Plan D von Simon Urban, 2011, Schöffling1.) - 2.)

Plan D.
Roman von Simon Urban (2011, Schöffling&Co.).
Besprechung von Martin Korte in der Westfalenpost, 26.07.2011

Simon Urban aus Hagen überzeugt mit Debüt-Roman
Mit dem Roman „Plan D“ ist dem Hagener Schriftsteller Simon Urban (35) ein außergewöhnlich fesselnder Debüt-Roman gelungen. Ein Blick zurück nach vorn.

Die Mauer? Sie steht! Das Politbüro? Es regiert! Die Stasi? Sie schnüffelt! Das Volk? Hat Angst!

Ostberlin im Jahr 2011: Die Wende hat es nie gegeben. Seit 22 Jahren klammert sich der Staatsratsvorsitzende Egon Krenz an die Macht. Die Deutsche Demokratische Republik - sie lebt. Noch. Wirtschaftlich steht das Land am Abgrund, hängt am Tropf der BRD, muss gute Nachbarschaft heucheln, politische Veränderungen vorgaukeln, um die Staatsknete aus dem Westen nicht zu verlieren. Dann stirbt ein ehemaliger Berater von Krenz. Ermordet. Aufgehängt an einer Pipeline: Stasi-Methode. Der Spiegel berichtet, die DDR wankt. Wird die Unschuld des Geheimdienstes nicht bewiesen, dreht der Westen den Geldhahn zu. Und das Regime wäre am Ende. Der desillusionierte Volkspolizist Wegener und sein westdeutscher Kollege Brendel machen sich gemeinsam auf die Suche nach den Mördern.

50 Jahre nach dem Bau der Mauer schreibt Simon Urban deutsch-deutsche Geschichte fort

Das ist die Ausgangssituation des erstaunlichen Debüts von Simon Urban. 50 Jahre nach dem Bau der Mauer schreibt der Hagener Schriftsteller deutsch-deutsche Geschichte fort. Ein Krimi, eine Satire, ein Thriller - sein Buch „Plan D“ ist eine Mischung aus allem. Irreal, aber doch nicht unmöglich. Unglaublich, aber doch nachvollziehbar. Witzig, aber im Kern todernst.

Den real existierenden Sozialismus östlich der Mauer hat Urban, Jahrgang 1975, selbst nie erlebt, er kennt ihn nur aus zweiter Hand. Und trotzdem machte der ehemalige freie Mitarbeiter dieser Zeitung den Untergang der DDR zum Thema, recherchierte und schrieb insgesamt drei Jahre lang an „Plan D“. „Die Wiedervereinigung war das wichtigste politische Ereignis für Deutschland in den vergangenen 20 Jahren. Vergleichbares wird so schnell nicht wieder passieren“, sagt Urban, der mit seinem Buch auch eine politische Botschaft verbindet. „Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen“, zitiert der 35-Jährige den amerikanischen Philosophen George Santayana (1863 bis 1952). Will sagen: In „Plan D“ steckt auch eine Warnung an all jene, die heute noch immer unreflektiert dem Sozialismus hinterherlaufen. Seine DDR stehe als Modell für Diktatur und Unterdrückung. Die Stimmung des Misstrauens und der Angst habe Simon Urban jedenfalls gut getroffen, erzählen ehemalige Bürger der DDR, die das Buch schon gelesen habe.

Verlag hat Buch zum Spitzentitel des Sommers gekürt

Der Roman ist tiefgründig, sprachlich opulent, lustig, ironisch, spannend und politisch. Urban hat seinen eigenen Stil gefunden, kopiert nichts, sondern schafft Neues, verblüfft durch Sprachwitz und überraschende inhaltliche Wendungen.

Der Schöffling-Verlag hält „Plan D“ deshalb auch für so vielversprechend, dass er das Buch zu seinem Spitzentitel des Sommers gekürt hat. „Der Junge hat Kraft“, sagt Verleger Klaus Schöffling über Simon Urban. „Das war das erste Mal, dass ich ein komplettes Manuskript im Urlaub am Laptop gelesen habe. Es hat mich drei Tage lang gefesselt.“

Das Risiko, mit „Plan D“ einen Misserfolg zu landen, sieht Klaus Schöffling nicht. Seit gestern ist das Buch im Handel, die Hör- und Taschenbuchrechte sind bereits verkauft. Auch im Ausland stößt der Roman auf Interesse. Sogar ein tschechischer Verlag wird ihn übersetzen.

Simon Urban ist nun erst einmal gespannt darauf, wie sein Buch wahrgenommen wird und wie die Leser auf seinen alternativen Geschichtsentwurf reagieren, den er in der Tradition von Robert Harris’ Bestseller „Vaterland“ (1992) verortet. Der Brite ließ damals die Nazis den zweiten Weltkrieg gewinnen.

Egon Krenz und Oscar Lafontaine haben beide jedenfalls ein Exemplar bekommen, sich aber noch nicht geäußert. Der Saarländer ist in „Plan D“ Bundeskanzler. Eigentlich Grund genug, um das Buch mal aufzuschlagen.

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Plan D von Simon Urban, 2011, Schöffling2.)

Plan D.
Roman von Simon Urban (2011, Schöffling&Co.).
Besprechung von Jens Dirksen in der NRZ vom 7.8.2011:

"Lötzsch 2" statt „Hartz IV“
Simon Urban hat einen ganz besonderen Roman zur Einheit Deutschland geschrieben. Bei ihm gibt es nämlich keine. „Plan D“ erzählt von der DDR heute, wenn es sie noch gäbe...

Was für ein Buch, was für ein Wurf! Simon Urbans „Plan D“ ist d e r Roman zur deutschen Einheit – denn er spielt durch, was passiert wäre, wenn die Bundesrepublik die marode DDR 1990 nicht aufgekauft hätte. Das ist der grandiose Dreh dieses Romans: Er tut so, als habe es statt der Wiedervereinigung eine „Wiederbelebung“ gegeben, einen scheinbar demokratischen Putsch von Egon Krenz gegen Honecker.

Anschließend hat Krenz sogar Otto Schily nach drüben geholt, um die DDR von der Stasi „säubern“ zu lassen. Zehn Jahre später setzt der Roman ein – als atemnotspendende, rasante Krimi- und Agentenstory, als politischer Thriller, der mit leichter Hand und bösem Zwinkern Untiefen und Abgründe der Systemfrage erforscht.

Simon Urban spinnt eine Science-Fiction-DDR des Jahres 2011 aus, mit Liebe zum kuriosen Detail. Das Land hat noch 14,5 Millionen Einwohner, denn mit der „Wiederbelebung“ wurde auch die Mauer wieder geschlossen. Trabbis und Wartburgs sind vom Rapsol-betriebenen „Phobos“ abgelöst. Die Tom-Toms des Ostens heißen „Navodobro“, die Computer „Robotron“. Mit „Minsk“-Handys verschickt man „TNT“s und die neusten Modelle sind im Westen sehr begehrt.

Viagra heißt hier „Aufrecht“

Bei allem, was Überwachungstechnik angeht, liegt der Osten nämlich weit vorn: Das „M9“ arbeitet sogar mit automatischer Geruchsprobenentnahme, ist aber reserviert für den Geheimdienst, der doch noch viele Fäden in der Hand hat. Viagra hat der Osten auch, er nennt es „Aufrecht“. Sein Arbeitslosengeld heißt „Lötzsch 2“, der machtlose Vorsitzende des Ministerrats hingegen Gregor Gysi. Und Kanzler im Westen ist seit einem Jahr – Oskar Lafontaine. Vor den Kulissen der zerbröselnden DDR ermittelt Hauptmann Martin Wegener von der Kripo Köpenick (nur einer der Scherze am Rande). Denn da hing ein Mann an der Gas-Leitung Richtung Westen. Die Schnürsenkel des alten Mannes sind verknotet, so wie es früher bei Rache-Morden alter Stasi-Kader üblich war.

Der Fall wird brisant, weil der „Spiegel“ und sein Chefredakteur Claus Kleber davon Wind bekommen haben und die Story so weit aufblasen, dass die deutsch-deutschen Gas-Transfer-Verhandlungen zu scheitern drohen. Dabei ist die DDR auf die Devisen genauso angewiesen wie die BRD auf das Gas aus Russland. Um die Affäre sauber aufzuklären, bekommt Hauptmann Wegener zwei West-Ermittler an die Seite gestellt.

Einziger Schönheitsfehler: die Erotik-Szenen

Ein übles Doppel-Spiel beginnt. Wer will da die Gas-Verhandlungen sabotieren? Die Opec? Oder Russen, die höhere Preise für ihr Gas erzielen wollen? Der westdeutsche Greentec-Konzern für alternative Energien etwa? Es steckt allemal ein Plan dahinter, auch wenn es am Ende dieser elf Tage im Oktober 2011 ein ganz anderer wird als gedacht.

Wegeners ironiefunkelnde Aufklärungsarbeit zieht am Ende jedem System, das Menschen zwecks Menschheitsbeglückung bevormundet, die Hosen aus. Öfters sogar wortwörtlich. Darin liegt ein winziger Schönheitsfehler dieses sprachlich so geschmeidigen, lesestrudelreichen und einfallsprallen Romans voller Filmdialoge und -szenen: Was hier in tolldrastischer Absicht sein erotisches Wesen treibt, ist mitunter ein lärmendes Porno-Klischee im Mäntelchen der Parodie.

Dies ändert aber nichts daran, dass Simon Urban mit seinem grandios entworfenen „Was wäre wenn…“-Gedankenspiel die Muskeln der Literatur spielen lässt und sie mit den Mitteln der Phantasie zum Echoraum unserer Gegenwart macht. Ein Debüt, wie wir schon lange keins mehr hatten! In seiner politischen und literarischen Intensität ist es – bis hin zum emblematischen Buchumschlag – der „Blechtrommel“ eines Günter Grass an die Seite zu stellen.

Liebes- und stasikrank

Der liebes- und stasikranke Vopo-Hauptmann Wegener wird am Ende zwar zum Verlierer der Geschichte, aber hinter sämtliche Geheimnisse des Falls kommen. Wegen und trotz seines West-Pendants Brendel, der mit seinem S-Klasse-Mercedes in Ostberlin für Aufsehen sorgt. Und für den ehrlichen Neid seines Kollegen Wegener: „Der Westen hatte nicht nur mehr Beinfreiheit, er roch auch besser“. Punkt.

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