Plötzlich
tief im Wald.
Märchen von Amos
Oz (2006, Suhrkamp - Übertragung Mirjam
Pressler).
Besprechung von Christine
Diller im Münchner
Merkur, 22.8.2006:
Erben des
Unglücks
"Plötzlich tief im Wald":
Amos Oz' trauriges Märchen
Es war einmal ein berühmter israelischer Schriftsteller namens Amos Oz, der hatte schon viele Romane, Erzählungen und politische Essays geschrieben und wichtige Preise dafür erhalten. Eines Tages verfasste er ein geheimnisvolles Märchen und widmete es den Kindern, die mit eigenen Vorschlägen daran mitgewirkt hatten.
Es begann nicht mit den Worten "es war
einmal" und handelte auch nicht von schönen Müllerstöchtern, tapferen
Prinzen und bösen Stiefmüttern. Sondern von einem mutigen Mädchen und einem
nachdenklichen Jungen, die nicht akzeptieren wollten, dass sie in einer
unfreundlichen Welt leben sollten, ohne dass ihnen ihre Eltern eine vernünftige
Erklärung für die bedrohlichen Zustände gaben.
Das kleine Werk "Plötzlich tief im Wald" handelt von einem Bergdorf,
aus dem vor langer Zeit über Nacht sämtliche Tiere, vom Holzwurm bis zum
Ackergaul, verschwunden sind. Einige besonders tierliebe Bewohner kostete das
den Verstand. Und immer wieder einmal geht einer von ihnen die Tiere im Wald
suchen und kehrt dann etwa wiehernd wie ein Fohlen zurück. Als Erklärung
tischen die Eltern ihren Kindern nur rätselhafte Geschichten auf, die sie
keinesfalls für wahr halten sollen.
Im Übrigen redet man tunlichst nicht über die merkwürdige Unbelebtheit im
Dorf und die unbestimmbaren Ängste seiner Bewohner. Hier macht der Erzähler
besonders deutliche Anleihen an die Formen mündlicher Überlieferung, die in
der Schriftlichkeit irritieren: Er wiederholt sich, widerspricht sich mitunter,
ergeht sich in unschlüssigen Varianten, kommt mit der Handlung erst allmählich
in Fahrt.
Zwei aufgeweckte Kinder, Maja und Mati, lassen sich allerdings von der
Geheimniskrämerei nicht abschrecken. Sie entdecken einen Einsiedler, der sich
einst an seinen Mitmenschen aus Verbitterung über deren grausame Spottlust
zusammen mit den Tieren rächte. Doch die schlaue Maja lässt diesen Mann mit
seiner egoistischen, allzu einfachen Lösung nicht davonkommen.
Das Märchen des Friedensaktivisten Amos Oz ist auch eine Parabel. Nicht direkt
auf den Nahostkonflikt - eine 1:1-Übersetzung könnte den komplizierten
Verwicklungen kaum gerecht werden. Doch im kleinen Muster der einfachen
Geschichte lassen sich einige allgemeine Wahrheiten über viele Konflikte
wiederfinden.
Gefährliche Legenden und völlige Ignoranz
Zwei Parteien - die manchmal
gehässigen Dorfbewohner und ein paar sensiblere Außenseiter - machen einander
das Leben schwer, ohne dass sie je ihre Probleme miteinander besprechen würden.
Auf das Verhalten der anderen Seite reagieren sie jeweils mit völliger
Ignoranz. Über die Jahre schleicht sich bei beiden eine gefährliche
Legendenbildung ein. Die Leidtragenden und Erben des Unglücks aber sind die
unwissenden Kinder, die sich keine Alternative zu den Verhältnissen mehr
vorstellen können. Es sei denn, sie sind so mutig und unabhängig wie Maja und
Mati. Aber ein Happy End hat Amos Oz diesem Märchen trotzdem nicht geschrieben.
Wie könnte er auch, wenngleich zu diesem Zeitpunkt noch nicht Krieg war.
Für sein Lebenswerk erhält Amos Oz im September den Bayerischen Buchpreis
Corine.
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