Plattform von Michael Houllebeqc, 2002, DuMont1.) - 5.)

Plateforme/Plattform.
Roman von Michael Houellebecq (2001, DuMont - Übertragung Uli Wittmann)).
Besprechung von Kersten Knipp im DeutschlandRadio am 24.8.2001:

Mechanismen des Skandals
Houellebecq porträtiert den toten Geist

Nachdenken über den Hirntod: Michel Houellebecq

Sex sells. Michel Houellebecq kann sich darum die Hände reiben. Nur einen Monat noch, dann kommt sein neuer Roman auf den französischen Buchmarkt. Plateforme heißt der, und platt, jedenfalls kaum erhebend, geht es in dem Buch auch zu. Denn es handelt vom Sextourismus in Thailand, erlebt und erzählt aus der Perspektive eines mittleren Angestellten, dem eine Erbschaft die Expedition in schwüle moralische Halbwelten ermöglicht.

Ein Thema wie gemacht für Houellebecq, denn es zwingt ihn geradezu, sich in Sachen Sarkasmus und Zynismus noch einmal selbst zu übertreffen. In seinem neuen Roman, schrieb das Nachrichtenmagazin Le Point, zeichne Houellebecq "ein weites Panorama des globalen Tourismus, aus der Schenkelhöhe seiner Protagonisten betrachtet". Ein Thema, das zu ganz eigener Ästhetik einlädt: "Seine erotische Kunst ist um so wirksamer, als es zu Gunsten der traurigen Wahrheit auf jeden stilistischen Effekt verzichtet. Darin besteht seine Provokation und seine Kraft. Ein von aller Literatur "gereinigter" sexueller Akt, an der Grenze zum Porno. ... Die trostlose Flachheit des Stils verweist auf die Flachheit einer rein zoologischen Welt, eine Art Park für kranke Tiere."

Strategien der Provokation

"Ein Park für kranke Tiere": Seit Ausweitung der Kampfzone wird Houellebecq nicht müde, die Diagnose in immer neuen Varianten zu stellen. Und man kann sich vorstellen, welchen Tumult das neue Buch, von Le Monde vor wenigen Tagen in Auszügen vorab veröffentlicht, bei seinem Erscheinen hervorrufen wird. Moralisten werden aufschreien, der cool gestimmte Zeitgeist hingegen Beifall klatschen, und Frankreich darf, einmal mehr, einen mittleren literarischen Skandal feiern. Erstaunlich nur, dass immer wieder die gleichen simplen Mechanismen reichen, ihn loszutreten. Ein zynischer Grundton, eine dumpfe, aber mit kühlem Humor durchaus kunstvoll inszenierte Stimmung, die Signale empörter Distanz sorgsam getilgt: Es braucht nicht viel dass damit die literarische Welt Kopf steht.

Er halte seinem Land den Spiegel vor, hat man zugunsten Houellebecqs geschrieben. Und wirklich lässt der auch in Plateforme ganz Frankreich zu Wort kommen: die Hedonisten ebenso wie, in Form von deren weiblichen Begleitern, die Moralisten. Inmitten der schwülen Tropenlandschaft, ganz nah am Reich der Sünde, lässt der Autor seine Protagonisten Diskussionen über Gut und Böse, echte und käufliche Liebe führen. Dabei leiht er auch der gerechten Empörung eine Stimmung - die sich im zynischen Grundton des Romans freilich kaum durchzusetzen mag, die in der Stereotypie der Argumentation auch kaum intelligenter wirken als die in ihrer Dumpfheit schwer zu überbietenden Macho-Sprüche der männlichen Diskutanten. Doch genau in dieser begrenzten sprachlichen Ausdrucksfähigkeit der Protagonisten könnte auch die eigentliche Skandalkraft des Romans liegen. Denn wenn Houellebecq eine Kunst beherrscht, dann die, den vorgestanzten, durch und durch schematischen Charakter der das Thema umkreisenden Ansichten herauszuarbeiten. Der alkoholdurchtränkte Stumpfsinn ebenso wie die stereotype Empörung, die er auslöst: Kunstvoll verdichtet Houellebecq auf engstem Raum den allzu routiniert ablaufenden Mechanismus von geistloser Überheblichkeit und selbstgerechter Empörung.

Nach dem Hirntod

Mag sein, dass in dieser mit kalter Lust inszenierten Konzentration geistlosen Geplappers die eigentliche Störkraft des Romans liegt. Und vielleicht geben die Sexreisen nach Thailand - an sich schon Skandal genug - nur die Kulisse, vor der sich die absolute Geistlosigkeit der Reisenden umso schärfer abhebt. Denn es ist vielleicht weniger Zynismus der Protagonisten als das Schablonenhafte, Denkfaule, jede intellektuelle Regung erstickende Großkotzigkeit, die die Lektüre zugleich so erheiternd und so verletzend macht.

Frankreich hat eine große Tradition literarischer Obzönitäten. Diejenigen Houellebecqs allerdings wirken wie die Schriften eines Choderlos de Laclos nach dem Hirntod seiner Protagonisten. Ging es dort um das auf höchster Stufe des Bewusstseins getriebene Spiel mit der Ästhetik des Amoralismus, kreist hier alles um die Mechanik hirntoter Körper. Und denkt man an einen anderen prominenten französischen Asientouristen, Paul Gauguin, so hatte der zumindest den Anspruch, seine exotistischen Gelüste durch eine sicherlich recht durchsichtige, aber immerhin rechtfertigende Zurück-zur-Natur-Ideologie zu überhöhen. Dass er das nicht tut, im entschlossen vollstreckten Abschied von allem Intellekt und jeglicher Neigung zur Rechtfertigung, liegt die eigentliche Zumutung Houellebecqs. Sie allerdings betreibt er bis virtuos. Dass er sie dieses Mal vor allem auf den Bereich des industrialisierten Eros konzentriert, weist ihn zudem als gewieften Geschäftsmann aus: Sex sells, auch auf dem Buchmarkt.

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Plattform von Michael Houllebeqc, 2002, DuMont2.)

Plateforme/Plattform.
Roman von Michael Houellebecq (2001, DuMont - Übertragung Uli Wittmann).
Besprechung von Simone Dattenberger im Münchner Merkur am 2.2.2002:

Der Mann ist doch brav
Michel Houellebecqs neuer Roman

Schüsse fallen, Schreie gellen. Zurück bleiben zerfetzte Tote, verstümmelte Schwerverletzte - und einige wenige scheinbar Unversehrte, die aber traumatisiert sind. Michel, Michel Houellebecqs Hauptfigur aus seinem neuen Roman "Plattform", ist einer von ihnen. Er hat den Terroranschlag einer islamistischen Radikalen-Gruppe (das Buch erschien in Frankreich vor dem 11. 9. '01) auf eine lüstern-lockere Tourismus-Anlage in Thailand, in der flotte Dreier oder Vierer stets beliebt waren, überlebt. Seine Freundin aber, Valé´rie, ist erschossen worden. Kurz kehrt Michel nach Paris zurück, fährt jedoch bald wieder nach Thailand, um sein Leben ohne die Geliebte langsam verdämmern zu lassen.

So wie Houellebecqs Buch mit dem Tod endet, so beginnt es auch mit dem Tod. Michel fährt zu Beerdigung seines Vaters in die Provinz. Und es stellt sich heraus, dass der alte, aber rüstige Herr ermordet worden ist. Von einem Moslem, dem es nicht passte, dass seine Schwester für den Mann mehr war als die Putzfrau. Blutrünstig durchgesetzte Moralvorstellungen kontrastiert der französische Schriftsteller mit: eigentlich überhaupt keiner Moral.

So locker und leicht lesbar Houellebecq auch schreibt, bei der Lektüre wird doch deutlich, dass er eher ein intellektuelles Spielfeld absteckt als ein Kunstwerk schafft. Er formuliert in erster Linie eine soziologische Abhandlung. Um sie unterhaltsam zu machen, verpackt er sie in die Romanform. Als Lock-Zuckerl für den Leser, der vielleicht bei betriebswirtschaftlichen Erläuterungen über Tourismusfirmen nicht vor Spannung an den Nägeln kaut, legt er diverse, anatomisch eindeutige, aber insgesamt moderate Sexszenen aus.

"Plattform" hat bei seinem Erscheinen in Frankreich, heißt es, heftige Diskussionen ausgelöst. Entweder ist diese Behauptung bloß ein eine gute Werbemasche, oder, wenn sie stimmt, geben die Franzosen Rätsel auf. Schließlich erweist sich Houellebecq hier als fast romantischer Autor. Ein bisschen Ironie und Satire, die saubere Analyse der Amoralität des kapitalistischen Systems, aber doch kein echter Tabubruch: nix Kindersex, nix Sado-Maso, schon gar keine revolutionäre Kapitalismus-, Aktien- oder Globalisierungs-Verdammung. Der Mann ist doch brav. Weswegen erregt man sich? Weil er uns einen kleinen Spiegel vorhält? Es gab da vor langer Zeit einen Marquis de Sade: Der war nicht brav, der war brillant; sein Spiegel war sehr viel größer und schärfer. .

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Plattform von Michael Houllebeqc, 2002, DuMont3.)

Plattform/Plateforme.
Roman von Michael Houellebecq (2001, DuMont - Übertragung Uli Wittmann).
Besprechung von Veronika Franz im Kurier, Wien am 8.2.2002:

Der sanfte Ruf asiatischer
Männer-Paradiese

Zugegeben, der Anfang ist verdammt hart. Da steht einer beim Begräbnis des eigenen Vaters und denkt an ihn mit den Worten: Du hast Glück gehabt, du Sau. Du hast den dicken Pimmel in die Möse meiner Mutter geschoben. Da will man schon gar nicht mehr weiterlesen, so spekulativ ist es. Aber dann hätte man doch einige Höhepunkte versäumt. Im Laufe der Handlung landen schließlich noch viele Pimmel in noch mehr Mösen; wahlweise sogar (huch!) im Mund oder der eigenen Hand.

Männerfantasien

Es geht also, erraten, um Sex oder besser: Um Männerfantasien, und um Gewalt. Jene erfolgreiche Mischung des französischen Autors Michel Houellebecq. Gut, vielleicht hätte man statt dessen eine Leserbriefsammlung aus dem Penthouse-Archiv herausgeben können. Es geht ja aber auch um Höheres. Womit lässt sich Gott vergleichen?, grübelt Michel, Hauptfigur und 40-jähriger Kulturbeamter, der zwischen TV-Apparat, Büro und Peepshow einen eher freudlosen Alltag lebt, und beantwortet die Frage selbst: Zunächst natürlich mit der Möse einer Frau; aber vielleicht auch mit den Schwaden eines Dampfbades. Also fährt er nach Thailand, dem sanften Ruf der asiatischen Möse folgend.

Auf der Reise lernt er Valerie, eine Französin in der Tourismusbranche, kennen, mit der er zum ständig kopulierenden Liebespaar wird und nebenbei ein Konzept entwickelt, wie die stagnierende Ferienklub-Welt zu retten ist: Auf der einen Seite hast du mehrere Millionen Menschen in der westlichen Welt, die alles haben, außer sexuelle Befriedigung. Auf der anderen Seite gibt es mehrere Milliarden, die nichts anders verkaufen können als ihren Körper und intakte Sexualität. Das ist die ideale Tauschsituation. Also werden Sex-Ferien-Klubs gegründet.

Ob seiner groben Äußerungen über Islam und Sextourismus hat „Plattform“ für einen Skandal gesorgt. Dabei ist Houellebecq zumindest darin unangreifbar: Nicht er, sondern seine Hauptfigur schreibt diesen Roman. Insofern kann er Klischees bedienen, wie Geografieunterricht klingen oder sich rassistische Äußerungen über „dreckige Hongkongchinesen“ und die „natürliche Bosheit der Japaner“ leisten. Streckenweise einfältiger Porno, dann wieder bestechend ironische Bestandsaufnahme westlicher Welt, ist „Plattform“ kein Skandal, sondern braucht ihn nur.

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Plattform von Michael Houllebeqc, 2002, DuMont4.)

Plattform/Plateforme.
Roman von Michael Houellebecq (2001, DuMont - Übertragung Uli Wittmann).
Besprechung von Dirk Fuhrig in der Frankfurter Rundschau, 14.2.2002:

Monsieur Tristesse
Der französische Autor Michel Houellebecq las im TAT aus seinem neuen Roman "Plattform"

Deutsche sind sexy, findet Michel Houellebecq. Weitaus sexier jedenfalls als die Franzosen, seine Landsleute, von denen er nur die allerschlechteste Meinung hat, was Lust und Erotik betrifft - alles Legende. Heute herrsche in Frankreich noch größere sexuelle Depression als anderswo. Er muss es wissen, schließlich hatte schon in Elementarteilchen sein Romanheld in den Swinger-Clubs am liebsten Kontakt mit toleranten Ehepaaren von jenseits des Rheins. In seinem neuen Werk sind Deutsche die idealen Geschäfts-Partner für die Visionen von einem weltumspannenden Netz aus Ferien-Clubs für in Sex-Not befindliche Europäer.

Michel Houellebecq hat viele Fans in Deutschland. Sie stehen Schlange an der TAT-Kasse und am Büchertisch (darum hatte er eigens bitten lassen - kein Trubel hinter seinem Rücken!), wenn der Albtraum der politisch korrekten Zeitgenossen mit krakeliger Kinderschrift Widmungen verteilt. Soeben ist Plattform, lang ersehnt, heiß erfleht, auf Deutsch erschienen. Seit dem Sommer, als das Buch in Frankreich herauskam, wehten die Gerüchte von "Tabubruch" und "Provokation" über den Rhein herüber. Trieben sich in Elementarteilchen die Hauptfiguren noch in europäischen Sex- und Swingerclubs herum, so reisen sie in Plattform bis ins ferne Asien - der Liebe wegen: Sextourismus, einschließlich seiner kapitalistischen Vermarktungsmöglichkeiten, sind das Thema des Romans.

Monsieur Tristesse ist bester Laune. Kaum hat er auf der Bühne Platz genommen, zückt er die Pocket-Kamera und blitzt ins Publikum. Heitere Erinnerungsfotos. Reizend. Nichts mehr von finsterer Endzeitstimmung wie bei manchen seiner früheren Auftritte. Nach dem erneuten Erfolg mit Plattform scheint es dem Autor Michel Houellebecq nicht schlecht zu gehen - finanziell jedenfalls ganz sicher nicht. Und auch nicht, was sein Gemüt angeht.

Nur das Lesen ist nicht besser geworden. Nach wie vor flüstert Houellebecq seinen Text geheimnisvoll ins Mikrofon. Da Frankfurt die fünfte Station seiner Lesereise durch Deutschland und Österreich ist, kann er die ausgewählten Passagen mittlerweile auswendig, was es ihm ermöglicht, seine Zuhörerschaft besser in den Blick zu nehmen. Stechend blickt er drein, man könnte auch eindringlich sagen. Aber vielleicht schweift er auch nur in eine unbekannte Ferne. Gedankenverloren krault er sich mit der linken Hand den Haaransatz hinterm Ohr. Niedlich.

Während sein Übersetzer Uli Wittmann deutsche Passagen liest, hat Houellebecq Zeit für Zigaretten und Rotwein. Das Image des nikotinabhängigen Alkoholikers will gepflegt sein. Schade nur, dass die Texte nicht so skandalös sind wie gedacht. Gut formuliert schon, pointiert und bissig, keine Frage: "Ich erfuhr, dass die beiden Supergirls Babette und Léa hießen. Babette hatte blonde Locken, allerdings keine ,Naturkrause', sondern vermutlich eher künstlich gelocktes Haar; sie hatte schöne Brüste, die geile Sau, (...) Ich starrte die beiden Schnepfen sehr aufmerksam an, um sie für immer zu vergessen."

Michel, so heißt der Held im Roman, hält es zunächst eher mit der Bevölkerung vor Ort, in Bangkoks Massagesalons und "Health Centers". Dann trifft er eine Französin, mit der er nicht nur allerbesten Sex, sondern sogar so etwas wie Liebe erlebt. Glück bei dem Autor, der dies bisher immer nur vergeblich gesucht hat? So viel Leichtigkeit gab es nie bei Houellebecq, auch wenn der TAT-Abend fast in Rührseligkeit endet: Houellebecq liest auf Französisch die letzten Sätze seines Romans. "Man wird mich vergessen. Man wird mich schnell vergessen." Erstickte Stimme, Hand vor den Mund. Das Publikum erschrickt, erstarrt, der fällige Applaus verzögert sich. Was war das? Doch wieder Melancholie und Endzeitschmerz.

Noch ein paar Fragen, auch aus dem Publikum. Knappe, lakonische Antworten, schlagfertig, ein paar Bonmots zum guten Schluss. Im Foyer formt sich die Signier-Schlange. Kein Gedrängel - der kleine Mann mit dem großen Kopf schreibt in Ruhe. Fast eine Stunde lang.

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Leseprobe I Buchbestellung 0202 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau

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Plattform von Michael Houllebeqc, 2002, DuMont5.)

Plattform/Plateforme.
Roman von Michael Houellebecq (2001, DuMont - Übertragung Uli Wittmann).
Besprechung von Jens Dirksen in der NRZ, 2.2.2002:

Sextouristen, Porno und der nackte Realismus

"Plattform", der neue Roman des Skandalkönigs Michel Houellebecq, ist sowohl aus- als auch abschweifend. E r ist der Spürhund für lite- rarische Knalleffekte, wo immer auf dem Feld des öffentlichen Redens und Denkens die Tretminen auch liegen. Der 41-jährige Franzose Michel Houellebecq muss nur einen neuen Roman herausbringen, schon fliegen die ideologischen Fetzen. Die grausame Genauigkeit, mit der er die gesellschaftliche Durchschnittsexistenz als banales Unheil beschreibt, und die unverfrorene Art, mit der er Probleme wie die Gentechnologie zu Ende denkt, verhalten sich ohnehin zueinander wie Nitro und Glycerin.Nun also "Plattform", der Roman, der das Kunststück fertigbrachte, in Frankreich strenge Moslems und Frauenrechtlerinnen zugleich auf die Barrikaden zu treiben. Sie alle aber haben das Buch nicht als Roman, sondern als sozialphilosophischen Traktat oder Leitartikel gelesen. Dem leistet Houellebecq auch ein wenig Vorschub: Seine bedenkliche Neigung zum Herumtheoretisieren mitten im Erzählfluss ließ schon den vorherigen Roman "Elementarteilchen" geschwätziger ausfallen als das Debüt "Ausweitung der Kampfzone". Und - musste er seinen Protagonisten "Michel" nennen?

Kleine Soziologie der Gruppenreisen.

Auch in "Plattform" wird viel schwadroniert. Aber diesmal sinnvoll, wenn man von manchem Austausch von Körperflüssigkeiten im porno-trächtigen Mittelteil des Romans absieht, der eher ab- als ausschweift. Der Groß-Schwadroneur Michel, ein mittelmäßiger Kultusbürokrat mit ausgeprägter Kontaktscheu und ebenso ausgeprägter Kennerschaft der Peep-shows von Paris, trifft im Bumsbomber nach Bangkok Gleichgeprägte. Sie alle brauchen zum ungehemmten Ausleben ihrer Unterleibsbedürfnisse nicht nur Franc-Scheine, sondern auch Gründe, möglichst viele, möglichst gute. Selten dürfte das krude ideologische Denken des millionenfachen Sextouristen so authentisch, so exakt beschrieben worden sein. Dass Houellebecq die moralische Entrüstung beiseite lässt, ist das Vorrecht eines Romanschreibers. Der begeht geradezu einen Kunstfehler, wenn er eine seiner Figuren als hohles Sprachrohr benutzt. Erst in der Konstellation von Charakteren und Meinungen entwickelt sich die Wahrheit des Erfundenen, des Literarischen. "Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!" - also sprach ja nicht etwa Nietzsche und nicht einmal Zarathustra, sondern ein altes Weib, das diesem über den Weg lief und eine kleine Wahrheit schenkte, die sich aufführte wie ein Kind.... Und so gibt es in "Plattform" kurze Szenen, in denen mehr Erkenntnis steckt als in mancher Doktorarbeit. Ein halbes Dutzend Figuren und einen Reisebus, mehr braucht es nicht für eine kleine Soziologie der Gruppenreisen. Houellebecq ist kein gottgleicher Erzähler, alles hat eine Perspektive, die Urteile über den Islam wie die über uns: "In den westlichen Ländern war das Leben teuer, es war kalt; die Prostitution besaß einen niedrigen Standard. Es war schwierig, in öffentlichen Gebäuden zu rauchen, fast unmöglich, Medikamente und Drogen zu kaufen; man arbeitetet viel, es gab Autos und Lärm, und für die Sicherheit in der Öffentlichkeit war nicht ausreichend gesorgt. Insgesamt waren das eine ganze Menge Nachteile." Deshalb organisieren Michel und Valerie, die sich in Bangkok kennen und in Paris lieben lernen, den entspannten Sexurlaub als Standard-Katalogangebot für den besinnungslos arbeitenden Mitteleuropäer. So prallen am Ende der auf die erogenen Zonen ausgedehnte Radikalkapitalismus und islamischer Radikalismus blutig aufeinander. Alles, was man sich als menschlich, allzumenschlich vorstellen kann, wird dazwischen zerrieben. Nackter Realismus statt angezogener Handbremse.

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Leseprobe I Buchbestellung II02 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung