Place de la Bastille.
Roman von Leon de Winter (2005, Diogenes - Übertragung Hanni Ehlers).
Besprechung von Birgit Nüchterlein aus den Nürnberger Nachrichten vom 15.10.2005:

Die fixen Ideen eines Rastlosen
Leon de Winters frühe Helden

Für die Helden des niederländischen Starautors Leon de Winter sind Vergangenheit und Identität meist wenig stabile Größen. In der Regel mäandern die Protagonisten — jüdische Nachgeborene des Holocaust wie der Schriftsteller selbst — auf der Suche nach verlässlichen Anhaltspunkten für ihre eigene Geschichte durchs Leben.

Auch in de Winters eindringlichem Roman „Place de la Bastille“, der bereits 1981 geschrieben wurde, aber erst jetzt auf Deutsch zu lesen ist, hadert der Amsterdamer Geschichtslehrer Paul de Wit mit seiner Vergangenheit. Seine Eltern sind in der Vernichtungsmaschinerie des Dritten Reiches zu Tode gekommen, und damit sind auch seine Wurzeln, seine Verankerung in der Historie gleichsam gekappt.

Bürgerliche Fassade

Nur von außen betrachtet führt Ich-Erzähler Paul mit seiner Frau und den beiden Töchtern ein ganz bürgerlich unaufgeregtes Leben. Doch hinter der Fassade hat sich seine Krise bereits manifestiert. Paul, der sich Nächte lang mit vorsorglich aufgezeichneten Fernsehsendungen betäubt, schreibt seit Jahren an einem Roman über die Flucht Ludwig XVI. nach Varennes zu Beginn der Französischen Revolution. Belegen möchte er mit diesem ausschweifenden Projekt allerdings vor allem eins: Dass Geschichte nicht aus Zwangsläufigkeiten besteht, sondern vielmehr der Zufall Generator für historische Abläufe ist. Alles hätte also ebenso gut anders laufen können, wenn . . .

Dass dies auch für den Teil der Geschichte gelten könnte, die ihn persönlich berührt, wird für Paul zur fixen Idee. Seine Ludwig-XVI-Recherchen führen den Rastlosen und Getriebenen nach Paris, wo er in der jungen Jüdin Pauline eine Geliebte und Seelenverwandte findet. Gleichzeitig stößt er auf einen rätselhaften Mann, der sein Doppelgänger sein könnte — vielleicht aber auch sein Zwillingsbruder Philip, dem er nie zuvor begegnet ist.

Suche nach dem Bruder

Die mit Spannung aufgeladene Suche nach diesem vermeintlichen Bruder, durch dessen Existenz auch Paul de Wit seinen Platz in der Geschichte finden könnte, gerät zur Obsession, die Sehnsucht nach „einer Vergangenheit, die nie Vergangenheit werden konnte“, wird schier unerträglich. Und sie führt zu dem verzweifelten Versuch, aus imaginierten Unwahrscheinlichkeiten eine künstliche Familiengeschichte zu schaffen.

Auf knappen 160 Seiten konzentriert sich Leon de Winter in unverschnörkelt klarer Sprache ganz auf seinen so selbstkritischen wie selbstreflexiven Erzähler. Ohne Rücksicht auf Chronologie lässt er ihn im inneren Monolog Mosaiksteinchen für Mosaiksteinchen seine Geschichte zusammensetzen. Pathetisches Selbstmitleid bleibt dabei genauso außen vor wie die bizarren und kapriziösen Kapriolen, die sich später etwa de Winters tragikomischer und selbstironischer Held Leo Kaplan erlauben darf.

Vielmehr nimmt Pauls Sarkasmus stocknüchtern das Scheitern schon vorweg. Vergangenheit lässt sich eben nicht nachträglich zurechtkonstruieren. Die Suche nach der Identität wird weitergehen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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