.“ -
Ganz anders als in "Liegen lernen" macht Goosen hier schon zu Beginn
des Romans deutlich, dass dem Leser tragische Wendungen bevorstehen, wenn im
Folgenden die Vorgeschichte einer Männerfreundschaft aufgerollt wird. Im
letzten Schuljahr der Grundschule freunden sich Friedrich, Sohn eines
Schrottplatz-Besitzers und Thomas, Sohn einer allein erziehenden Alkoholikerin,
an. Die beiden Außenseiter scheinen sich gut zu ergänzen. Der intelligente und
ehrgeizige Thomas, der bei Friedrichs Eltern eine liebevolle Familie erleben
kann, hilft Friedrich wiederum bei den Hausaufgaben. Doch schon von Beginn an
steht die Freundschaft unter keinem wirklich guten Stern. Friedrich sieht in
Thomas neben dem Freund auch stets einen Konkurrenten, tritt in einen
unausgesprochenen Wettbewerb mit ihm. So versucht er schon früh, mit dem
Cadillac, dem Stolz des Schrotthändlers, Eindruck zu schinden. Als Thomas erste
Erfolge bei Mädchen hat, die Friedrich nicht vorweisen kann, sind Friedrichs
Gefühle alles andere als freundschaftlich.
Psychogramm einer Freundschaft
Die Wege der beiden trennen sich im Studium: Thomas wendet sich den
Rechtswissenschaften zu, Friedrich wurschtelt sich eher halbherzig durch die
Germanistik und Soziologie; doch um mit seinem Lebensstil und angeblichen
Eroberungen zu prahlen, lädt Pokorny Zacher schon mal zu sich ein. Dabei kommt
es zur schicksalhaften Begegnung mit Ellen, einer wundervollen aber auch
geheimnisvollen Frau, die zwar Zachers Freundin wird, zu Pokorny aber ebenfalls
eine erotische Beziehung aufbaut. Als es zu einer Aussprache der drei kommt,
endet diese mit einem tödlichen Unfall Ellens – und Pokorny gibt Zacher für
diesen Unfall die Schuld.
Als Pokorny nun Jahre später die Einladung Zachers wider besseren Wissens
annimmt, erwartet ihn eine perfide Überraschung. Zacher ist mittlerweile
verheiratet – und Kristina, die Tochter, die seine Frau mit in die Ehe
gebracht hat, gleicht auf gespenstische Weise Ellen. Pokorny ist angewidert von
Zacher, der offenbar geheiratet hat, um der Ellen-Kopie so nah wie möglich zu
sein – gleichzeitig aber setzt er alles daran, Kristina zu verführen, mit ihr
Erlebnisse (und Fotos) nachzustellen, die er mit Ellen hatte.
Goosen ist mit Pokorny ein gebrochener Charakter gelungen, der bis ins Detail zu
überzeugen vermag. Pokorny, der schon als Klassenclown zwar die Lacher, aber
kaum Sympathien für sich gewinnen kann, versteckt seine Gefühle hinter
Zynismus und tourt bis zum Umfallen, um nur ja nicht zur Ruhe zu kommen und die
eigene Einsamkeit zu spüren. "Pokorny lacht" ist ein bösartiges
Psychogramm einer Freundschaft zweier Außenseiter. Und dabei ist der Roman
stellenweise ungeheuer witzig, geprägt von einer sehr „englischen“ oder
aber auch „irischen“ Art des Erzählens. Goosen hat die Hürde des
„zweiten Romans“ souverän übersprungen und dürfte nun endgültig einen
Platz in der ersten Liga deutschsprachiger Unterhaltungsliteratur erlangt haben.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.titel-magazin.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0503 LYRIKwelt © titel-magazin
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4.)
Pokorny
lacht.
Roman von Frank
Goosen (2003, Eichborn).
Besprechung von Christina Gastager-Repolust aus Rezensionen-online
*bn*, Juli 2002:
Das stille Glück am Rücksitz des Cadillac. (DR)
Friedrich Pokorny hat Talent, ein einsames Talent zum Komischen; weil ihm früh die Spontaneität zum Handeln abhanden kam, entwickelte er seine Meisterschaft im Jonglieren mit Worten. Seine Mutter war eine schöne Frau, sie war zu schön und hatte zu bunte Träume im Kopf für die Ehefrau des Schrotthändlers - dementsprechend früh verstarb sie: still und dezent. Friedrich zieht sich inmitten des Areals der "Autoverwertung Karl Pokorny" in den Zwinger zurück, in dem sein Vater ein besonderes Auto "hält": den rosa Käddi, einen richtigen Straßenkreuzer. Friedrich ist der Sohn vom Klüngeskerl, dem Schrotthändler, der das, was andere wegwerfen, zu Geld macht. "Ich bin der Sohn vom Klüngelskerl", so wird sich Pokorny seiner ersten Liebe vorstellen, in unschuldiger List, hoffnungslos, melancholisch. Goosen arrangiert diese Kindheits- und Freundschaftsgeschichte - Pokornys Freund-Feind Thomas Zacher ist gleichzeitig sein alter Ego - rund um den ruhenden Pol des Schrottplatzes, dieser Arena der richtigen Männer. Frank Goosen, Jahrgang 1966, zeigt, wie schön es doch die "Generation Golf" gehabt haben könnte, hätte sie mit einem besten Freund auf dem Rücksitz eines Cadillacs ihren Träumen nachgeschwiegen. Frauen, natürlich, und schüchterner Sex, klemmende Beziehungskisten und ein dramatischer Tod. Ein kluges Buch über Träume und Lebensentwürfe, bitter wie ein guter Espresso, mit einer Spielart von Humor, die jedem Milchschaum sein beruhigendes Lächeln nimmt.
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